Doppelte Buchführung ist tatsächlich ganz einfach, aber zugleich sehr abstrakt, weshalb es den meisten Leuten schwer fällt, sie zu verstehen. Da aber das heutige Geld, in der Doppelten Buchführung geschöpft, also geboren wird, ist es nur logisch, dass es selbst den Charakter einer Doppelten Buchführung hat. Das Geld ist selbst eine durch alle Adern und Kapillaren der Wirtschaft fließende Buchführung.
Für die Wirtschaft und die Gesellschaft der Zukunft ist es daher wichtig, dass jeder der sich daran beteiligen will, zumindest eine Ahnung von der Doppelten Buchführung und damit von der Geldschöpfung und dem Geld in seiner Funktion als fließende Buchführung hat. Wer die Doppelte Buchführung nicht beherrscht, wird vom Geldsystem und seinen Profiteuren beherrscht. Wer die Doppelte Buchführung aber begriffen hat, ist in der Lage, mit anderen Menschen gemeinsam ein freies Geld zu gestalten. Deshalb soll hier eine möglichst kurze Einführung gegeben werden.
von Michael Plein | 1. Oktober 2024
Im Jahr 1494 veröffentlichte der italienische Mathematiker Luca Pacioli in seinem Buch »Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalità«, zum ersten mal die Grundlagen der doppelten Buchführung in einer formalisierten Form. Luca Pacioli hat die doppelte Buchführung nicht erfunden, aber er hat sie systematisiert und trug damit zu ihrer Verbreitung bei den europäischen Kaufleuten bei.
Sein System erlaubte es jederzeit, praktisch, nachvollziehbar und lückenlos den Stand, die Struktur und die zeitliche Entwicklung von Vermögen und Schulden eines Kaufmanns darzustellen. So konnten die Kaufleute ihr Geschäfte sehr exakt im Überblick behalten. Außerdem konnten die Tätigkeiten räumlich ausgedehnt werden, weil eine durch einen Vertreter an einem anderen Ort geführte Doppelte Buchführung, jederzeit Aufschluss über den Stand und Verlauf der Geschäfte geben konnte. Die Doppelte Buchführung ermöglichte eine weitere kaufmännische Perspektive, weil man vergangene Geschäftstätigkeiten genau nachvollziehen und analysieren konnte, daraus seine Schlüsse ziehen und auch die Zukunft planen konnte.
Nicht zufällig fällt die genaue Beschreibung der Doppelten Buchführung zusammen mit der Entdeckung der Perspektive, also der Dreidimensionalität, in der Kunst. Laut dem deutsch-schweizerischen Philosophen Jean Gebser, der als einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstseinsforscher gilt, markierte diese Entwicklung den Beginn eines mentalen und rationalen Verstandsesbewusstseins in der europäischen Kultur. Luca Pacioli selbst war an der Veröffentlichung eines der ersten Bücher über die Konstruktion der Perspektive, mit dem Titel »De perspectiva pingendi« beteiligt.[1] Um das Jahr 1500 begann der europäische Mensch also, die Welt und damit auch das Geld nicht länger »flach«, sondern in einer weiteren Dimension zu begreifen.
Um diese erweiterte Perspektive zu erreichen, werden in der »Bilanz« die Veränderungen von Vermögen und Schulden aufgezeichnet und einander gegenübergestellt. Das Wort »Bilanz« kommt vom lateinischen bilanx und bedeutet »Zweischalenwaage« – denn in einer Bilanz müssen sich Vermögen und Schulden immer die Waage halten.
Die Darstellung erfolgt meist in Form eines »T«, das dieses Gleichgewicht sichtbar macht: Links stehen die Aktiva, rechts die Passiva. Die Aktiva umfassen Posten wie Lagerbestände, Kassenbestände oder Bankguthaben – also Werte, mit denen der Kaufmann »aktiv« wirtschaften kann. Diese Mittel stehen ihm zur Verfügung, um im Betrieb zu handeln, zu investieren oder einzukaufen.
Die Passiva hingegen bezeichnen die Herkunft dieser Mittel. Sie bestehen aus Eigenkapital, Krediten oder Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten – also dem, was dem Kaufmann von außen zugeflossen ist. Diese Mittel muss er in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt zurückgeben. Sie sind insofern »passiv«, als sie zunächst ruhen und dem Betrieb nur vorübergehend zur Verfügung stehen.
Die Doppelte Buchführung ist »doppelt«, weil jeder Betrag zweimal erfasst wird: auf der einen Seite wofür er verwendet wird und auf der anderen Seite woher er gekommen ist. Zahlt der Kaufmann zum Beispiel 10.000 Geldeinheiten (GE) aus seinem Privatvermögen in bar in seinen Betrieb ein, dann würde sich bei den Aktiva der Kassenbestand um 10.000 GE und zugleich bei den Passiva das Eigenkapital ebenfalls um 10.000 GE erhöhen. Das Eigenkapital ist allerdings ein Minus, denn – da muss man etwas um die Ecke denken – das Eigenkapital ist eine Schuld des Kaufmanns gegenüber sich selbst als Privatperson. Zugänge bei Aktiva werden als »Soll« erfasst, Zugänge bei Passiva als »Haben«. Andersherum werden Abgänge bei Aktiva als »Haben« und Abgänge bei Passiva als »Soll« erfasst. Da Soll und Haben am Anfang etwas verwirrend sein können, kann man auch einfach mit Plus und Minus arbeiten, dann muss man nicht zwischen Aktiva und Passiva unterscheiden.
Jeder Geschäftsvorfall wird durch einen »Buchungssatz« erfasst. Für das oben genannte Beispiel lautet der Buchungssatz: Kasse +10.000 an Eigenkapital -10.000 (Abb. 3a). Durch diesen ganz einfachen Buchungssatz wird festgehalten, wo der Betrag hingeht (in die Kasse) und deshalb ein Posten erhöht wird und wo der Betrag herkommt (aus dem Eigenkapital) und deshalb ein Posten vermindert wird. Würde der Kaufmann einen Kredit von 5.000 GE von einer Bank auf sein Bankkonto erhalten, wäre der Buchungssatz folgender: Bankguthaben +5.000 an Kreditverbindlichkeiten -5.000 (Abb. 3b). Insgesamt ergibt jeder einzelne Buchungssatz, so wie auch die gesamte Bilanz, in der Summe 0.
Ein Geschäftsfall muss aber nicht immer zugleich Aktiva und Passiva betreffen, es kann auch innerhalb der einen oder der anderen Seite der Bilanz Verschiebungen geben. Kauft der Kaufmann zum Beispiel für 3.000 GE Handelswaren und zahlt mit Bargeld, dann lautet der Buchungssatz: Lagerbestand +3.000 an Kasse -3.000 (Abb. 3c).
Das in Abbildung 3 gezeigte Beispiel soll nur das Grundprinzip der Doppelten Buchführung verdeutlichen. Tatsächlich können Buchungssätze komplizierter sein und mehr als nur zwei Posten betreffen. Außerdem wird neben der Bilanz eine Gewinn- und Verlustrechnung geführt, um die Aufwendungen und Erlöse innerhalb einer Abrechnungsperiode genau zu erfassen. In der Regel werden darüber hinaus weitere Neben- und Parallelbuchhaltungen für verschiedene Zwecke geführt.
Aber hier geht es nicht darum, zum Buchhalter zu werden, sondern darum zu verstehen, dass in der Buchführung jedem Vermögen, jedem Aktivposten, ein Passivposten und damit Schulden gegenüberstehen. Deshalb muss die Summe aller Aktiva und Passiva gleich Null ergeben. Ohne Schulden gibt es kein Vermögen. Da das Geld von der Zentralbank in der Doppelten Buchführung geschöpft wird, gibt es auch kein Geld ohne »Schulden«, wobei man hier gründlich darüber nachdenken müsste, welche Bedeutung diese Schulden haben und wer, wem, warum, was schuldet.
So rational und abstrakt und deshalb mühsam die doppelte Buchführung auch sein mag, so liegt in ihr wahrscheinlich doch etwas geheimnisvolles verborgen. Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seinem 1795 erschienenem Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« über die doppelte Buchführung:
»Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, uns durch das Einzelne verwirren zu lassen. […] Es ist eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter sollte sie in seiner Wirtschaft einführen.« [2]
Die doppelte Buchführung ermöglicht also »das Ganze« zu überschauen. Goethe meinte damit wohl den einzelnen Haushalt oder Betrieb als Ganzes. Da heute jedes Unternehmen und die meisten Organisationen ihre Geschäfte in der doppelten Buchführung aufzeichnen, wäre ein viel weiterer Überblick, als nur über den eigenen Betrieb, möglich. In den einzelnen Buchführungen spiegeln sich nämlich die Beziehungen zu allen Unternehmen mit denen man zusammenarbeitet. Was bei dem einen als Forderung verzeichnet ist, steht beim anderen als Verbindlichkeit da. Fügt man die Bilanzen von zwei Unternehmen zusammen, ergibt sich eine Gesamtbilanz und damit ein Überblick über beide Unternehmen als ein Ganzes.
Das kann man auch mit 20 oder 1.000 Unternehmen machen. Konzerne die aus mehreren einzelnen Unternehmen bestehen machen solche »Konzernabschlüsse«, um einen Überblick über das ganze Unternehmen zu bekommen.[3] Aus der Verschmelzung der Buchführungsdaten verbundener Unternehmen, lassen sich wichtige Informationen über die Wirtschaftlichkeit im Ganzen gewinnen. Das ist besonders interessant, wenn es um die Bildung der im Zukunftsfähigen Wirtschaftsdenken beschriebenen wirtschaftlichen Assoziationen geht.
Soll die Wirtschaft zukunftsfähig und nachhaltig werden, dann ist die »Ökologie« wichtig. Das Wort Ökologie kommt vom griechischen »oikos« und »logos«. »Oikos« heißt Haushalt, »logos« bedeutet soviel wie Lehre oder Weisheit vom Ganzen. Diese »Weisheit vom Ganzen Haushalt«, ermöglicht die Doppelte Buchführung und das Geld als fließende Buchführung in weltweitem Maßstab – mit ihrer Hilfe kann die Ökonomie zur Ökologie werden.[4]
Noch fantastischer wird die doppelte Buchführung, wenn man über die Symbolik des »T« als Grundform der Bilanz und jedes Unterkontos nachdenkt. Denn das T-Konto der doppelten Buchführung erinnert an das Tauzeichen oder das »Tao« des Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus. Dieses Symbol steht für den Einschlag des schöpferischen Geistes in die materielle Welt.[5] Das aus der Vertikalen kommende »Höhere«, landet auf der horizontalen Erdoberfläche und wirkt in die Erde hinein. Verlängert man die vertikale Linie des T um ein Stück nach oben, zeigt sich ein Christuskreuz, dass für mich den schöpferischen Wesenskern des Menschen symbolisiert, der im Kreuzungspunkt der Kreativität aus der Vertikalen und der Produktivität in der Horizontalen liegt. Das Christuskreuz kann als ein Symbol für den aufrecht auf der Erde stehenden Menschen verstanden werden, der mit seinem »Ich« zur Empfangsstation für vom Himmel kommende neue Ideen, für Kreativität und Zukunft wird und diese auf der Erde verwirklicht.[6]
Im meinen weiteren Artikeln zum Thema Geldsystem und Freies Geld, wird noch deutlich werden, warum nur das in der Doppelten Buchführung geschöpfte Geld es möglich macht, die Zukunft, die Kreativität, die Ideen durch die Fähigkeiten des Menschen für das Ganze auf die Erde zu bringen – also, dass der schöpferische Geist in die materielle Welt einschlagen kann:
Gebser, S. 48
Goethe 1795, S. 35
Gabler Online: „Konzernabschluss“,
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/konzernabschluss-41412 (Abruf 1.10.2024 10:30)
Stüttgen, Johannes im Ringgespräch Düsseldorf
Steiner 1990, S. 65
von Bechtolsheim 2007, S. 66