Die Transformation zum wirklich Besseren, zu einer dem Gemeinwohl und der Ökologie dienenden Weltwirtschaft ist längst passiert. Das in der Realität dieses »Bessere« nicht wirken kann, liegt an den überkommenen und stereotypen Vorstellungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Bevor man etwas anders oder besser machen kann, müssen diese Vorstellungen durch das Denken transformiert werden – hin zu Begriffen, die, jenseits des Bestehenden, wirklich zukunftsfähig sind.
von Michael Plein | 3. Februar 2022
Seit einigen Jahren wird von der »großen Transformation«[1] oder dem »Great Reset«[2] geredet. Gemeint ist damit meist, dass wir uns in einer Schwellensituation befinden, an der Grenze zwischen dem an sein Ende gekommenen Alten und dem noch nicht ganz klaren Neuen. Meist wird in dieser Situation versucht, durch technische und bürokratische Maßnahmen noch mehr vom Selben zu machen und irgendwie eine Veränderung zum Gemeinwohl oder zum Ökologischen zu erreichen.
Obwohl eine Veränderung seit Jahrzehnten notwendig ist, werden aber die grundlegenden Vorstellungen vom Wesen des Geldes, der Wirtschaft und des Sozialen meist gar nicht in Frage gestellt – die Kritiker der herrschenden Verhältnisse gehen oft nur in das Gegenteil dessen, was sie als falsch erkannt haben. Oder sie legen den Rückwärtsgang ein und suchen in längst vergangenen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen die Lösung. Die asozialen[3] Ausprägungen sind dann Vorstellungen von Antikapitalismus, Umverteilung, Verstaatlichung, Kollektivismus, Selbstversorgung oder eine geldlose Dorf- und Tauschwirtschaft und viele andere. Das Denken ist spürbar eingezwängt zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen freier Marktwirtschaft und Sozialismus. Das ist aber alles nichts Neues oder für die Zukunft Taugliches, weil – so oder so – dieselben begrenzenden Vorstellungen zugrunde liegen.
Transformation bedeutet jedoch eine Form jenseits des Bestehenden – dazu müsste sich zuerst (!) das Denken jenseits bestehender Vorstellungen und jenseits des überall vorherrschenden Realismus und Materialismus, hin zum Idealismus und einer »Spiritualisierung« des Materiellen, hin zum schöpferischen Denken bewegen. Mit Realismus ist hier die Vorstellung gemeint, dass man Änderungen in der Realität nur durch Handlungen in und an der äußeren physischen Realität verändern kann. Mit Materialismus ist die Vorstellung gemeint, dass alles was existiert aus der Materie entstanden ist, weshalb das seelische und geistige als Randerscheinung der Materie gilt. Idealismus meint das Gegenteil von Realismus, nämlich die Vorstellung, dass sich die äußere Realität durch innere denkende Tätigkeit im Feld des Ideelen gestalten lässt.
Solange dieses »kreative Denken« nicht anfängt, bleiben wir unfähig, eine bessere Zukunft zu gestalten. Denn, wer immer dasselbe denkt, der macht auch immer dasselbe. Wenn das was man denkt, aber zu einem Verhalten führt, dass nicht mehr funktioniert und immer größere Schwierigkeiten bereitet, dann muss man erstmal etwas Neues denken, bevor man weiter macht – auch wenn das »erstmal Denken« unpraktisch erscheint. Praktisch bedeutet jedoch, dass die eigenen Handlungen der Wirklichkeit entsprechen. Handlungen die sich aus irrigen Vorstellungen ableiten, entsprechen nicht der Wirklichkeit. Solches Handeln kann zwar den Anschein erwecken, man sei Aktiv oder ein »Macher«, das kann aber auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unpraktisch ist.
In der Vor- und Frühgeschichte, der Antike und im Mittelalter, war die Wirtschaft durch kleine und verstreute Selbstversorgerwirtschaft geprägt. In der Zeit vom 16. bis in das frühe 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der bis dahin verbreiteten ländlichen Privatwirtschaft der Merkantilismus, mit durch Kaufleute geprägten nationalen Volkswirtschaften.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann sich die Industrialisierung zu entwickeln und mit ihr der Kapitalismus. Der Kapitalismus war zu diesem Zeitpunkt eine gute Möglichkeit, die enormen Mengen an Geld einzusammeln, die gebraucht wurde, um die großen neuen Fabriken aufzubauen. Zu Beginn der Industrialisierung gab es nämlich noch keine staatlich institutionalisierten Zentralbanksysteme, die das benötigte Kapital als Kredit hätten zur Verfügung stellen können. Diese Zentralbanksystem entwickelten sich in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vorreiter war die Bank of England, der im Jahr 1844 per Gesetz das alleinige Recht zur Ausgabe von Banknoten in England und Wales übertragen wurde.[4]
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich dann die entscheidende Verwandlung vollzogen, die bisher weitgehend unbewusst ist: seitdem hat sich ein von Nationalstaaten entkoppeltes globales Wirtschaftsgewebe gebildet, dass anders zu begreifen ist, als alles was vorher war. Die Wirtschaft hat sich weitestgehend unbemerkt in eine schöpferische, zukunftsfähige, nachhaltige und gemeinwohlorientierte Weltwirtschaft verwandelt. Das ist bereits mit der industriellen Arbeitsteilung, der Globalisierung und der Verbreitung der Buchgeldschöpfung vor über 100 Jahren passiert. Diese moderne Wirtschaftsform bezeichne ich als »kreative Weltwirtschaft«.
Diese kreative Weltwirtschaft ist eine Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Kommunismus.[5] Heute widerstreiten nicht mehr die Kapitalisten und Proletarier, sondern jetzt wirken die Unternehmer mit denen, die die richtigen Fähigkeiten für das Unternehmen haben, zusammen, um gemeinsam etwas Sinnvolles für die Zukunft zu unternehmen. Die grundlegenden Prinzipien die hier wirken, sind die Freiheit durch individuelle Fremdversorgung, die Liebe durch universelle Zusammenarbeit und die Demokratie durch rechtliche – nicht gesetzliche – Gleichheit.[6]
Nun sieht die Realität der vergangenen 100 Jahre aber ganz anders aus. Das eigentliche Problem ist, dass die meisten Verantwortlichen (und im Sinne des Freiheitsprozesses ist jeder selbst verantwortlich) die längst passierte Verwandlung nicht begreifen und stattdessen ein Wirtschaftsdenken pflegen, dass von einem wirren Gemisch von Vorstellungen einer »Tausch- und Privatwirtschaft« und eines auf das materialistische, nationalistische und egoistische reduzierten Wirtschaftens besteht.[7]
Die überall offensichtliche Verdrehung, Misswirtschaft und Zerstörung ist daher kein Ergebnis eines falschen Wirtschaftslebens, sondern die Folge längst überholter Vorstellungen, die dieses Wirtschaftsleben immer wieder stören. Aus überholten Vorstellungen, vor allem vom Geld, folgen falsche Handlungen – und da haben wir den Schlamassel. Das Bewusstsein von Weltwirtschaft und damit auch die sozialwirtschaftliche Praxis sind längst nicht mehr auf dem aktuellen Stand!
Das Vorstellungen von Wirtschaft, Arbeit und Geld sind irrational und voller Widersprüche, Verdrehungen und Verwirrungen. Das ist mir einmal sehr deutlich geworden, als ich einem Video von einem Finanzexperten in den sozialen Medien zusah, in dem er sich bitterlich über den Krieg beschwerte: »Ich beziehe klar Position: Ich bin gegen den Krieg! Krieg ist das furchtbarste. Krieg ist die Hölle. Im Krieg geht es nur um Geld, Macht und Ressourcen, nicht um Demokratie und Menschenrechte. Ich werde nicht kämpfen! Meine Kinder ziehen nicht in den Krieg!« Das Paradox dabei ist, dass dieser Mann sein Geld als Finanzberater damit verdient, tausenden Leuten zu erklären, wie sie durch »Investments« in Aktien, Kryptosysteme, Rohstoffe oder Edelmetalle aus ihrem Geld mehr Geld machen. Dort wird sogar mit Agrarprodukten gehandelt – aber über den Hunger in der Welt hatte er sich ja noch nicht beklagt.
Dieser Finanzexperte erzeugt durch seine Vorstellungen über Kapital und Geld, selbst den Kriegszustand, über den er sich so sehr beschwert. Der Zusammenhang scheint ihm aber nicht bewusst zu sein. Ich vermute das sich da etwas unbewusstes abspielt. Es bleibt unhinterfragt, was Geld, Arbeit, Wirtschaft, Kapital und Kapitalismus und deren Folgen jetzt sind und erst recht was sie im eigentlichen Sinne sind. Das muss unbewusst bleiben, weil sonst die eigene Identität, das Geschäftsmodell und die Existenzgrundlage in Frage stehen würden. Damit würde das kritische hinterfragen der herrschenden Verhältnisse zur existenziellen Krise. Deshalb braucht es vielleicht diese Art der Selbstablenkung, bei der Ich mich bewusst gegen den Krieg engagiere, und unbewusst den Krieg verursache. Hier läuft auf der psychischen Ebene etwas schief. Das Denken wird durch unreflektierte Selbstverständlichkeiten, Gefühle und Annahmen beherrscht und verwirrt. Deshalb ist das kein Problem, sondern ein Paradox.
Das Wort »Paradox« kommt aus dem griechischen und bedeutet etwas widersinniges und widersprüchliches.[8] Solange das Denken durch unbewusste Widersprüche, aufgrund unklarer Begriffe, beherrscht wird, gibt es keine Möglichkeit für eine Lösung, denn das Denken, dass versucht das »Problem« zu lösen, verwirrt sich immer wieder selbst, weil ihm seine eigene Verwirrung nicht klar ist. Der Quantenphysiker David Bohm schrieb in seinem Buch »Der Dialog – Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen« zu Problem und Paradox:
»Es muss jedoch betont werden, dass keine Auflösung des Paradoxons möglich ist, solange es als Problem behandelt wird. Im Gegenteil, das »Problem« kann nur wachsen und in ständig wachsenden Verwirrungen ausufern. Denn es ist ein wesenhaftes Merkmal des Denkens, dass das Gehirn an einem Problem arbeiten wird, bis es eine Lösung gefunden hat, …«
— David Bohm [9]
Ein Paradox als Problem zu bearbeiten, es nur mit dem Verstand und mit materialistischen Erklärungsansätzen in den Griff kriegen zu wollen, ist so, als würde man versuchen ein Feuer mit Benzin zu löschen. Der Geldsystem wird, von jedem Einzelnen, der sein eigenes vom Verstand beherrschtes Denken nicht kritisch hinterfragt, ständig wieder erzeugt und erhalten. Zur Lösung muss Ich selbst mein Denken langsam lockern, beweglich machen und weiterentwickeln.
Eine zukunftsfähige Wirtschaft und Gesellschaft benötigt deshalb keine Revolution, keine technokratischen Maßnahmen und auch keine staatliche Reglementierung, sondern eine zielstrebige Bewusstseinsbildung bei den Verantwortlichen – bei Unternehmern, Führungskräften, Spitzenpositionen und Regierenden, und bei Jedem, der sich selbst bestimmen, sich selbst führen und für die Zukunft etwas Sinnvolles unternehmen will.
Das Bewusstsein muss den Entwicklungssprung nachvollziehen, der schon längst Wirklichkeit geworden ist. Das bedeutet, feststehende Vorstellungen in Frage zu stellen und die Wirtschaftsbegriffe wirklich weiterzudenken, egal was die etablierten Volks- und Wirtschaftswissenschaften dazu bisher meinten. Deren Starrheit und Ratlosigkeit hat ohnehin seit Jahrzehnten keine wirklichen Lösungen hervorgebracht.[10]
Durch selbstverantwortliches Denken und klares Herausarbeiten der Begriffe von Arbeit, Geld, und Wirtschaft, wird sich sicher eine vernünftige Lösung entwickeln.[11] Dieses Buch will dabei helfen, das Denken neu zu orientieren und die Begriffe zu erweitern, über die Schwelle in Richtung Zukunft. Dieser Prozess wird zu einem Wechselspiel aus Transzendenz (ein Bewusstsein jenseits der bestehenden Vorstellungen entwickeln) und Transformation (eine Form jenseits der bestehenden Strukturen verwirklichen). Zwischen Transzendenz und Transformation braucht es eine Bewegung, und mit dieser Bewegung muss jeder bei sich selbst anfangen.
Schellnhuber 2011, S. 1
Malleret/Schwab 2020, S. 20
das Soziale störend
Senf 2014, S. 77-80
Kelly/Beuys, S. 23, 44
Schmundt 1982, S. 13
Schmundt 1982, S. 41
Paradoxon n. ‘wirklich oder scheinbar widersinnige bzw. auffallende, sonderbare Behauptung […] von griech. parádoxos (παράδοξος) ‘der gewöhnlichen Meinung zuwiderlaufend, wider Erwarten, unvermutet, auffallend, sonderbar, seltsam’, https://www.dwds.de/wb/Paradox (Abruf 18.7.2024 18:30 Uhr)
Bohm 1996, S. 126
Kelly/Beuys 1994, S. 48-49
Stüttgen 2011, S. 8