Die Vorstellung vom Rentenkapital führt zu gegenseitiger Ausbeutung. Wird Kreativität als das eigentliche Kapital begriffen, löst sich das Problem – die einzig sinnvolle Verwendung von Kapital ist die Vermehrung von Fähigkeiten.
von Michael Plein | März 2022
Es ist weit verbreitet, den Kapitalismus als Grund allen Übels in der Welt zu kritisieren. Frage ich die Kritiker aber, was Kapitalismus eigentlich ist, bekomme ich selten eine klare Antwort. Die klarste Antwort, die ich bisher gefunden habe, ist eine Definition des französischen Sozialwissenschaftlers Luc Boltanski:
»Minimaldefinition Kapitalismus: zentral für den Kapitalismus ist die Forderung nach unbegrenzter Kapitalakkumulation durch den Einsatz formell friedlicher Mittel. Sein Hauptmerkmal ist, dass das Kapital mit dem Ziel der Profitmaximierung, d.h. der Mehrung des sodann erneut investierten Kapitals, immer wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeleitet wird.« [1]
Kapitalismus bedeutet also das unbegrenzte ansammeln und anhäufen von Kapital. Diese Kapitalvermehrung soll passieren, indem Kapital in die Wirtschaft »investiert« wird, wo das Kapital »arbeitet«, weshalb es später mit einem Profit entnommen werden kann. Das vermehrte Kapital wird erneut investiert und so weiter.
Mit dieser Beschreibung ergeben sich mir einige Fragen: Was bedeutet unbegrenzte Vermehrung in einer begrenzten physischen Welt? Sind »formell friedliche«, also den Gesetzen und Vorschriften entsprechende, Mittel auch immer wirklich friedlich? Ist Kapital, das nicht wieder investiert wird, noch Kapital? Und vor allem, was ist eigentlich Kapital?
Dieser aus der Frühindustrialisierung stammende Kapitalbegriff ist nicht mehr ganz vollständig und zeitgemäß, weshalb ich ihn im Weiteren als Kapital 1 bezeichne, in Abgrenzung zum erweiterten Begriff vom Kapital 2. Kapital 1 bedeutet also zunächst Kapital = Geld.
Der Kapitalismus ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Steuerung von Wirtschaftsprozessen über den Markt (Angebot und Nachfrage) beruht. Um die Steuerung über den Markt zu erreichen, müssen Arbeit, Geld und Boden zu Waren gemacht werden (Kommodifizierung zu Humankapital, Finanzkapital und Sachkapital), damit sie einen Preis haben, um am Markt gehandelt werden zu können.
Damit wird es möglich, mit Geld mehr Geld zu verdienen – Kapitalismus bedeutet also schlicht, aus Geld mehr Geld zu machen. Geld wird in Unternehmen, genauer in Produktionsmittel eingesetzt, mit dem Ziel, dass man am Ende mehr Geld haben wird. Es soll ein Profit, ein Zins, eine Rendite oder auch Rente erzielt werden.
Nun gibt es schon lange viel Kritik am Kapitalismus, weil das, was man sich bisher als Kapitalismus vorstellt, tatsächlich viele Probleme verursacht – welche das sind, kann sich jeder selbst denken. Aber vielleicht ist der Kapitalismus garkein Problem, sondern ein Paradox, weil die Zustände und Schwierigkeiten die wir mit dem Kapitalismus erleben, nicht durch den Kapitalismus erzeugt werden, sondern durch unsere eigenen unhinterfragten Vorstellungen vom Kapitalismus, die zu bewusstlosem Verhalten führen, welche den Fortschritt, den der Kapitalismus vielleicht in seiner Anfangszeit brachte, heute eher verhindert.
Der aus der Frühindustrialisierung stammende Kapitalbegriff ist nämlich heute nicht mehr ganz vollständig und zeitgemäß, weshalb ich ihn im Weiteren als »Kapital 1« bezeichne, in Abgrenzung zum erweiterten Begriff vom »Kapital 2«.
Kapital 1 bedeutet also zunächst: Kapital = Geld.
Das »Paradox« mit dem Kapitalismus lässt sich lösen, wenn Kapital als »Kreativkapital« oder »Fähigkeitenkapital« begriffen wird. Das Sachkapital, die Produktionsmittel entstehen nämlich nur dann, wenn eine bestimmte Arbeit besser organisiert wird, sodass sie wirtschaftlicher wird. Dasselbe Ergebnis kann durch den Einsatz von weniger Mitteln erreicht werden – in der begrenzten physischen Welt entsteht eine »Freiheit von« [Abb] durch höhere Produktivität – das ist der Gewinn.[2]
Welchen Grad an Befreiung die Entwicklung moderner Produktionstechnik ermöglicht, will ich am Beispiel der Besiedlung des Schwarzwalds verdeutlichen. Als der Schwarzwald von den ersten Siedlern urbar gemacht wurde, zogen kleine Gruppen mit Äxten ausgerüstet in den Wald und begannen Bäume zu fällen. Für das Fällen, Entasten und Zerteilen eines Baumes haben mehrere Männer eine Woche lang gearbeitet. Sie haben »nur« eine Woche gebraucht, weil sie ja immerhin das Produktionsmittel »Axt« zur Verfügung hatten – mit bloßen Händen wäre das Unternehmen schwierig bis unmöglich gewesen. Heute schafft diese Arbeit ein sogenannter »Harvester«, eine vollautomatische Holzerntemaschine, in wenigen Minuten. Das Gerät fährt an den Baum heran, der Greifarm umschließt den Stamm, eine Motorkettensäge durchtrennt den Stamm in Sekunden. Dann wird der abgetrennte Baum, der noch im Griff der Maschine ist, auf die Seite gelegt und durch den Greifer gezogen, wobei wieder in Sekunden alle Äste entfernt werden. Dann wird der Stamm in die andere Richtung durch den Greifer gezogen, wobei er in regelmäßigen Abständen von der Motorsäge in verladefertige Stücke zertrennt wird. In diesem Beispiel wird die Arbeit jetzt viel produktiver organisiert, sodass eine Menge »Freizeit«, eine »Freiheit von« gewonnen wird. Wo vorher mehrere 100 Stunden harte körperliche Arbeit notwendig waren, wird jetzt nur noch einige Minuten, von einer klimatisierten Kabine aus, die Holzerntemaschine bedient.
Um Arbeit in dieser Weise produktiver zu organisieren, müssen durch Kreativität gute Ideen und Fähigkeiten entwickelt werden, um die Produktionsmittel weiterzuentwickeln. An diesem Punkt ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die gewonnene »Freiheit von« jetzt in »Freiheit für« Kreativität und Fähigkeiten [Abb] verwandelt werden muss. Der »Freiraum« und die »Freizeit« die gewonnen wurden, müssen durch Kreativität mit neuen Ideen und Fähigkeiten erfüllt werden, um die Arbeit in Zukunft noch besser organisieren zu können. Dabei geht es nicht um das übliche »höher, schneller, weiter«, es geht nicht um quantitatives Wachstum, sondern es geht um qualitative Entwicklung, die dazu führen wird, dass die Produktionsverfahren zunehmen wirtschaftlicher, umweltfreundlicher und feinstofflicher werden.
Wird das durch die »Freiheit von« entstandene Vakuum aber nicht sinnvoll ausgefüllt, dann wird es meist mit Begierden und Ablenkungen, also mit Unsinn gefüllt. Außerdem entwickelt sich »Das Ganze« immer weiter. Wenn Ich meine gewonnenen Freiheitsgrade nicht verwende, um weitere Fähigkeiten zu entwickeln, sondern bei dem stehen bleibe, wo Ich stehe, dann bleibe Ich irgendwann in der Entwicklung zurück, gehöre zu den Zurückgebliebenen und gehe unter.
Ein zukunftsfähiger Begriff vom Kapital, ist also notwendig, wenn wir als Gesellschaft nicht untergehen wollen. Der Künstler Joseph Beuys fasste diesen zukünftigen Begriff vom Kapital in der einfachen Formel »Kunst = Kapital« zusammen. Er diskutierte diesen erweiterten Kapitalbegriff bereits auf einer Wahlveranstaltung der Partei »Die Grünen« zur bayerischen Landtagswahl in Kempten im Jahre 1982:
»Denn ich habe gesagt, dass, wenn man von einer Wirtschaftsordnung spricht, in der der Kapitalbegriff für die menschliche Fähigkeit und für die Kreativität steht und nicht mehr wie heute für das Geld, dann werden wir in Zukunft einen Wirtschaftsbegriff haben, in dem der Begriff des Kapitals so hoch und so menschlich richtig ist, dass man dann wieder berechtigterweise von “Kapitalismus” sprechen würde, auf einer neuen Ebene, d.h. in einer völlig metamorphorisierten Form. Ich habe nicht von einer Verbesserung dieses westlichen Privatkapitalismus gesprochen. Er ist zum Untergang “gesegnet” bereits, wie dieser Herr ja auch schon festgestellt hat. Ich habe also den Begriff des Kapitals – der bedeutet ja auch das menschliche Haupt, natürlich auch mein Hut, bedeutet es auch – oben, Kapital ist oben ja… Also das Kapital ist der wichtigste Begriff der Menschheit, aber nur wenn man ihn mit der Kreativität, mit dem Geist des Menschen in Verbindung bringt. Und das geschieht ja nicht in einer Gesellschaft, wo man unter “Kapital” das Geld versteht, also das Monetarisitische versteht, was auf den Profit ausgeht und auf Gewinnbeteiligung ausgeht, vom Kleinen bis zu den allergrößte Größenordnungen. Das nenne ich gar nicht Kapitalismus, das nenne ich Wahnsinn! (zögernder Beifall) D.h. Kapitalismus hat’s noch nie gegeben, wie es auch Kommunismus nie gegeben hat.« [3]
Hätten die Politiker und ihre Wähler ihre reichlich gewonnene »Freiheit« in den vergangenen 40 Jahren mehr darin »investiert«, an solchen Begriffen zu arbeiten, wäre ihr eigener Zustand und der Zustand des Sozialen Ganzen heute vielleicht ein besserer.
Die »Freiheit von« muss in »Freiheit für« Kreativität und Fähigkeiten [Abb] verwandelt werden – Fähigkeiten sind das eigentliche Kapital, sie sind die innere Quelle für das Wirtschaftsleben und die Produktion. Würde dieses geistige Potential nicht durch die Unternehmen auf der Erde wirken, würde kein Kapital 1 entstehen. Das Kapital hat also zwei wechselwirkende Qualitäten: das im Außen entstehende Sachkapital und das von Innen hervorgehende Kreativkapital. Kreativkapital kann durch den Abbau von Sachkapital entwickelt werden. Sachkapital kann durch den Abbau von Kreativkapital entstehen. So gedacht ist die einzig sinnvolle Verwendung für Sachkapital die Verwandlung in Kreativkapital und umgekehrt.
In der Wirtschaft der Zukunft wird das erreicht, indem aus den Unternehmen keine Gewinne mehr entnommen, sondern diese in Assoziation mit anderen Unternehmen ausgeglichen werden. Das befreit den Unternehmer vom Renditezwang [Abb], die Menschen erhalten volle Einkommen und alle Kredite können getilgt werden. Damit wird der Kapitalismus 2 zu einer Geisteshaltung und Wirtschaftsordnung, die immer neue, schönere und bessere Fähigkeiten und Ideen hervorbringt. In diesem Kapitalismus 2 würde jeder Mensch sich in seiner Arbeit selbst bestimmen und selbst verwirklichen. Jeder Mensch würde sein besonderes Potenzial entwickeln und dafür verwenden können, das das Ganze, die Weltwirtschaft und Weltgesellschaft, die Menschheit selbst sich weiterentwickelt.
»Jeder Mensch ist ein Künstler«. Oft wird dieser berühmte Satz von Joseph Beuys falsch verstanden, weil man meint, jeder Mensch wäre also Balletttänzer, Klavierspieler oder Aquarellmaler. In der Zeitschrift DER SPIEGEL sagte Beuys 1984 etwas genauer:
»Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich selbst bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit. Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er Künstler. …«[4]
Das heißt, jeder Mensch hat eine schöpferische Kraft, einen künstlerischen Auftrag. Jeder hat einen Grund, warum er auf diese Erde gekommen ist: nämlich durch seine einzigartigen Fähigkeiten etwas zum Sozialen Ganzen, zur Gesellschaft als Kunstwerk, zur »Sozialen Plastik«, beizutragen und so sich selbst und die Welt zu veredeln.
Hier fallen Beruf und Berufung, Freiheit und Verantwortung, Fähigkeit und Kapital zusammen.
Mit den herrschenden Vorstellungen von Kapital und Wirtschaft ist das Ende der Fahnenstange jedoch schnell erreicht, weil es normal ist, dass man Geld verdienen muss. Wenn man aber die Kunst, die Kreativität, die Zukunft kommerzialisiert, dann geht das meistens schief, denn man muss dann die höhere Sache dem Profit unterordnen. Die Zukunft wird durch den Kommerz behindert. Um das zu lösen, sind die Begriffe von der Wirtschaft der Zukunft so wichtig.[5]
Boltanski 2006, S. 39
Steiner 1922, S. ?
Kelly/Beuys 1994, S. 76
DER SPIEGEL Nr. 23/1984, S. 182
Plein 2024, S. 56