Echte Unternehmen entstehen, wenn Menschen etwas Sinnvolles unternehmen und eine dynamische Balance zwischen Produktivität und Kreativität finden. Der Unternehmer fungiert hierbei als verbindendes Medium, das statt reinem Profit einen wirklichen Benefit für die Gemeinschaft und die Zukunft anstrebt. Arbeit ist in diesem Sinne keine banale Pflicht zur Selbstversorgung, sondern ein individueller und gemeinsamer Schöpfungsprozess, der durch Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung geprägt ist. In einer global vernetzten Arbeitsteilung durchdringen sich Fähigkeiten- und Warenströme, wodurch Dienstleistungen zu vergeistigten Waren und Produktionsmittel zu verkörperten Fähigkeiten werden. Wirtschaft wird so als ein lebendiges, soziales Weltunternehmen begreifbar, das auf universeller Zusammenarbeit und gegenseitiger Versorgung beruht.
von Michael Plein | 11. Juni 2024
Im Freiheitsprozess symbolisiert die Grundform des Kreises das Unternehmen als ein Ganzes. Jedes Unternehmen hat nämlich eine produktive Außenseite, das ist das Feld der Produktivität und eine kreative Innenseite, das ist das Feld der Kreativität. Im Diagramm wird das Feld der Produktivität durch die untere graue Hälfte des Kreises und das Feld der Kreativität durch die obere gelbe Hälfte des Kreises dargestellt. Dazwischen, im mittleren Feld, wirkt der Unternehmer. Dieses Führungsfeld wird im Diagramm als das zentrale rote Feld, dass sich mit dem Feld der Produktivität und der Kreativität überschneidet dargestellt. Alle drei Felder ergeben das ganze Bild vom zukunftsfähigen Unternehmen.
Am äußersten Pol der Außenseite entsteht das Produkt, also das, was beim Unternehmen »unten« rauskommt. Das Produkt ist das körperliche Erzeugnis der unternehmerischen Tätigkeit, die hier, durch das Unternehmen, auf die Erde und damit auf den Punkt gebracht wird – daher wird der »Produktpol« als Punkt (vgl. Abb. 3.3.1) dargestellt.
Ein Produkt entsteht nicht auf zufällige oder natürliche Weise, sondern weil Menschen an der Natur arbeiten – sie wirken in die Natur und formen die natürlichen Stoffe zu Produkten um. Ist diese Arbeit nicht bloß instinktiv, wie beim Jäger und Sammler, dann geht ihr ein geistig-kreativer Vorgang voraus.
Bevor irgendwer etwas arbeitet, etwas unternimmt, muss derjenige von dem was er machen will eine Idee durch sein Denken erfasst haben. Diese Idee muss nicht immer von Anfang an klar sein. Es kommt oft vor, dass bei der anfänglichen Initiative des Unternehmers die Idee noch unbewusst als starker Willensimpuls wirkt. Ohne eine Idee aber geht es nicht. Die Idee, also die Unternehmensidee, ist deshalb der innerste Pol, die geistige Quelle, aus der heraus sich das Unternehmen entwickelt – deshalb wird der »Ideenpol« als Spirale (vgl. Abb. 3.3.1) dargestellt.
Der Sinn eines Unternehmens ist es, Bedürfnisse zu erfüllen. Es geht nicht um Profit, also darum Geld mit dem Unternehmen zu verdienen, sondern darum, zu erkennen, wo eine Not ist, was gebraucht wird, um es dann herzustellen.[1][2] Der Unternehmer hat Erkenntnisse davon, welche Bedürfnisse noch unerfüllt sind und deshalb tut er was not-wendig ist, er ergreift die Initiative, um das zu ändern. Notwendigkeiten und Bedürfnisse zu Erkennen, ist eine besondere unternehmerische Fähigkeit. Damit steht der Unternehmer »Dazwischen«: zwischen den beiden Polen, zwischen Idee und Produkt, zwischen Kreativität und Produktivität, zwischen Traum und Realität. Der Unternehmer ist ein »Realträumer«, der aus dem Feld der zukünftigen Möglichkeiten die richtige Idee erfasst und sich daran macht, sie in einem stimmigen Produkt zur Realität zu machen.[3]
Die Position des Unternehmers im Zentrum ist ein wesentlicher Kreuzungs- und Umwendungspunkt – deshalb wird dieses Zentrum als Kreuz dargestellt. Durch dieses Zentralkreuz verlaufen alle Fähigkeitenströme, Warenströme und Geldprozesse, die im Folgenden noch beschrieben werden. Der Unternehmer steht in diesem Mittelpunkt als Initiator, Medium und Leiter. Er ist es, der zu Beginn der Unternehmung die Energie aufbringt, den Impuls gibt, um etwas Sinnvolles anzufangen. Mit der weiteren Entwicklung des Unternehmens, hat der Unternehmer die Aufgabe, alle Strömungen und Prozesse mit denen das Unternehmen verbunden ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu organisieren und zu leiten. Das Feld des Unternehmers und der Unternehmensführung wird im Diagramm als rote Fläche zwischen dem Feld der Produktivität und dem Feld der Kreativität dargestellt – das Rot ist ein Symbol für die hier notwendige Dynamik, Wärme und Willenskraft.
Laut dem Wirtschaftslexikon ist ein Unternehmen »eine wirtschaftlich-finanzielle und rechtliche Einheit, für die das erwerbswirtschaftliche Prinzip konstituierend ist«[4]. Das »erwerbswirtschaftliche Prinzip« wird als »konstituierend« genannt, was wohl bedeuten soll, dass ein Unternehmen auf diesem Prinzip gründet oder aus diesem Grund gegründet wird. Das »erwerbswirtschaftliche Prinzip« ist die »normative Vorstellung von wirtschaftlicher Betätigung zum Zweck der Gewinnerzielung«.[5] Also der »normative« und damit wahrscheinlich willkürlich ausgedachte Grund und die Aufgabe eines Unternehmens ist danach, Geld zu verdienen und Profit zu machen. Aufgrund der bisher verbreiteten Definitionen und Vorstellungen von Unternehmen ist zu beobachten, dass die meisten Leute als Erstes, auf die Frage »Was ist die Aufgabe eines Unternehmens?», die Antwort »Geld verdienen!« geben.
Für das weitere Verständnis ist es aber sehr wichtig, den Gedanken zuzulassen, dass der Sinn des Unternehmens nicht der Gewinn (Profit, Erwerbsprinzip), sondern die Erfüllung von wirklichen Bedürfnissen (Benefit, Gemeinwohl), bei bestmöglicher Wirtschaftlichkeit, ist. Sich den Profit vom Unternehmen »wegzudenken«, ist innerhalb der bestehenden Dogmen[6]2 schwer, aber es muss sein – weil diese Vorstellung Unsinn ist und die ganze Gesellschaft an ihrer Zukunftsfähigkeit hindert.[7] Wenn Unternehmen Waren herstellen, bloß weil man damit Profit machen kann, diese Waren aber nicht wirklich gebraucht werden – so wie es heute des Öfteren vorkommt –, dann ist das unwirtschaftlich, weil dadurch Wirtschaftswerte (Fähigkeiten, Produkte, Rohstoffe) verschwendet werden. Solche verschwenderischen Unternehmen, sind eigentlich »Un-Unternehmen«, und wenn das viele so machen, dann ist das Misswirtschaft.
Jedes Unternehmen hat zwei Seiten, ein Außen und Innen, die in einem polaren Verhältnis stehen: Produktivität und Kreativität. Produktivität ist der bestehende Betrieb, die Arbeitsprozesse, Produktionsmittel, Qualitätssicherung, Instandhaltung, Marketing, Personalplanung usw.. Das Feld der Produktivität repräsentiert das, was das Unternehmen in der Vergangenheit geworden ist. Der Unternehmer hat die Aufgabe, dieses Feld zu stabilisieren. Das Feld der Kreativität ist dagegen die Zukunft des Unternehmens, und bedeutet die Entwicklung neuer Ideen, Produkte, Mittel, Organisationsformen und Strategien. Dieses Feld muss dynamisiert, also beweglich gehalten werden. Ist der Unternehmer sich über die Wechselbeziehung von Produktivität und Kreativität nicht bewusst und vernachlässigt er daher die Kreativität zugunsten organisierender und kontrollierender Tätigkeiten, kann das existenzgefährdend werden. Es ist deshalb wichtig, eine Beziehung zur Zukunft zu entwickeln und dabei über die Grenzen des eigenen Betriebes hinaus, auch soziale, kulturelle, politische, technische, wirtschaftliche, ökologische oder monetäre Entwicklungen einzubeziehen.[8]2
Unternehmer brauchen die Fähigkeit, sich, neben der Perspektive auf das Bestehende und die Produktivität, auch dem Zukünftigen und der Kreativität hinzugeben. Im Diagramm zeigen die beiden blauen Dreiecke diese beiden Perspektiven oder Blickwinkel des Unternehmers, in die Vergangenheit und in die Zukunft, an.
Im Folgenden wird mit dem Freiheitsprozess das Bild vom freien und kreativen Unternehmen und seiner gemeinwohlorientierten Wirtschaftlichkeit immer weiter ausdifferenziert, um die kreative Weltwirtschaft richtig zu begreifen. Wenn der Zusammenhang zwischen den Begriffen der kreativen Weltwirtschaft, der schöpferischen Arbeit und dann dem freien Geldwesen klarer wird, wird auch klar, dass niemand einen persönlichen Profit braucht, weil jedes sinnvolle Unternehmen, jede notwendige Investition und jedes angemessene Einkommen im Ganzen finanziert werden kann.
Moderne Industrieprodukte entstehen mit einem hohen Grad an Arbeitsteiligkeit. Die Arbeit zahlreicher Menschen fließt in die Herstellung von Düsenflugzeugen, Quantencomputern oder auch von Joghurt in Plastikbechern ein. Für die wirtschaftliche Produktion braucht es die Fähigkeiten vieler Menschen im Betrieb oder am Fließband und auch die der Ingenieure, der Designer, der Kaufleute, des Personalwesens, der Führungskräfte und unzähliger anderer.
Im vorigen Artikel wurde ein Unternehmen als Ort und sozialer Zusammenhang beschrieben, in dem Menschen gemeinsam etwas Sinnvolles für die Zukunft unternehmen. Das Gemeinsame ist hier besonders hervorzuheben. Was hier unternommen wird, könnte einer allein nämlich nicht schaffen, weil es unterschiedlicher und spezieller Fähigkeiten bedarf, um das Produkt herzustellen.[9] Das bedeutet eine Arbeitsteilung, eine Aufgliederung der Arbeitsprozesse ist notwendig. Eine solche Arbeitsorganisation verbessert die Wirtschaftlichkeit, erhöht die Produktivität und die Qualität der Produkte.[10] Das was »unten« herauskommt, ist mehr als nur die Summe der einzelnen Arbeitsschritte, weil hier das geistige Potenzial vieler Menschen zusammenwirkt.
Wenn im Folgenden von Unternehmen die Rede ist, sind damit Industrieunternehmen gemeint, also Organisationen mit industrieller Arbeitsteilung.
Bei dem Wort Industrie haben viele eine Vorstellung von riesigen, dunklen Werkhallen, schweren, lärmenden, dampfenden Maschinen und dem Geruch von Stahl und Öl im Kopf. Aber das ist nicht alles, was Industrie ausmacht. Das Wort Industrie kommt vom Lateinischen »instruere« und bedeutet ursprünglich »(hin-)einfügen, herrichten, errichten, ausrüsten« und »industrius«, was »regsam, beharrlich« bedeutet.[11] Industrie oder industrielle Produktion bedeutet, dass Menschen fleißig und beharrlich etwas errichten, etwas aufbauen, nämlich das, was andere Menschen brauchen. Und das tun sie gemeinsam, arbeitsteilig, weil es einer alleine – im Gegensatz zu einem Handwerk oder einer Dienstleistung – nicht kann.
Dazu müssen die vielfältigsten Fähigkeiten in den Produktionsprozess hineinströmen. Diesen Fähigkeitenstrom zeigt im Diagramm die grüne S-Kurve. Sie verläuft vom oberen Pol durch das Zentrum zum unteren Pol. Die Quelle des Fähigkeitenstroms liegt im Inneren, im kreativen Denken des einzelnen Mitarbeiters – er schöpft Fähigkeiten aus sich selbst heraus. Jede Fähigkeit ist dabei etwas Individuelles, Heiliges und Einzigartiges – und jede Fähigkeit wird irgendwo gebraucht. Es kommt auf jeden Einzelnen an, Niemand ist ersetzbar. Aber es hängt nicht vom Einzelnen ab, sonst kämen wir nicht voran.[12][13]
Im Zentrum nimmt der Unternehmer den Fähigkeitenstrom auf und verdichtet ihn, indem er die richtigen Menschen »beruft«, deren Fähigkeiten in die Produktion leitet und die Zusammenarbeit organisiert. Hier geschieht eine Umwendung der Kreativität aus dem Innen des Einzelnen in die gemeinsame Produktion, in die Zusammenarbeit im Außen. Die Fähigkeiten werden zur »Leistung«. Auch diese »Umstülpung« von innen nach außen verdeutlicht die grüne S-Kurve.
Der Vorgang der »Berufung« von Fähigkeiten durch den Unternehmer wird zu einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe, denn es geht nicht mehr bloß darum jemanden für einen »Job« mit standardisierter »Arbeitsplatzbeschreibung« zu finden, sondern es geht um die »Berufung« und damit den »Beruf« des Menschen. Bei der Berufung von Mitarbeitern wird die Frage nach dem individuellen Potenzial, dem Talent, dem »künstlerischen Auftrag« und der Lebensaufgabe des Einzelnen, vornehmlich. Der Unternehmer und der Bewerber müssen im vertrauensvollen Gespräch erkennen, in welchem Zusammenhang die Fähigkeit und Aufgabe des Bewerbers, mit der Unternehmensidee steht.
Die berufenen Fähigkeiten fließen in die Zusammenarbeit, wodurch unter Einsatz von Rohstoffen und Produktionsmitteln die Produkte hergestellt werden.[14] Diejenigen Produkte, die für den Konsum, den Verbrauch durch Haushalte und Endverbraucher bestimmt sind, heißen Waren. Die Waren strömen nun, da sie fertig sind, wiederum vom unteren Pol zum oberen Pol, in das Feld der Kreativität. Das zeigt im Diagramm die rote S-Kurve.
Die Waren werden von Konsumenten gekauft und an diese geliefert und damit geschieht im Vergleich zum Fähigkeitenstrom ein gegenpoliger Vorgang. Die im Außen entstandene Ware wird für das Innen verbraucht. Das Konsumieren macht es dem Einzelnen möglich, erneut kreativ tätig zu sein – Konsumtion ermöglicht Kreativität. Auch hier geschieht eine Umstülpung, diesmal von Außen nach Innen.[15]
Um zum Beispiel einen Becher Joghurt herzustellen, braucht es Milchkühe, Kuhzüchter, Tierärzte und Landwirte. Wenn Ich überlege, wie viele Menschen allein daran beteiligt sind, dass die Tierärzte und Landwirte an Schulen und Universitäten ausgebildet werden können, dann kann Ich mir das schon fast nicht mehr vorstellen. Was Ich mir vorstellen kann, ist, dass der landwirtschaftliche Betrieb und die Molkerei aus Gebäuden bestehen, die von Bauunternehmen und ihren Mitarbeitern hergestellt wurden. Außerdem werden Fahrzeuge und technische Anlagen zur Verarbeitung der Milch benötigt, die von Tausenden von Mitarbeitern in Auto- oder Maschinenfabriken und bei deren Zulieferern und deren Zulieferern hergestellt werden.
Allein um den Becher selbst, das Etikett, den Deckel herzustellen, braucht es eine ganze Industrie, die die Verpackungsmaterialien aus Kunststoff, Aluminium und Papier herstellt. Dafür braucht es Designer und Drucker, Druckmaschinen, Chemiker, Bauxiterzbergwerke und Aluminiumhütten, Walzwerke, Stromkraftwerke, Ölförderanlagen, Raffinerien und vieles mehr. Weiter braucht man für die Herstellung des Joghurtbechers die Lebensmitteltechniker für die Rezepturen, komplizierte Produkte wie Computer für die Verwaltung, Fahrzeuge für die Auslieferung, Supermärkte, Kühlanlagen, Banken für den Zahlungsverkehr und vieles mehr. Verfolge Ich diesen ganzen Produktionszusammenhang, dann sind offensichtlich unzählige Menschen – theoretisch sogar jeder Mensch – auf der Welt an der Produktion dieses einen Joghurtbechers beteiligt.
Mit diesem Gedankengang, weitet sich das Bild nun über das einzelne Unternehmen hinaus, denn man stellt ja seine Waren nicht nur für die eigenen Mitarbeiter her, sondern für viele Menschen in einem Wirtschaftsgebiet oder in der ganzen Welt. Deshalb bedeutet das Diagramm ab diesem Punkt nicht mehr nur ein einzelnes Unternehmen, sondern ein verwobenes und gemeinsames Wirken vieler Unternehmen. Wegen der weltweit verwobenen Arbeitsteilung, die ich am Beispiel des Joghurtbechers angedeutet habe, kann ich sagen, dass die Fähigkeiten aller Menschen in irgendeinem Zusammenhang mit dem Herstellungsprozess im einzelnen Unternehmen sind. Die Produktivität, das Umwandeln von Fähigkeiten in Waren, im Zusammenhang aller Unternehmen, nenne ich im Diagramm Produktion. Die Kreativität, das Umwandeln von Waren in Fähigkeiten, bei allen Menschen, nenne ich im Diagramm Konsumtion.
Das Diagramm zeigt damit jetzt zwei Qualitäten von Arbeit. Die bekannte »produktive Arbeit« im Feld der Produktion bedeutet den Abbau von Fähigkeiten und den Aufbau von Produkten. Die andere Qualität der Arbeit ist die »kreative Arbeit« im Feld der Konsumtion. Das bedeutet den Abbau von Waren und den Aufbau von Fähigkeiten. Dieser, als Doppelschleife dargestellte wechselwirkende Arbeitsprozess zwischen Konsumtion und Produktion, Fähigkeiten und Waren, Innen und Außen, ermöglicht es, immer differenziertere und höhere Qualitäten von Produkten und Fähigkeiten zu erreichen.
So gesehen ist Arbeit keine banale Pflicht zur Selbstversorgung, denn sie ermöglicht Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Menschen gehen arbeiten, um ihre besonderen Fähigkeiten, das was die Menschen »wirklich wirklich wollen«[16], in die Zusammenarbeit und damit für das Ganze einzubringen. So gedacht kann der Einzelne durch das konsumieren von Waren seine Kreativität, seine Fähigkeiten entwickeln und sie dann in der Zusammenarbeit mit anderen verwirklichen, wodurch im Ganzen alles hergestellt werden kann, was jeder Einzelne braucht – und so weiter.
Bewusste Konsumtion ist deshalb auch keine wahllose Verschwendung und kein Luxus. Konsumtion ermöglicht Selbstbestimmung, denn der Einzelne kann individuell entscheiden, welche Waren er verbrauchen muss, um seine Fähigkeiten für das Ganze zu entwickeln. Das muss jeder selbst, nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Das jeder frei entscheiden kann, was er kauft und konsumiert, das ermöglicht das Geld, denn mit dem Geld ist (noch) nicht vorgegeben, was man dafür kaufen kann. Auf dem Geldschein oder dem Kontoauszug steht nicht vorgeschrieben, was Ich damit kaufen darf, sondern darüber kann Ich selbst verfügen.
Damit die Menschen ihr volles Potenzial entfalten können, müssen Bedürfnisse nach Wohnung, Kleidung, Nahrung, Heizung, aber auch nach seelischer und geistiger Entwicklung, Bildung, sozialen Beziehungen oder Gesundheit erfüllt werden. Wer seine Berufung und seine Fähigkeiten erkennt, der kennt auch seine wirklichen Bedürfnisse.
Er kann und muss bewusst alle Waren verbrauchen, die nötig sind, um seine Fähigkeiten zu erneuern und weiterzuentwickeln, denn das ist von Bedeutung für die Weiterentwicklung des Ganzen. Damit bekommt der oft negativ belastete Begriff des Konsums eine erweiterte Bedeutung und wird zu Konsumtion.[17] Konsumtion ist kein sinnloses Verbrauchen von Waren und damit von Natur, sondern Konsumtion ist das sinnvolle Verbrauchen von Waren, damit die Fähigkeitenbildung möglich ist.
Das Ganze ist ein Schöpfungsprozess in der Wechselwirkung von produktiver Arbeit und kreativer Arbeit, von Produktion und Konsumtion. In die Produktion bringe Ich meine Fähigkeiten für das Ganze ein und kann mich selbst, durch produktive Arbeit verwirklichen, indem Ich für alle anderen sorge. In der Konsumtion stehen im Ganzen die Waren individuell für mich zur Verfügung, wodurch Ich mich, in meiner kreativen Arbeit selbst bestimmen kann, weil alle anderen für mich gesorgt haben.
Ein Unternehmen steht nie für sich allein. Durch die Waren- und Fähigkeitenströme ist es weltweit verwoben mit allen anderen Unternehmen und damit auch mit allen Menschen, egal ob diese produzieren oder konsumieren. Dieses Gewebe bildet ein Weltunternehmen, ein soziales Ganzes – die Weltgesellschaft. Wirtschaft ist nicht vom privaten alltäglichen Leben abgelöst, sondern sie ist der soziale Organismus, der durch universelle Zusammenarbeit und individuelle Fremdversorgung Menschen, Ideen und Natur verbindet und veredelt.
In den Artikeln über Unternehmen und Arbeit habe ich bereits beschrieben, wie die Fähigkeiten der Mitarbeiter in die Produktion strömen. Außerdem fließen Rohstoffe in die Produktion und damit in das Produkt ein, wie es im Diagramm der braune Pfeil zeigt, der von tief unten aus der Erde kommend auf den Produktpol zuströmt. Die Rohstoffe werden aus der Erde abgebaut und durch den Einsatz von Fähigkeiten zu Produkten umgeformt.
Weiter benötigt die Produktion Maschinen und Vorprodukte. Das Einfließen dieser Produktionsmittel wird durch die kleine grüne Schleife im Feld der Produktion dargestellt. Diese grüne Schleife ist eine Verlängerung des Fähigkeitenstroms. Durch diese Schleife fließen mit der Investition in Produktionsmittel die Fähigkeiten der Mitarbeiter der liefernden Unternehmen indirekt, sozusagen verkörpert in den Maschinen und Vorprodukten, in die eigene Produktion ein. Deshalb überlagert sich auch hier das Kreisbild des einzelnen Unternehmens mit dem der liefernden Unternehmen.
Die Zahl der eingesetzten Fähigkeiten erweitert sich damit auf eine unüberschaubare (komplexe) Menge, denn auch das liefernde Unternehmen beruft Mitarbeiter und bezieht seine Produktionsmittel wiederum von weiteren Unternehmen. Die Wertschöpfungsketten in der heutigen Weltwirtschaft sind dabei so komplex, dass Ich theoretisch annehmen kann, das jedes Unternehmen und damit auch die Fähigkeiten aller Menschen an der jeweils eigenen konkreten Produktion beteiligt sind. Das Bild vom Freiheitsprozess, welches eben noch ein einzelnes Unternehmen zeigte, zeigt also jetzt die Gesamtheit aller weltweit tätigen Unternehmen – das Weltunternehmen.
Hinzu kommt, dass in den Produktionsmitteln nicht nur die Fähigkeiten der Menschen verkörpert sind, die aktuell in der Produktion arbeiten. Es sind auch unzählige kreative Leistungen aus der Vergangenheit verwirklicht, bis zurück zur Erfindung des Rades oder des Feuers. Außerdem sollte ein besonderes Augenmerk auf den Fähigkeiten liegen, die die Menschen noch entwickeln werden, die aus der Zukunft kommen. Hier besteht also wieder ein Verhältnis aus Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.[18]
Dieser Gedanke über sehr weit verzweigte und auch über die Zeit verwobene Wertschöpfungsketten ist wahrscheinlich nicht neu. Viele Leute sind es aber gewohnt in Haus- und Kleinwirtschaftlichen Zusammenhängen zu denken. Vielen ist nicht bewusst, dass die Waren, die sie täglich verbrauchen, aus einem Weltzusammenhang aller Unternehmen hervorkommen. Ein Unternehmen ist kein geschlossenes und privates System, das für sich allein funktioniert. Auch eine Nation als Wirtschaftsgebiet ist nicht geschlossen. In der globalisierten Wirtschaft von heute, haben Unternehmen komplexe Beziehungen zu allen anderen Unternehmen.
In diesem Weltzusammenhang sind neben den eigenen Mitarbeitern auch Mitarbeiter von Lieferanten, Geldgebern oder Kunden beteiligt. Das betrifft neben den üblichen Geschäftspartnern aber auch weniger deutliche Zusammenhänge: Das Unternehmen ist auch mit Schulen und Universitäten verbunden, in denen z.B. ihre Mitarbeiter ausgebildet wurden oder in denen für das Unternehmen wichtige Forschung betrieben wird. Das Unternehmen ist verwoben mit den sozialen und politischen Prozessen in den Regionen und Ländern in denen es tätig ist. Das Unternehmen ist verwoben mit den regionalen Landwirten, die für die Grundversorgung der eigenen Mitarbeiter mit Nahrung sorgen. Das Unternehmen ist verwoben mit den chinesischen Wanderarbeitern, die in einer weit entfernten Fabrik die Notebook-Computer zusammenbauen, mit denen die eigenen Mitarbeiter die Buchhaltung im Home-Office machen.
Auf der Seite der Konsumtion fließen ebenfalls indirekt unzählige Fähigkeiten in die Fähigkeitenbildung der eigenen Mitarbeiter ein. Zum einen bilden die Mitarbeiter Fähigkeiten, wenn sie Waren von anderen Unternehmen konsumieren – zum anderen, wenn sie Dienstleistungen konsumieren. Mit Dienstleistungen sind hier Produkte gemeint, die dem Erhalt und der Erweiterung der Fähigkeiten des Einzelnen dienen, die aber nicht industriell arbeitsteilig erzeugt werden: z.B. Schriftstellerei, Pflege, Gastronomie, Handwerk, Therapie, Bildung oder Kunst. Dienstleistungen sind also Produkte, die ein Handwerker, ein Arzt, ein Lehrer mit seinen eigenen Fähigkeiten – ohne industrielle Arbeitsteilung – herstellen kann.
Im Diagramm zeigt die kleine rote Schleife im Feld der Konsumtion, wie der Warenstrom in den Dienstleistungsbereich einfließt. Die Dienstleister verbrauchen nämlich industriell hergestellte Waren, um im Zusammenwirken mit ihren eigenen Fähigkeiten ihre Dienstleistungen zu erstellen. Diese Dienstleistungen dienen nun wiederum dazu, die Fähigkeiten anderer Menschen zu erneuern. Es strömen hier unzählige Ideen und Fähigkeiten in den Prozess hinein.
Ein Arzt zum Beispiel verbraucht für seine Dienstleistung Praxisräume, Strom- und Wasserversorgung, Möbel, Telefon und Computer, medizinische Geräte, Kleidung, Medikamente und vieles mehr. Der Arzt verwandelt diese industriell hergestellten Waren im Zusammenwirken mit seinen Fähigkeiten, um seine Patienten gesund zu machen, was wiederum bei diesen Fähigkeiten bildet – so werden die Industriewaren zu Fähigkeiten vergeistigt. Der Patient ist vielleicht selbst als Dienstleister, zum Beispiel als Erwachsenenbildner tätig und kann, wenn er gesund ist, Fähigkeiten mit seinen Schülern entwickeln. Seine Schüler sind vielleicht auch als Dienstleister tätig und entwickeln weitere Fähigkeiten mit anderen Menschen. Da geht der Prozess der kreativen Arbeit also mehrmals durch die Dienstleistungsschleife hindurch. Der andere Fall ist, dass die Menschen in der industriellen Produktion tätig sind und ihre Fähigkeiten einsetzen, um Produktionsmittel oder Waren herzustellen. Damit fließen die Fähigkeiten also wieder in das Produktionsfeld.
Im Ganzen kann man sagen, dass alle Unternehmen und alle Menschen ein weltweites Beziehungs- und Fähigkeitengeflecht bilden. Dieses Geflecht ragt weit in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein, denn alles was wir heute unternehmen, baut auf dem auf, was Generationen vor uns unternommen haben – bis zurück zur Erfindung des Feuers oder des Rades. Genauso werden kommende Generationen auf dem Aufbauen, was wir heute unternehmen. Das ist ein lebendiges soziales Ganzes – der Prozess der Menschheitsentwicklung.[19] In dieser Entwicklung des ganzen sozialen Menschheitsorganismus ist Konkurrenz sinnlos, denn Unternehmen sind hier wie die Zellen oder Organe – damit der Organismus gesund bleibt, muss man nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Egoismus, also ein Verhalten zum persönlichen Vorteil, ist nicht nur asozial, sondern auch selbstzerstörerisch, weil es den sozialen Organismus, von dem jeder selbst ein Teil ist, krank macht.
»Dem Anwenden stehen heute allerdings zwei Haupthindernisse entgegen: das alte Denken, die geschichtlich längst überholten Begriffe, mit denen der soziale Organismus beschrieben wird und die egoistischen Interessen Einzelner oder von Gruppen, die noch immer glauben, die herrschenden Praktiken seien zu ihrem Vorteil. Das ist aber eine ganz kurzsichtige Einstellung, die sich nicht nur auf Kosten des Wohles der Allgemeinheit auslebt, sondern in ihren schädlichen Auswirkungen je länger je mehr auch auf die Urheber des Übels selbst zurückschlägt. Das kurzsichtige egoistische Denken, auf das man seine Illusionen baute, hat sich als Bumerang für die ganze Menschheit erwiesen.«
— Wilhelm Schmundt [20]
Das weltweite Geflecht aus Unternehmen und Menschen und ihren Fähigkeiten, bedeutet »universelle Zusammenarbeit« – theoretisch arbeitet jeder mit jedem zusammen. Alle Menschen arbeiten weltweit vernetzt daran, alles zu produzieren, was der einzelne braucht, um seine Fähigkeiten zu entwickeln – man arbeitet immer für andere. Niemand arbeitet für sich selbst, keiner ist Selbstversorger. »Individuelle Fremdversorgung« bedeutet, dass jeder aus der zur Verfügung stehenden Warenvielfalt konsumieren kann, was er jeweils braucht, um seine individuellen Fähigkeiten aufzubauen, weil andere es hergestellt haben, also Waren aufgebaut haben. Die eigene besondere Fähigkeit kommt wiederum zur Geltung, um Waren für andere herzustellen. Wenn Ich mir einmal vorstelle, wieviele Industriewaren Ich jetzt im Moment am eigenen Leib trage: Hemd, Hose, Schuhe, eine Uhr, eine Brille, eine Zahnfüllung usw.. Nichts davon könnte Ich selbst herstellen. Das schöne ist, unzählige andere Menschen haben es für mich hergestellt.
Damit bin Ich befreit, meine einzigartigen Fähigkeiten zu verwirklichen, um etwas für andere herzustellen. Trotz aller Irrungen und Wirrungen des heutigen Wirtschaftssystems, die meist auf die Geld-Stereotype zurückzuführen sind, ist es heute schon tatsächlich so, dass alle für Einen arbeiten und Einer für Alle arbeitet.
Daraus folgt eine immer weitere Spezialisierung, Differenzierung und Höherentwicklung der Fähigkeiten, was eine steigende Qualität von Waren bei sinkendem Aufwand ermöglicht. Die Sache wird immer wirtschaftlicher, wodurch der Einzelne von der Selbstversorgung befreit wird und irgendwann das quantitative Wachstum in eine qualitative Entwicklung übergehen kann.[21] Durch wechselwirkendes Aufbauen von Fähigkeiten und Waren auf der linken Seite des Diagramms, und Abbauen auf der rechten Seite, werden der Mensch, die Ideenwelt und die Natur immer weiter »veredelt«.
Der Gedanke, dass eigentlich jeder Mensch der mir über den Weg läuft, daran beteiligt ist alles das herzustellen, was ich für meine individuelle Weiterentwicklung benötige, dieser Gedanke erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Und damit wird auch klar, dass das Prinzip, das in der Weltwirtschaft wirkt die Brüderlichkeit, die Selbstlosigkeit, also die Liebe ist.
Auf einem Wahlplakat zur Europawahl 2024 der FDP, war eine Mitarbeiterin der »Schwerkraft« abgebildet und geschrieben stand: »Wirtschaft liebt Freiheit so wie Du.« Was vermutlich damit gemeint war, ist, dass in der Wirtschaft das Prinzip der banal verstandenen Freiheit herrschen soll, damit jeder willkürlich seinem Profitstreben nachgehen kann – damit ist Egoismus gemeint. Dieser Egoismus – das muss Ich mir mal klar machen – der endet im Krieg jeder gegen jeden: Denn wenn jeder immer nur nach seinem Schnäppchen, seinem Rabatt, seinem Zinsertrag, seinem Stück vom Kuchen giert, und meint er müsse dazu den anderen etwas wegnehmen, weil ja laut Ökonomen nicht genug für alle da ist, dann ist das ein permanenter Kriegszustand. Das ist ein richtiger Glaubenskrieg, weil jeder glaubt er kriegt nicht genug. Dieser Glaube daran, dass es nicht Genug gäbe, und die Aufgabe der Ökonomie wäre es, diese Knappheit zu verwalten, das ist die Grundannahme der Volkswirtschaftslehre.[22]
Volkswirtschaft als »Lehre von der Knappheit« ist aber wahrscheinlich Unsinn. In der Wirtschaft herrscht nämlich das Prinzip der Liebe. Die Liebe zur Menschheit und ihrem Fortschritt hin zur Freiheit, und die Liebe zu jedem Einzelnen, der seine Fähigkeiten für diesen Evolutionsprozess auf der Erde verwirklicht. Wenn das passiert – und das passiert schon längst, auch wenn es kaum jemandem bewusst wird – dann entfaltet sich Kreativität und das bedeutet Fortschritt und Fülle. Wird ein Gut oder ein Rohstoff knapp, dann wird die menschliche Kreativität dafür, durch Innovation (eine neue Erfindung) oder Substitution (Ersetzen durch andere Güter oder Rohstoffe), eine Lösung finden.[23] Und weil die Wirtschaft die Freiheit des Einzelnen und des Ganzen liebt, sorgt sie so dafür, dass jeder alles hat was er braucht, um sich zu entwickeln. Die Wirtschaft erfüllt die Bedürfnisse der Menschen, sie befreit sie von Notwendigkeiten und damit für ihre Fähigkeit und Kreativität. Wirtschaft liebt Freiheit so wie Du!
In dieser Liebestat, in diesem wechselwirkenden Prozess zwischen Kreativität und Produktivität, zwischen Konsumtion und Produktion, in der Polarität von Freiheit und Fortschritt, ist, wie ich vorher schon beschrieben habe, die ganze Menschheit schicksalhaft verbunden. In diesem Evolutionsprozess gibt es keinen Weg zurück, denn das würde bedeuten die bisher errungene Freiheit, Fähigkeit und Kreativität wieder aufzugeben.[24]
Für den gesamten Text: Schmundt 1982, S. 00-00
Werner 2024, S. 62
Stüttgen 2011, S. 8
Werner 2024, S. 75 ff.
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/unternehmen-48087/version-369159 (Abruf 11.6.2024 15:00 Uhr)
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/erwerbswirtschaftliches-prinzip-33997 /version-257513 (Abruf 11.6.2024 15:00 Uhr)
festgelegte, starre Lehrmeinung, Anspruch auf Gültigkeit ohne ausreichende Beweisführung
Stüttgen 2011, S. 7
Glasl/Lievegoed 1993, S. 31
Stüttgen 2011, S. 11
Bader 2016, S. 78-79
Köbler 2022, S. 198
LaRouche 1992, S. 10
Beuys/Kelly 1994, S. 45
Stüttgen 2011, S. 14-15
Schmundt 1982, S. 39
Bergmann 2020. S. 21-28
Köbler 2022, S. 275
LaRouche 1992, S. 43-45
LaRouche 1992, S. 43-45
Schmundt 1982, S. 23
Stüttgen 1998, S. 13-14
Siebert/Lorz 2007, S. 16-17
Hörmann/Pregetter 2011, S. 175
Stüttgen 1998, S. 13-14