Die Vorstellung ein arbeitsloses »Einkommen« aus Renditen von Unternehmen zu beziehen ist einer der gründlichsten Gedankenfehler – Unternehmen sind nicht für die Profite da, sondern um wirtschaftlich die bestmögliche Qualität von Waren zu erzeugen, um so die wirklichen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen.
von Michael Plein | Januar 2022
Unternehmen müssen Geld verdienen – so ist die verbreitete Vorstellung. Gemeint ist, dass nach Abzug der Kosten von den Einnahmen ein Gewinn, ein Überschuss, übrig bleiben muss. Dieser soll als Profit zurück an sogenannte Investoren oder Kapitalgeber fließen. Der »Rentner« erhält seine »Rendite« als arbeitsloses Einkommen, da er in der Regel selbst seine Fähigkeiten nicht in den Arbeitsprozess einbringt. Zusätzlich zu den im vorigen Abschnitt genannten sechs Störungen, ergeben sich aus dieser verkehrten Vorstellung weitere ernste Folgen:
Der entnommene Gewinn entzieht der Produktion produktives Geld (P-Geld), weshalb weniger Geld für die Berufung von Fähigkeiten zur Verfügung steht. Es kommt zu einem Mangel an produktiven Fähigkeiten. (Abb. Anm. 1) Dieser Mangel bei den Einkommen der Mitarbeiter bedeutet, dass nicht die bestmöglichen Fähigkeiten berufen werden können. Dabei geht es nicht vornehmlich darum, dass man nicht die hochqualifizierten und bestbezahlten Leute beschäftigen kann, sondern darum, dass die, die schon im Unternehmen beschäftigt sind, ihre Fähigkeiten nicht optimal weiterentwickeln können. (Abb. Anm. 2)
Es kommt dann zu einem Mangel in der Qualität und Differenzierung der Fähigkeiten, weil für deren Aufbau nicht mehr voll gesorgt ist. Das hat zur Folge, dass auch die Produktionsmittel nicht mehr bestmöglich aufgebaut werden können, weil, wie im Artikel über »« beschrieben, die Produktionsmittel sozusagen kristallisierte Fähigkeiten sind. (Abb. Anm. 3) Neben den Fähigkeiten werden also auch die Produktionsmittel nach und nach aufgebraucht, wodurch bei der Qualität der Waren ein Mangel entsteht.
Es bleibt kaum Zeit und Geld, um darüber nachzudenken, ob die Waren die man verkauft auch wirklich weiter gebraucht werden. Man verkauft was man hat, was aus der laufenden Produktion kommt, ob es Sinn macht oder nicht, Hauptsache es rentiert sich. So werden dann oft nicht die wirklichen Bedürfnisse, sondern die Begierden und Wünsche der Menschen befriedigt, was sie aber von ihrer Fähigkeit und Kreativität ablenkt. Das stört wieder die Fähigkeitenbildung. (Abb. Anm. 4)
Durch die Gewinnentnahme wird das P-Geld in die Konsumtion geleitet. Dieses P-Geld ist aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch Waren gedeckt, weshalb der Warenwert nun geringer als die Geldmenge ist. Das hat zur Folge, dass die Preise steigen. Mit einer Geldeinheit kann dann weniger gekauft werden, das bedeutet die Kaufkraft vermindert sich. (Abb. Anm. 5)
Das P-Geld bildet dazu in der Konsumtion Geschwüre, wenn die Gewinne nicht verkonsumiert werden. (Abb. Anm. 6) Da sich durch den Zinseszinsmechanismus immer mehr Geld bei immer weniger Leuten ansammelt, ist es wahrscheinlich, dass diese Superreichen, auch durch Verschwendung (kauf von Luxusyachten oder Supersportwagen) ihr Geld nicht ausgeben und damit in Umlauf bringen können. Wird der überbleibende Teil dieses Geldes erneut falsch investiert, bildet sich ein Teufelskreis.
Im Zusammenhang mit der falschen Vorstellung vom Investieren, versiegen durch die Entnahme von Gewinnen aus Unternehmen im Ganzen die Geldströme zunehmend und es mangelt dadurch an Möglichkeiten zur Kreditvergabe. (Abb. Anm. 7) Der ganze Organismus wird, wie das Bild zeigt, durch falsch verstandene »Investoren« und falsch verstandene »Rentner« (Empfänger von Renditen) in die Zange genommen und ausgelaugt.[1]
Gewinne, Rendite oder Rente aus Unternehmen zu beziehen ist also nicht sinnvoll, denn es macht krank – im gesunden Zustand des sozialen Organismus kann dagegen jedem Menschen ein volles Einkommen für seine Fähigkeiten, für seine Lebensaufgabe gegeben werden. Das bedeutet, jeder Mensch hat genug Geld zur Verfügung, um nicht nur zu überleben, sondern um zu leben, also zu wachsen und sich zu entwickeln – niemand braucht in diesem Zusammenhang einen Profit.
Es gibt dann, bis ins hohe Alter, ohnehin nichts anderes zu tun als zu arbeiten und seine besonderen Fähigkeiten weiterzubilden. Arbeit wäre somit kein Zwang zum Geldverdienen mehr, sondern die Freiheit zur Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.
Für das Unternehmen ist nicht der Gewinn entscheidend, sondern die Wirtschaftlichkeit. Das bedeutet – ohne irgendwo Not zu erzeugen – eine maximale Qualität der Waren und Bedürfniserfüllung bei minimalem Einsatz von Rohstoffen, Produktionsmitteln und Fähigkeiten zu erreichen. Der fähige Mensch schafft, durch seine Arbeit, aus den Rohstoffen der Natur die Produktionsmittel und Waren die notwendig sind. Die Fähigkeiten sind dabei die Quelle der Qualität.
Einnahmen oder Gewinne sind nicht die entscheidende Größe, sondern die Ausgaben für Einkommen – diese bestimmen über die Qualität der Fähigkeiten. Das die Ausgaben des einzelnen Unternehmens durch Einnahmen gedeckt sind, ist nicht zwingend, da alles im Ganzen (in der Assoziation) ausgeglichen wird. Die Ausgaben können auch nicht verschwenderisch sein, da sie den wirklichen Bedürfnissen der Konsumenten angemessen sein müssen.
Schmidt 1998, S. 19 f.