Die Fähigkeit und damit die Arbeit des Menschen ist unbezahlbar – deshalb bekommen Mitarbeiter keinen Lohn für geleistete Arbeit, sondern sie erhalten ein Einkommen für Fähigkeiten, die sie hervorbringen wollen.
von Michael Plein | Januar 2022
Die Arbeitsprozesse sind heute komplex und global verwoben. Schon in einem einzelnen Betrieb sind viele Menschen mit ihren Fähigkeiten am Zustandekommen eines Produkts beteiligt: zum Beispiel Ingenieure, Raumpfleger, Manager, Fließbandarbeiter, Buchhalter oder Staplerfahrer.
Durch die Lieferung von Produktionsmitteln und den Konsum von Waren und Dienstleistungen ergibt sich ein komplexes, unüberschaubares und weltweit es Geflecht von Fähigkeiten, die alle in die Herstellung eines Produkts einfließen. Der anteilige Wert der Leistung des Einzelnen an der Produktion kann betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich gar nicht berechnet werden. Deshalb ergibt sich die Höhe von Löhnen und Gehältern auch heute schon aus eigenen oder tariflichen Vereinbarungen, aber nicht aus einer genauen Kalkulation, die den Anteil des Einzelnen an der Produktion und den erzielten Verkaufserlösen berechnen würde. Der Anteil der Arbeit des Einzelnen an der Produktion kann also nicht berechnet, in Zahlen ausgedrückt, also bezahlt werden.
Es lässt sich allerdings in einer modernen hochvernetzten Wirtschaftsstruktur nicht mehr präzise überschauen, welche Fähigkeiten welchen genauen Anteil am Zustandekommen eines bestimmten Produkts hatten. Auch im einzelnen Unternehmen tragen alle Mitarbeitenden [...] zum Zustandekommen des Endprodukts ihren Teil bei. Der genaue wertmäßige Anteil des einzelnen arbeitenden Menschen lässt sich betriebswirtschafltich jedoch nicht feststellen. Ebenso wenig kann der Anteil irgendeines Menschen z.B. an der Gesamtleistung einer Volkswirtschaft festgestellt werden. Es gibt schlicht keine objektive Methode, den Einzelanteil festzustellen, und damit auch kein objektives Verfahren, menschliche Arbeit zu entlohnen, eigentlich lässt sich der individuelle Anteil nicht feststellen, den Einzelne, ein Unternehmen oder eine bestimmte Branche geleistet haben. Löhne und Gehälter sind in ihrer Höhe damit entweder individuell durchgesetzt oder das Ergebnis von sektorspezifischen Vereinbarungen. Welchen tatsächlichen Anteil am Bruttosozialprodukt die Arbeitsleistung für die Herstellung eines Produkts ausmacht, kann nicht im Preis ausgedrückt werden.[1]88
Es ist bemerkenswert, dass eine der ursprünglichen Bedeutungen des Wortes »Lohn« die Kriegs- und Jagdbeute ist.[2]89 Dementsprechend scheint auch die herkömmliche Vorstellung vom Lohn zu sein: man zieht in den Krieg oder geht auf die Jagd, oder etwas zivilisierter geht man in die Fabrik und erschließt ein Marktsegment, um sich etwas zu »verdienen«. Das Wort »verdienen« stammt von Diener, Sklave, Knecht.[3]90 Die Beute, der Verkaufserlös, wird dann unter den Knechten aufgeteilt. Diese archaische Vorstellung bringt mindestens drei ernste Probleme mit sich:
Das erste Problem ist, dass der Lohn ausgehend von der Beute, also von den Einnahmen her, gedacht wird. Die Ware wird verkauft und je nach Marktsituation kommen bestimmte Preise zustande, die dann die Einnahmen ergeben. Von den Einnahmen werden dann die Kosten für Produktionsmittel und Renditen von Kapitalgebern abgezogen und der Rest wird unter den Arbeitenden als Lohn aufgeteilt. Ob der Lohn ausreicht, um sinnvoll zu konsumieren, sodass die bei der Arbeit abgebauten Fähigkeiten wieder aufgebaut und erweitert werden können, ist in der Vorstellung vom Lohn »Privatsache«.
Ich gehe davon aus, dass der Lohn in den meisten Fällen nicht reicht, weil hier eben nur das aufgeteilt werden kann, was am Ende übrig bleibt. Ob der Lohn für die Masse der Menschen ausreichend ist, kann jeder selbst beobachten und beurteilen. Zusätzlich wird durch das falsche Investieren (vgl. 4.1) und Profitstreben (vgl. 4.2) die Möglichkeit, ausreichende Einnahmen zu erzielen, von vornherein eingeschränkt. Sogenannte Investoren erhalten ja auch einen Lohn aus den Einnahmen, wenn diese dem Unternehmen Gewinne entziehen. In der Regel arbeiten Investoren aber nicht im Unternehmen. Sie bekommen also ein »Arbeitslosengeld«, welches dann bei der Entlohnung derjenigen die tatsächlich arbeiten fehlt.
Aus dem meist zu wenig an Lohn ergibt sich das zweite Problem, nämlich dass die Menschen verbraucht werden, weil sie nicht genügend Geld für sinnvollen Konsum haben. Reicht der Lohn nicht, haben die Menschen kein Auskommen. Sie können sich nicht alles kaufen, was sie brauchen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, um ihre Fähigkeiten optimal zu entwickeln.
Höherer Lohn ist in dieser Denke, in der man von den zu verteilenden Einnahmen ausgeht, nur durch steigende Einnahmen möglich. Im Diagramm vom Freiheitsprozess wird aber deutlich, wie durch falsches Investieren, Profitstreben und Lohnen der gesamte Wirtschaftsprozess geschwächt wird. Da im Ganzen das Geld fehlt oder stockt, wird der Verkauf der Waren schwieriger, deshalb muss man die Lohnkosten weiter drücken und das Geld reicht immer seltener, um Fähigkeiten auch nur zu erhalten.
Auch gewerkschaftlich durchgesetzte Lohnerhöhungen sind keine Lösung, denn dann steigen früher oder später die Preise und das Geld reicht wieder nicht für einen sinnvollen Konsum. Dann müssen die Löhne wieder erhöht werden, die Preise steigen weiter, und man befindet sich in der Lohn-Preis-Spirale.[4]91 Die Menschen sind am Ende gezwungen, sich körperlich und seelisch zu verbrauchen, bis nichts mehr geht – es folgt der Burnout. Die Personal- oder Lohnkosten zu reduzieren, weil man zu wenig Gewinn erzielt, führt am Ende das ganze Unternehmen und Wirtschaftsräume in den Burnout.
Wenn die Menschen aber denken, dass Mitarbeiter das Ergebnis reduzieren, dann ist klar, was sie im nächsten Schritt denken: „Oh, das Ergebnis ist schlecht? Dann müssen wir Leute entlassen, um Kosten zu reduzieren.“ Wie dumm, weil es jetzt niemanden mehr gibt, der die Arbeit erledigt. Auf diese Weise reduziert man das Ergebnis, nicht die Kosten.[5]92
Das dritte Problem ist, dass man sich vorstellt, man müsse sich etwas verdienen. Man müsste also zuerst etwas Produktives leisten, bevor man eine Belohnung dafür bekommen kann. Mit der Produktivität ist der eigene Leib verbunden, denn produktiv kann man nur im Körperlichen sein. Die Vorstellung (die meist unbewusst bleibt) ist, dass man die eigene Leiblichkeit und Lebenszeit gegen Geld tauscht. Derjenige, der bezahlt, hat damit die Macht über den, der bezahlt wird. Wer bezahlt bestimmt, was und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Wer nicht spurt, wird nicht bezahlt, auch wenn er schon einen Teil geleistet hat – der Lohnarbeiter ist abhängig. Deutlich ausgesprochen, ist das eine verbrämte Art der Sklaverei[6]93, weil der Lohnarbeiter sein Recht auf Selbstbestimmung zum Teil aufgeben muss.
Man mag frei sein, sich eine andere Arbeit zu suchen, aber dem System des Zeitlohns oder Leistungslohns[7]94 entkommt man eben nicht, weil diese überall angewendet werden. Beim Leistungslohn wird die erbrachte Leistung, also z.B. eine produzierte Stückzahl entlohnt. Beim Zeitlohn wird die Anwesenheitszeit entlohnt. Damit entsteht ein einseitiger Blick auf die produktive und quantitative Seite der Arbeit, während die qualitative und kreative Arbeit übersehen wird.
Gelderwerb als Anreiz zum Einsatz der menschlichen Fähigkeiten und als Belohnung für Leistung ist ein Anachronismus, wie auch der Begriff des „Leistungslohns“, auch wenn dieser scheinbar als wichtigste Motivation für Leistung und Mehrleistung der Arbeitenden erachtet wird. [...] Im übrigen wird die grundsätzliche Wirksamkeit des Leistungslohns jedenfalls auch von wissenschaftlicher Seite infrage gestellt und durch gewichtige Forschungsbeiträge, wie z.B. des Nobelpreisträgers Jospeph Stiglitz, in ein neues Licht gerückt, wenn dieser klarstellt, dass der Leistungslohn in seiner positiven Funktion überschätzt wird und oft zu Überbetonung der Quantität und zur Unterbewertung der Qualität führen kann.[8]95
Die Begriffe vom Zeit- und Leistungslohn sind in die Vergangenheit gerichtet. Sie richten die Perspektive auf das was schon gemacht wurde, was fertig ist und wie lange es gedauert hat. Dafür wird man dann belohnt, weil man es sich verdient hat. Motivation soll dadurch entstehen, dass man mehr Geld bekommt, wenn man mehr macht. Was und wie gemacht wird, bestimmt nicht der Arbeitnehmer, sondern der Arbeitgeber, wobei ja der, der arbeitet die Arbeit gibt und der, der arbeiten lässt die Arbeit nimmt. Das ist eine ziemlich verdrehte Vorstellung vom Menschen und seiner Arbeit, weil die Perspektive in die Zukunft und ein Begriff von wirklicher Motivation fehlen. Motivation kommt vom lateinischen »moveo«, was bewegen bedeutet. Die Motivation ist der Beweggrund, mein eigener, innerer, tiefster und höchster Grund mich zu bewegen, etwas zu arbeiten. Da geht es um meine Fähigkeit, meine Berufung, meine Lebensaufgabe im Weltzusammenhang, die, solange sie noch nicht erfüllt ist, aus der Zukunft kommt. Deshalb kann Ich Menschen nicht von außen motivieren, indem Ich Ihnen mehr Geld als Anreiz gebe. Menschen können sich nur selbst motivieren, indem sie aus sich selbst heraus die Motivation, den Sinn ihrer Arbeit entwickeln.
Die beschriebenen Probleme lassen sich lösen, wenn Ich anfange andersherum zu denken. Ich höre auf, mir vorzustellen, dass Menschen ihr Geld im »Tausch« für zuvor geleistete Arbeit bekommen. Ich fange an zu denken, dass Menschen ihr Geld im Voraus bekommen, wodurch es überhaupt erst möglich wird, dass sie etwas leisten. »Wenn ich will, dass jemand etwas für mich tut, dann muss ich ihm Geld geben, damit er das tun kann.«[9]96 Ich fange an, zu denken, dass jeder immer so viel Geld zur Verfügung haben muss, damit er alles konsumieren kann, was er braucht, um seine Fähigkeiten selbstbestimmt und optimal zu bilden. Ich fange an zu denken, dass die Menge des zur Verfügung stehenden Geldes nicht von den Einnahmen, sondern von den Ausgaben abhängt.
Im Unterschied zum Lohn wird Einkommen also andersherum gedacht: zuerst werden die Einkommen in sinnvoller Höhe gegeben, damit die Fähigkeiten bestmöglich durch Konsumtion aufgebaut und erweitert werden können. So kann eine hohe Qualität an Fähigkeiten in die Produktion fließen.
Im Ganzen sind dabei nicht die Einnahmen für Verkäufe, sondern die Ausgaben für Einkommen entscheidend. Der Unternehmerkredit ergibt sich aus der Summe der Ausgaben für Einkommen. Der Kredit wird im Ganzen nicht aus den Einnahmen des einzelnen Unternehmens abgelöst, sondern durch den Ausgleich der Einnahmen aller assoziierten Unternehmen. Bei richtiger Bemessung der Einkommen werden die Einnahmen in der Assoziation immer ausreichen, um alle Kredite abzulösen, denn die Summe der Einkommen ergibt die mögliche Kaufkraft und damit die möglichen Einnahmen.
Da das Geld, aus dem die Einkommen bezahlt werden, als Kredit neu geschöpft wird, ist die Höhe der Einkommen nicht begrenzt. Werden die Einkommen nicht verschwenderisch, sondern wirklichkeitsgemäß eingeschätzt, werden am Ende auch alle Kredite abgelöst werden können, weil alles Geld über den Verkauf von Waren wieder zu den Unternehmen zurückfließt.
Die Beratung über die Höhe der Einkommen, hat in der kreativen Weltwirtschaft einen ganz anderen Charakter als bisher. Hier muss nicht um möglichst hohen Lohn auf der einen Seite und möglichst niedrige Kosten auf der anderen Seite geschachert werden. Entscheidend für die Bestimmung der Einkommen ist das sich aus der Fähigkeitenbildung ergebende Konsumbedürfnis. Das Einkommen muss so hoch sein, dass der Mitarbeiter seine Lebenshaltung, seinen Bedarf nach Weiterbildungen, Urlauben, Therapien usw. voll bezahlen kann. Die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters und aller Menschen die er mit versorgt (z.B. Kinder oder Senioren) müssen vollständig erfüllt werden. Welche Bedürfnisse der Einzelne hat, kann nur er selbst, mit bestem Gewissen, bestimmen.
Menschen bekommen keinen Arbeitsplatz, keine Stelle, keinen Job, sondern sie werden gemäß ihrer Berufung zur Arbeit berufen und üben dann ihren wirklichen Beruf aus – sie tun das, was sie wirklich wollen. Es ist die Aufgabe des Unternehmers, die Menschen mit den richtigen Fähigkeiten zu berufen und sich mit ihnen über ihre Bedürfnisse und Einkommen zu beraten. Die Bedürfnisse leiten sich dabei aus der Berufung, der Lebensaufgabe des Mitarbeiters ab. In intensiven Gesprächen zwischen dem Unternehmer und seinen Mitarbeitern, wird es darum gehen, gemeinsam zu verstehen, was das eigene Ich wirklich will und welcher Schicksals-Zusammenhang mit dem Unternehmen besteht. In dieser »Berufungsberatung« wird sich zeigen, welche Fähigkeiten der Mitarbeiter in Zukunft kreativ hervorbringen und produktiv einbringen will. Das ist ein Prozess der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.
Bader 2022, S. 62f.
vgl. griech. lé͞ia, ion. lēΐē (λεία, ληΐη, aus *λαία) ‘Beute, besonders von geraubtem Vieh, Kriegs-, Jagdbeute’ https://www.dwds.de/wb/Lohn (Abruf 16.8.2023 12:00 Uhr)
dienen Vb. ‘für jmdn. etw. tun, ihm helfen, abhängig sein’, ahd. thionōn (8. Jh.), mhd. dienen, asächs. thionon, mnd. dēnen, mnl nl. dienen, anord. (aus dem Mnd.?) þjōna, schwed. tjäna (germ. *þewanōn) ist eine mit -n- erweiterte Ableitung von germ *þewa- ‘Sklave, Knecht’, https://www.dwds.de/wb/verdienen (Abruf 17.8.2023 12:00 Uhr)
»bildlicher Ausdruck für die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen dem Anstieg der Löhne als Folge von Preiserhöhungen und der Preise als Folge von Lohnsteigerungen, besonders in dem Sinn, dass die Unternehmen gestiegene Löhne zur Rechtfertigung von Preiserhöhungen heranziehen, die Gewerkschaften wiederum ihre Lohnforderungen mit erhöhten Preisen begründen. Die fortgesetzten Lohn- und Preissteigerungen lösen eine Kettenreaktion weiterer Lohn- und Preissteigerungen aus.«
https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20000/lohn-preis-spirale/ (Abruf 16.8.202316:00 Uhr)
Werner 2014, S. 222
»In der Sklaverei wird ein Mensch zum Eigentum eines anderen Menschen. Der Sklave hat keine eigenen Rechte und ist von seinem Besitzer völlig abhängig.« https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/321127/sklaverei-sklavenhandel (Abruf 17.8.2023 17:00 Uhr)
»Leistungslohn, heute auch Leistungsentgelt genannt, ist ein leistungsorientiertes Vergütungssystem. Er ist eine Form des Arbeitsentgeltes, bei der nicht die Anwesenheitszeit im Betrieb (Zeitlohn) Grundlage der Vergütung ist, sondern die während der Anwesenheitszeit erbrachte Leistung.« https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/leistungslohn-39099 (Abruf 17.8.2023 17:20 Uhr)
Bader 2022, S. 65-66.
Werner 2014, S. 281