Die Vorstellung vom Privateigentum an Produktionsmitteln ist im Zusammenhang der Kreativen Weltwirtschaft ein Unsinn mit schädlichen Folgen – die Lösung ist der neue Begriff vom »Unternehmereigentum« und konsequentes Kreditieren statt »falsches Investieren«.
von Michael Plein | 17. Juli 2024
Man stellt sich bisher vor, ein »Investor« gibt sein privates Geld, also sein Konsum-Geld (K-Geld), an ein Unternehmen, damit es tätig werden kann. Im Gegenzug wird ein Teil der Produktionsmittel zu seinem Eigentum. Diese Vorstellung hat Folgen:
1. Der »Investor« entzieht der Konsumtion kreatives Geld (K-Geld), sodass nicht mehr alles gekauft werden kann, was benötigt wird – es kommt zu einem Mangel in der Bedürfniserfüllung und damit bei der Fähigkeitenbildung. (Abb. Anmerkung 1)
2. Es können nicht mehr alle Kredite getilgt werden, weil das entzogene K-Geld nicht durch den Kaufprozess zu den Unternehmen und damit zur Tilgung zurückfließen kann. Es kommt zu einem Mangel bei der Kreditablösung. (Abb. Anmerkung 2)
3. Die unternehmerische Freiheit wird eingeschränkt, weil man meint, der »Investor« könne nun als Miteigentümer neben dem Unternehmer Einfluss nehmen und seine Interessen[1] durchsetzen. Von diesem Mangel an unternehmerischer Freiheit sind nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Mitarbeiter betroffen. Sie alle werden zur Verfügungsmasse, die für den maximalen finanziellen Ertrag verschoben und verkauft werden kann. Unternehmerische Fragen nach ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kreativen Lösungen spielen dabei kaum eine Rolle.[2] (Abb. Anmerkung 3)
4. Durch den »Investor« wird K-Geld in der Materie, z.B. in Grundstücken, Immobilien, Maschinen, Lagerbeständen oder Rohstoffen, festgelegt. Passiert das in großem Stil (und das ist in der Regel der Fall), bildet sich am unteren Pol ein »K-Geld-Geschwür«, weil sich das Geld in der Materie staut, es ist dort festgelegt und bewegt sich nicht mehr. Die Folge sind Preissteigerungen, womit es dem Geld an Kaufkraft mangelt. (Abb. Anmerkung 4)
»Falsches investieren«, wodurch Privateigentum an Produktionsmitteln erworben wird, lässt die Geldströme versiegen. Daraus folgt ein Mangel bei Bedürfniserfüllung, Kredittilgung, unternehmerischer Freiheit und Kaufkraft, wie das Diagramm anschaulich zeigt.
Zudem ist ein Eigentum an Produktionsmitteln unmöglich, da diese tatsächlich nicht gekauft werden, sondern sie werden durch das herstellende Unternehmen geliefert (Abb. Anmerkung 5). Nicht der Erwerb von Geschäftsanteilen an einem Unternehmen ist eine Investition, sondern die eigentliche Investition ist die Lieferung von Investitionsgütern.
Die Produktion des Liefernden Unternehmens ist dabei bereits kreditiert, weshalb das Produktionsmittel nicht gekauft werden muss, sondern es muss eine Vereinbarung darüber getroffen werden, dass die Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen dem Belieferten und dem Liefernden ausgeglichen werden (Abb. Anmerkung 6), damit am Ende die Kredite getilgt werden können.
Das bekannte Gabler Wirtschaftslexikon definiert Kapital wie folgt:
»Kapital wird definiert als Produktionsfaktor neben Arbeit und Boden. Unter Kapital wird in diesem Zusammenhang der Bestand an Produktionsausrüstung verstanden, der zur Güter- und Dienstleistungsproduktion eingesetzt werden kann (Kapitalstock).«[3]
Dieses Kapital, die Maschinen, Rohstoffe, Grund und Boden haben selbst aber keinen Wert, denn der Wert entsteht erst dadurch, dass menschliche Fähigkeiten zur Leistung kommen und mit dem, was aus der Erde kommt und dem Kapital produktiv gearbeitet wird.
Eine Maschine, mit der niemand arbeitet, hat keinen Wert. Bodenschätze, die niemand fördert, haben keinen Wert. Grundstücke, auf denen nicht konsumiert oder produziert wird, haben keinen Wert. Sie können und dürfen kein Privateigentum sein, weil so Geld in etwas Wertlosem festgelegt wird und sich ein den sozialen Organismus krankmachendes Geld-Geschwür bildet. Die Folge ist, dass der Geldstrom versiegt, wodurch die Fähigkeitenwerteströme und Warenwerteströme gestört werden.
Heute ist es selbstverständlich, dass man Eigentum an Grund und Boden erwerben kann und dass jedes Fleckchen Erde bereits irgendjemandem gehört. Wird ein Mensch geboren, dann hat dieses Baby eigentlich keinen Platz, an dem es sein darf, ohne Miete, Pacht, Zinsen oder Abgaben zu zahlen. Das merkt man nicht direkt, weil die Eltern das für das Kleinkind übernehmen – aber das ist ein menschenunwürdiger Zustand.
Eigentlich ist es eine törichte Vorstellung, dass irgendwann mal die Leute anfingen das Land, das vorher Gemeindeland war, zu besetzen, zu privatisieren, ihren Zaun darum zu bauen und zu behaupteten: »Das ist mein Eigentum, hier darfst du nicht sein, außer du zahlst Miete oder kaufst es mir ab.« Das Land, die Erde, ist den Menschen von der Natur gegeben – mit welchem Recht sollte jemand ein Privateigentum an einem Stück davon haben? Diesen bürgerlichen Eigentumsbegriff, der es möglich macht ein Stück Land zu kommodifizieren[4], gibt es erst seit gut 200 Jahren.
Die gesetzlichen Grundlagen dazu, wurden Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem französischen Zivilrecht eingeführt. Dieser durch Napoleon Bonaparte eingeführten »Code Napoleon« hat zur Zeit der Frühindustrialisierung viele Menschen ins bodenlose gestürzt. Vorher war es über Jahrtausende üblich, sich in kleinen Subsistenzwirtschaften gemeinschaftlich aus dem Gemeineigentum zu versorgen. Auch im Feudalismus war das Bewusstsein der Menschen eher von gemeinschaftlichem Wirtschaften geprägt.[5]
Es ist vielleicht logisch (also nicht so schwer zu denken), dass die Erde der gesamten Menschheit und nicht einzelnen Menschen gehört. Eigentlich geht es bei Grund und Boden das Menschenrecht auf der Erde zu sein. Ein solches existenzielles Recht kann ich nicht kaufen oder verkaufen, damit handeln und spekulieren, und so womöglich noch die Preise für das bloße auf der Erde sein in die Höhe treiben. Boden kann und darf keine Ware sein, weil eine Ware ein Gut ist, das Menschen erst herstellen, um es dann zu verbrauchen. Den Boden hat niemand hergestellt und er kann auch nicht verbraucht werden.[6]
Wenn hier von der Unmöglichkeit von Privateigentum gesprochen wird, dann bezieht sich das nur auf den Bereich der Produktion. Die Produktion ist ein gemeinsames soziales Unternehmen, in dem alle Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und zusammenarbeiten, um alles zu produzieren was gebraucht wird. Im Bereich der Konsumtion ist die Lage anders. Hier muss Ich ein Privateigentum an allen Gegenständen die Ich konsumiere haben, denn konsumieren heißt individuell verbrauchen, und Ich kann nur etwas verbrauchen, über das Ich vollständig und frei verfügen kann. Es ist also wichtig, privates Eigentum im Konsumbereich von betrieblichem Eigentum im Produktionsbereich zu unterschieden.
Insofern ist vielleicht ein Privateigentum an Grund und Boden angemessen, in dem Rahmen, in dem es der individuellen Bedürfniserfüllung z.B. nach Wohnen dient. In Bezug auf eine geeignete Bodenordnung gibt es bereits detaillierte Überlegungen, zum Beispiel zu Erbbaurechten oder Bodenwertvergütungen, die jedem Menschen das Recht, Boden unter seinen Füßen zu haben, ermöglichen wollen.[7]
Es ist nachvollziehbar, dass Privateigentum an Produktionsmitteln Unsinn ist. Daraus darf aber nicht der Kurzschluss folgen, dass Produktionsmittel ein »kommunistisches« oder »sozialistisches Gemeineigentum« wären. Das wäre falsch. Es braucht stattdessen einen erweiterten Begriff vom Eigentum: das »Unternehmereigentum«. Das bedeutet, dass der Unternehmer jederzeit das volle Verfügungsrecht über seine Produktionsmittel hat – er hat die unternehmerische Freiheit. Es gibt dann keine Eigentümer und Kapitalgeber, die sich in unternehmerische Entscheidungen einmischen. Die einzige Einschränkung ist, dass der Unternehmer die Produktionsmittel nicht verkaufen kann, weil er sie ja auch nicht gekauft hat, denn die Produktionsmittel sind aus dem ganzen des Wirtschaftsorganismus kreditiert, produziert und geliefert worden.
Wird ein Produktionsmittel in einem Unternehmen nicht mehr gebraucht, müsste in den Assoziationen darüber beraten werden, ob und wie es sinnvoll weiter verwendet werden kann. Das Produktionsmittel könnte zum Beispiel an ein anderes Unternehmen mit entsprechendem Bedarf weitergeliefert werden (mit entsprechender Verrechnung). Würde das Produktionsmittel im ganzen Wirtschaftszusammenhang nicht mehr gebraucht, muss es entsorgt werden – der Abfall muss dabei so in die Natur zurückgeführt werden, dass er eine aufbauende Wirkung hat.
Die Frage danach, ob es Privateigentum an Grund und Boden, sowie Produktionsmitteln geben darf, bedeutet nicht, dass diejenigen, die es jetzt haben, enteignet werden sollen. Das wäre eine »Ungerechtigkeit gegenüber geschichtlich erworbenem Eigentum!«[8]. Das heute Menschen Eigentum an Produktionsmitteln haben ist ein Zustand der sich durch die Geschichte entwickelt hat, und das war in gewissem Rahmen auch richtig und notwendig, damit die frühindustrielle Wirtschaft entstehen und zur kreativen Weltwirtschaft werden konnte.[9] Für die Wirtschaft der Zukunft müssen diese Zusammenhänge aber neu durchdacht werden, weil die Frühinstustrialisierung schon längst vorbei ist und das Eigentum an Produktionsmitteln aus den hier genannten Gründen keinen Sinn mehr macht.
Das vorgestellte Unternehmereigentum ist eine Idee aus der Zukunft, deshalb kann Ich das nicht mit den Machenschaften der Vergangenheit, durch Mehrheiten, Gesetze und Gewalt durchsetzen. Die jetzigen Eigentümer müssen selbst auf den Begriff vom Unternehmereigentum kommen und dann aus eigener Einsicht die richtigen Formen für die Wirtschaft der Zukunft verwirklichen.
Dazu könnten auch die Eigentümer an den dialogischen und demokratischen Beratungen in den Assoziationen teilnehmen, in denen es im ersten Schritt immer um die Bestimmung der Begriffe von Arbeit, Geld und Wirtschaft geht, und darum, zu eigenen Einsichten über ihre wirkliche Bedeutung zu kommen. Aus solchen Begriffen kann dann auch ein freiwilliges und richtiges Handeln in Bezug auf das Eigentum an Produktionsmitteln folgen.
Mit dem hier vorgestellten Wirtschaftsdenken wäre ja auch kein Eigentum an Produktionsmitteln mehr nötig, weil jeder ein volles Einkommen erhält, und niemand Kapitalerträge oder Zinsen braucht. Mit dem freien Geld würde auch eine neue Rechtsordnung entstehen. Vielleicht kann diese parallel zur bestehenden aufgebaut werden, sodass Eigentümer von Produktionsmitteln freiwillig entscheiden können, an welcher Ordnung sie teilhaben – ich denke, dass die hier beschriebene Wirtschaftsordnung so von Vorteil ist, dass sich jeder selbst davon überzeugen kann und gar nichts anderes mehr will. Außerdem herrscht kein Mangel an Geld, weshalb es möglich wäre, das bestehende Eigentum an Produktionsmitteln großzügig – aber nicht verschwenderisch – abzufinden.[10]
Interesse: veraltet Zinsen, Gewinn https://www.dwds.de/wb/Interesse (Abruf 16.7.2024 9:30 Uhr)
Bader 2022, S. 97-98
Gabler Wirtschaftslexikon online https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/kapital-38061/version-261487 (Abruf 16.7.2024 10:00)
Kommodifizierung ist der Prozess des „Zur-Ware-Werdens“ (vom englischen commodity „Ware“). Kommodifizierung kann die Privatisierung von vorher gemeinschaftlich genutzten Ressourcen sein. Auch in Bezug auf die Vermarktung menschlicher Arbeitskraft wird von Kommodifizierung gesprochen.
Senf 2014, S. 13/32
Bader 2022, S. 93-97
vgl. Seminar für Freiheitliche Ordnung, »Fragen der Freiheit« Heft 208, 215 und 239
Beuys/Kelly 1994, S. 66
Polanyi 1944, S. ???
Beuys/Kelly 1994, S. 55