Der soziale Organismus bildet sich aus der Bewusstseinsstruktur des «Ich» heraus, sodass sich symmetrische, selbstähnliche Ebenen von Teams, Unternehmen, Assoziationen und Weltwirtschaft bilden.
Michael Plein | März 2021
Der Freiheitsprozess beschreibt auf der globalen Ebene die Weltwirtschaft als Entwicklungsprozess der Menschheit, der durch die Wechselwirkung von Kreativität und Produktivität immer neue Qualitäten von Freiheit hervorbringt und diese in Fortschritt verwirklicht. Der Freiheitsprozess zeigt auf der individuellen Ebene die →Ich-Entwicklung des einzelnen Menschen, wobei der Einzelne in der Wechselwirkung von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung immer weiter differenzierte Fähigkeiten entwickelt und in Fertigkeiten verwirklicht.
Doch sowohl die Beschreibung der globalen Ebene als auch die der individuellen Ebene sind und bleiben abstrakt. Die Frage ist: Wie gestaltet denn nun der freie individuelle Mensch das soziale Ganze? Wie wirkt der Einzelne auf das Ganze? Wo ist der konkrete Anfang und Wirkungsraum? Dieser liegt auf der sozialen Ebene, die zwischen der individuellen und der globalen Ebene liegt. Diese soziale Ebene sind die Unternehmen. Die Unternehmen sind der Ort und Zusammenhang, wo Menschen konkret und gemeinsam etwas Sinnvolles für die Zukunft unternehmen.
Hier entwickelt sich das Ich in Beziehung und Auseinandersetzung mit dem anderen Ich, in sozialen und oft auch asozialen Prozessen, weil das Soziale erst noch erlernt und geübt werden muss. Hier werden gemeinsam Ideen entwickelt (Kreativität) und in die Tat umgesetzt (Produktivität).
Es macht die Sache nicht leichter, aber einfach, zwischen Unternehmen und Ich in Teams und zwischen Unternehmen und Weltwirtschaft in Assoziationen zu differenzieren. Insgesamt ergeben sich fünf symmetrische Ebenen: Weltwirtschaft, Assoziation, Unternehmen, Team und Ich. Der einzelne Mensch und Mitarbeiter, das Ich und seine Bewusstseinsstruktur sind dabei sozusagen das Urbild, denn die «Ich ́e» verweben sich zu Teams, diese verweben sich zu Unternehmen, diese zu Assoziationen und diese zur Weltwirtschaft (= Gesellschaft = Demokratie) als Ganzes. Die sich verbindenden Ebenen sind symmetrisch, also selbstähnlich – sie offenbaren immer die Struktur des Ich und dessen Freiheitsprozess.
Der Sinn und die Aufgabe der kreativen Weltwirtschaft ist, dass das einzelne Ich, der einzelne Mensch seine Freiheit entwickeln kann – das gilt aber für alle Menschen, denn nur wenn Freiheit für alle möglich ist, ist sie auch für den Einzelnen möglich. Der soziale Organismus lässt sich deshalb nicht auf regionaler oder nationaler, sondern nur auf weltweiter Ebene begreifen – es geht um den Menschheitsprozess hin zur Freiheit – Freiheit ist die Quelle und die Absicht des Ganzen.
Jedes Unternehmen der Zukunft bedeutet deshalb, sich am Ideal der Freiheit des Ganzen, also an der Freiheit der Menschheit, zu orientieren. Die Ideen der Unternehmen leiten sich aus dem Ideal der Freiheit ab (siehe Abb. grüne Pfeile von Pol zu Pol). Die Fähigkeiten der Mitarbeiter leiten sich wiederum aus den jeweiligen Unternehmensideen ab. Die Verwirklichung der Fähigkeiten in Fertigkeiten erzeugt die Waren im Unternehmen (siehe Abb. rote Pfeile von Pol zu Pol). Alle Waren zusammen ergeben den Fortschritt, der verwirklichte Befreiung bedeutet. Diese Befreiung von der Notwendigkeit bedeutet, es wird etwas frei, es entsteht Freiraum und Freizeit – Ich könnte es auch Kapital nennen –, welche jetzt verwendet werden können, um sich erneut dem Ideal der Freiheit und seiner Weiterentwicklung zuzuwenden. So entsteht ein Gesamtzusammenhang von der Freiheit, zur Idee, zur Fähigkeit, zur Fertigkeit, zur Ware, zum Fortschritt und wieder zur Freiheit - Alles ist mit Allem verbunden.
In den Teams wird der Zusammenhang von Fähigkeiten und Ideen, sowie Fertigkeiten und Waren durch kreative und produktive Arbeit entwickelt. In den Teams oder Kollegien arbeiten die Menschen konkret zusammen und bilden ihren Teamgeist heraus.
In den Assoziationen wird der Zusammenhang von Ideen und Freiheit, sowie von Waren und Fortschritt durch Bedarfsbestimmung und -verwirklichung herausgebildet. Hier kommen die Vertreter der Produzenten und Konsumenten zur gemeinsamen Begriffs- und Bewusstseinsbildung – zum Freiheitsprozess – zusammen.
Das Bild kann die Begriffe und Prozesse der symmetrischen Ebenen, vom einzelnen Ich, über Teams, Unternehmen, Assoziationen bis hin zur Weltwirtschaft als ein soziales Ganzes – oder einen sozialen Organismus – wirklich praktisch beschreiben. Um diese Beschreibungen weiter zu klären, kann die «Soziale Dreigliederung» von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben auf das Bild angewendet werden. Das Geisteslebens erstreckt sich über die oberen Sphären von Selbstbestimmung, kreativer Arbeit, Kreativität, Bedarfsbestimmung und Konsumtion. Das Rechtsleben erstreckt sich über die mittleren Sphären von Ich, Teams, Unternehmen, Assoziationen und Weltwirtschaft. Das Wirtschaftsleben durchdringt die Felder von Selbstverwirklichung, produktiver Arbeit, Produktivität, Bedarfsverwirklichung und Produktion. Jedes Unternehmen gehört immer zugleich dem Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben an.
Das einzelne Unternehmen ist ein Zentrum, ein Herzorgan, weil das Unternehmen der konkrete Ort ist, an dem Menschen zusammenkommen und zusammenarbeiten und wo die individuellen und sozialen Entwicklungsprozesse tatsächlich stattfinden. Die Unternehmen sind die Räume, durch die das Individuum auf das Ganze wirkt, wo es sich selbst bestimmt und verwirklicht und dabei das Ganze gestaltet. Dazu muss das Unternehmen aber neu begriffen werden: als der Ort an dem Menschen gemeinsam etwas sinnvolles für die Zukunft unternehmen. Es geht um das Unternehmen der Zukunft.
Idee und Produkt, Bedarf und Arbeit, Willkür und Selbstbestimmung: Es heißt, das Feld der Kunst sei das Feld der Freiheit. Mit Freiheit in einem tieferen Sinne ist gemeint: Selbstbestimmung. Mit Selbstbestimmung ist fast automatisch gemeint: Selbstbestimmung des Menschen. Dementsprechend wird der Künstler als der Inbegriff des sich selbst bestimmenden Menschen vorgestellt. Diese automatische Gleichsetzung aber von Selbstbestimmung mit Selbstbestimmung des Menschen ist genau der Grund, weswegen der Freiheitsbegriff im oberflächlichen alles-ist-erlaubt stecken bleibt. Denn genauer betrachtet, besagt Selbstbestimmung des Menschen noch nicht viel und verdeckt auch, dass in der Kunst sich die Selbstbestimmung zuallererst gar nicht auf den Menschen bezieht. Um das zu begreifen, ist es erforderlich, sich mit zwei Faktoren, die hier Zusammenwirken, näher zu befassen, nämlich mit der künstlerischen Arbeit und dem künstlerischen Bedarf. Hier treten im übrigen genau die zwei Faktoren ins Blickfeld, die auch für das Wirtschaftsfeld maßgebend sind: Arbeit und Bedarf, sowie das Gefüge ihres Wechselverhältnisses. Genau betrachtet werden muss, was sich bei einem künstlerischen Vorgang eigentlich abspielt. Etwas nämlich noch nicht realisiertes drängt im Menschen (Künstler) nach Realisierung. Es ist der Drang eines Gebildes nach sich selbst. Dieser Drang eines Gebildes nach sich selbst ist der Bedarf, den der Künstler in sich frei lässt, und in den er sich selbst gerade nicht einmischen darf. Im Bedarf des Gebildes nach sich selbst muss der Künstler vollkommen aufgehen. Der Bedarf des Gebildes nach sich selbst, und nur er allein, darf auch der Bedarf des Künstlers sein. Der Künstler muss sich mit ihm verschmelzen und von sich selbst völlig absehen. Den Bedarf des Gebildes muss er sich hingeben, seinem Drang, nach außen zu kommen. Die Erfüllung dieses Drangs ist die Arbeit. Bedarf und Arbeit sind eins. Im künstlerischen Drang vereinigen und verschmelzen sich Bedarf und Arbeit in Eins. Man kann sagen, dass künstlerische Produkt ist sich selbst Produzent, es bestimmt sich selbst. Nicht der Künstler bestimmt sich hier selbst, sondern das Gebilde, dessen Realisierung er nur ermöglicht. Der Mensch ist also das Medium (Feld) dieses Prozesses, nicht mehr und nicht weniger. Er wird von dem Gebilde, wenn es entsteht und entstanden ist, selbst überrascht. Es ist über ihn selbst hinaus. Das Kunstwerk ist frei, nicht der Künstler zunächst, er gerade nicht. Sein Anteil an der Freiheit ist nichts anderes, als dass er diesen Prozess freigibt (freilässt, frei macht) und ihn also nicht beeinträchtigt. Wie er das fertig bringt, ist zunächst verdeckt. Er verhilft der Freiheit zum Zuge – wie, das weiß er im Grunde gar nicht. Das Schöpferische ist das Geheimnis. Selbstbestimmung ist in der Kunst zunächst nicht auf den Menschen direkt bezogen, sondern auf das Kunstwerk. Die Freiheit des Menschen ist die Freigabe dieses Vorgangs durch ihn. Der Mensch ist das Freiheitsfeld der Aktion des Kunstwerks zu sich selbst. Ohne den Menschen nicht das Kunstwerk, aber ohne Kunstwerk gar kein begründeter Freiheitsbegriff. Erst mit ihm ist überhaupt eine Basis für die Selbstbestimmung des Menschen gegeben. Selbstbestimmung des Menschen bedeutet, er selbst muss ich als Kunstwerk nehmen, das nach Realisierung drängt. (Stüttgen 1998, S. 11-12)
Konsequente Fremdversorgung durch Konsumtion und Produktion und die Intensivierung von Freiheit und Fortschritt / Konsumtion = Selbstbestimmung = Freiheit / Produktion = Selbstverwirklichung = Liebe, aber keine Freiheit: Die Ausdifferenzierung des Wirtschaftsdeldes in Bedarfsfeld (Konsumsphäre) und in Arbeitsfeld (Produktionsfeld, inklusive Dienstleistungssektor) entspricht einer Befreiung des Menschen aus dem Selbstversorgerprinzip. Er wird durch die Arbeit aller anderen für seinen individuellen, privaten Bedarf von der unmittelbaren Abhängigkeit seiner Versorgung freigestellt und damit freigestellt für die Ausbildung höherer, differenzierter Seiten seiner selbst und für die Entfaltung höherer, differenzierterer Fähigkeiten, die wiederum dem Arbeitsfeld zugute kommen. Es handelt sich also um die Befreiung sowohl des Bedarf (und seiner höheren Formen) als auch der Arbeit (und ihrer höheren Formen). Beide Felder unterliegen der Bestimmung unterschiedlicher Prinzipien, das Bedarfsfeld dem individuellen, privaten, das heißt der Bestimmung des einzelnen Menschen (der einzelnen Haushalte) und seiner (ihrer) freien Entfaltung, das Arbeitsfeld der Spezialisierung und Arbeitsteiligkeit, das heißt der Bestimmung der Eigengesetzlichkeit der Arbeit selbst, deren letzte Bestimmung wiederum die Befriedigung des Bedarfsfeldes ist. (Stüttgen 1998, S. 13-14)
Der Fortschritt durch Arbeitsteiligkeit ist die Herausforderung zur kreativen Freiheit / Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung: Die Selbstbestimmung des Menschen sieht sich als bloße, von der Arbeit (Freiheitsfähigkeit) abgetrennte Bedarfs Befriedigung immer mehr von ihrem eigenen Fundament abgehoben. Der Mensch tritt im Arbeitsfeld selbst plötzlich als Bedürftiger auf, als Bedürftiger nämlich nach freier, das heißt selbstbestimmter Arbeit. Und er tritt im Bedarfsfeld plötzlich als Arbeitwollender darauf; neben dem Bedarf, der durch die Arbeit im Arbeitsfeld befriedigt wird, tritt plötzlich der Bedarf nach der Arbeit selbst auf (Arbeit als Hobby in der Freizeit). Die Befreiung des Bedarfs durch Arbeit setzt den Bedarf nach freier Arbeit frei – ein Vorgang, der offensichtlich auf eine höhere Verbindung des Verhältnisses Arbeit-Bedarf zielt. (Stüttgen 1998, S. 15)
Kreativität ist das wahre Kapital und liegt allen Unternehmen zugrunde: Es sind die Unternehmen, deren Unternehmensziel die Entwicklung des «wahren Kapitals der Gesellschaft» (Joseph Beuys). /// Schon an dieser Stelle wird der innere Bezug überhaupt zu den Unternehmen der arbeitsteiligen Wirtschaft sichtbar. Denn diejenigen Unternehmen, in denen die Kreativität des Menschen entwickelt wird, sind die allen anderen Wirtschaftsunternehmen zugrundeliegenden, woraus sich ganz von selbst z.b. die Frage ergibt, inwieweit nicht alle Unternehmen zu einem gehörigen Teil schon selbst Schulen, Schulungsstätten werden müssen. (Mathildenhöhe / Stüttgen 1994, S. 42)
Unternehmen sind das Zentrum der kreativen Freiheit: Die Fremdbestimmung an den Arbeitsplätzen führt zum Motivationsschwund des Arbeitenden. Hier tritt die gesellschaftliche Schlüsselrolle der Unternehmen ins Blickfeld. Sie, die Unternehmen, haben, wenn man sie in diesem Gesamtkontext sieht, nicht nur die Verantwortung für die Qualität der Produkte, sondern auch für die Qualität der Hervorbringung, das heißt für die optimale Entfaltung des Einzelnen am Arbeitsplatz, sowie für das Zusammenwirken aller in Freiheit. Die Unternehmen sind ihrem Wesen nach selbst schon Modell für die Gesellschaft im Ganzen. So müssen sie, schon allein, um die Möglichkeit dieser ihrer eigenen Selbstentfaltung als Unternehmen zu erwirken, im gesellschaftlichen Felde für neue Unternehmensgesetze, neue Wirtschaftsgesetze, neue Geldgesetze kämpfen. Sie müssen neue gesellschaftliche Gesamtkonzepte zur Ermöglichung ihrer eigenen Selbstentfaltung in die gesamtgesellschaftliche Diskussion bringen. Das ist sogar Bestandteil ihres Unternehmensziels. Es verbindet die (ohnehin schon arbeitsteilig miteinander verbundenen) Unternehmen auf einer höheren (=geistigen) Stufe miteinander. Diese höhere Stufe muss in jedem Unternehmen heranentwickelt werden – dass es: Die Erweiterung des Unternehmensbegriff /// Damit rückt die Frage nach dem Wesen der Wirtschaft im Ganzen, und zwar im Blick auf den Produktionsbereich und das Prinzip der arbeitsteiligkeit (=Arbeit ist Arbeit für andere) (und: Arbeit ist Zusammenarbeit) und im Blick auf den Konsumbereich (der Bedarf – nicht: der Profit – ist Wirtschaftsziel) in den Mittelpunkt. (Mathildenhöhe / Stüttgen 1994, S. 43)