Die Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft ist ein Spiegel der menschlichen Bewusstseinsstruktur. Aus dem »Ich« und seinem individuellen Freiheitsprozess entfaltet sich der soziale Organismus in drei selbstähnlichen, symmetrischen Ebenen: vom Ich, über das Unternehmen bis hin zur ganzen Weltwirtschaft. In diesem Gefüge ist das Unternehmen nicht bloße Produktionsstätte oder Profitmaschine, sondern ein schöpferisches Zentrum, in dem sich die Hingabe des Einzelnen mit der Entwicklung der Menschheit verbindet. Hier wird die soziale Dreigliederung praktisch wirksam und verwandelt Arbeit in einen bewussten Freiheitsprozess.
Michael Plein | März 2022
Der Freiheitsprozess beschreibt auf der globalen Ebene (rechter Kreis, »makro«) die Weltwirtschaft als Entwicklungsprozess der Menschheit, der durch die Wechselwirkung von Konsumtion und Produktion immer neue Qualitäten von Freiheit hervorbringt und diese in Fortschritt verwirklicht. Der Freiheitsprozess zeigt auf der individuellen Ebene (linker Kreis, »mikro«) die Ich-Entwicklung des einzelnen Menschen, wobei der Einzelne in der Wechselwirkung von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung immer weiter differenzierte Fähigkeiten entwickelt und in Fertigkeiten verwirklicht.
Doch sowohl die Beschreibung der globalen Ebene als auch die der individuellen Ebene sind und bleiben abstrakt. Die Frage ist: Wie gestaltet denn nun der freie individuelle Mensch das soziale Ganze? Wie wirkt der Einzelne auf das Ganze? Wo ist der konkrete Anfang und Wirkungsraum? Dieser liegt auf der sozialen Ebene (mittlerer Kreis, »meso«), die zwischen der individuellen und der globalen Ebene liegt. Diese soziale Ebene sind die Unternehmen. Die Unternehmen sind der Ort und Zusammenhang, wo Menschen konkret und gemeinsam etwas Sinnvolles für die Zukunft unternehmen. Hier entwickelt sich das Ich in Beziehung und Auseinandersetzung mit dem anderen Ich, in sozialen und oft auch asozialen Prozessen, weil das Soziale erst noch erlernt und geübt werden muss. Hier werden gemeinsam Ideen entwickelt (Kreativität) und in die Tat umgesetzt (Produktivität).
Mit der individuellen, der sozialen und der globalen Ebene ist nun eine dreifache Gliederung angedeutet. Und da ja jede Ebene in sich dreigegliedert ist, handelt es sich um eine dreifache Dreigliederung.
Um Aspekte der notwendigen internen Organisationsentwicklung und der notwendigen externen Assoziationsbildung von Unternehmen besser zu verstehen, kann es helfen zwei weitere Ebenen in die Betrachtung einzubeziehen: Die Ebene der Teams zwischen Ich und Unternehmen, und die Ebene der Assoziationen zwischen Unternehmen und Weltwirtschaft. Insgesamt ergeben sich damit fünf symmetrische Ebenen: Weltwirtschaft, Assoziation, Unternehmen, Team und Ich.
Der einzelne Mensch und Mitarbeiter, das Ich und seine Bewusstseinsstruktur sind dabei sozusagen das Urbild, denn die »Ich'e« verweben sich zu Teams, diese verweben sich zu Unternehmen, diese zu Assoziationen und diese zur Weltwirtschaft (= Gesellschaft = Demokratie) als Ganzes. Die sich verbindenden Ebenen sind symmetrisch, also selbstähnlich – sie offenbaren immer die Bewusstseinsstruktur des Ich und seines Freiheitsprozesses.
Damit wird nocheinmal deutlich, warum die individuelle und innere Bewusstseinsentwicklung so bedeutsam für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft ist.
Der Sinn und die Aufgabe der kreativen Weltwirtschaft ist, dass das einzelne Ich, der einzelne Mensch seine Freiheit entwickeln kann – das gilt aber für alle Menschen, denn nur wenn Freiheit für alle möglich ist, ist sie auch für den Einzelnen möglich. Der soziale Organismus lässt sich deshalb nicht auf regionaler oder nationaler, sondern nur auf weltweiter Ebene begreifen – es geht um den Menschheitsprozess hin zur Freiheit – Freiheit ist die Quelle und das Ziel des Ganzen.
Unternehmen haben in diesem Menschheitsprozess eine zentrale Bedeutung, denn durch sie wird der »Bedarf der Ideen nach Verwirklichung« realisiert. Solche Ideen zu entwickeln und ins Dasein zu bringen ist ein kreativer oder auch künstlerischer Prozess. Für den einzelnen Menschen geht dabei um Selbstbestimmung – jedoch nicht im Sinne von Willkür (ich mache was mir nützt oder bequem ist), sondern als bewusste Hingabe an die Idee. Durch diese Hingabe wird der Mensch, seine Fähigkeit und seine Berufung durch die Unternehmensidee selbst bestimmt. [1]
Paradoxerweise bestimmt der Mensch die Idee zugleich selbst, wenn er sein Ego zurücknehmen kann, die dienende Rolle des Künstlers einnimmt und den schöpferischen Prozess freilässt. Die Arbeit wird zum künstlerischen Vorgang, in dem das Produkt durch den Menschen als Medium gewissermaßen sein eigener Produzent wird. Weil in diesem Prozess zwischen Idee und Produkt eine Weisheit wirkt, die mehr weiss als der einzelne Mensch, führt dieser Prozess zu Innovationen, die man sich zuvor nicht hätte vorstellen können.[1]
Arbeit wird in diesem Zusammenhang zum kreativen Prozess der Selbstbestimmung, sie wird zum Freiheitsprozess. Arbeit ist nicht länger der Zwang zu körperlicher Arbeit, um die Existenz zu sichern. Stattdessen werden Menschen diese »freie Arbeit« aus sich selbst heraus tun wollen, weil sie sich selbst bestimmen und verwirklichen wollen, indem sie mit ihrer Fähigkeit und Berufung ihren Beitrag zum Unternehmen und damit zum Ganzen leisten.. [2]
Jedes Unternehmen bedeutet deshalb, sich am Ideal der Freiheit des Ganzen, also an der Freiheit der Menschheit, zu orientieren. Die Ideen der Unternehmen leiten sich aus dem Ideal der Freiheit ab (siehe Abb. grüne Pfeile von Pol zu Pol). Die Fähigkeiten der Mitarbeiter leiten sich wiederum aus den jeweiligen Unternehmensideen ab. Die Verwirklichung der Fähigkeiten in Fertigkeiten erzeugt die Waren im Unternehmen (siehe Abb. rote Pfeile von Pol zu Pol). Alle Waren zusammen ergeben den Fortschritt, der verwirklichte Befreiung bedeutet.
Diese Befreiung von der Notwendigkeit bedeutet, es wird etwas frei, es entsteht Freiraum und Freizeit – Ich könnte es auch Kapital nennen –, welche jetzt verwendet werden können, um sich erneut dem Ideal der Freiheit und seiner Weiterentwicklung zuzuwenden. So entsteht ein Gesamtzusammenhang von der Freiheit, zur Idee, zur Fähigkeit, zur Fertigkeit, zur Ware, zum Fortschritt und wieder zur Freiheit - so sind jedes Ich und das Ganze miteinander verbunden.
In den Teams wird der Zusammenhang von Fähigkeiten und Ideen, sowie Fertigkeiten und Waren durch kreative und produktive Arbeit entwickelt. In den Teams oder Kollegien arbeiten die Menschen konkret zusammen und bilden ihren Teamgeist heraus.
In den Assoziationen wird der Zusammenhang von Ideen und Freiheit, sowie von Waren und Fortschritt durch Bedarfsbestimmung und -verwirklichung herausgebildet. Hier kommen die Vertreter der Produzenten und Konsumenten zur gemeinsamen Begriffs- und Bewusstseinsbildung – zum Freiheitsprozess – zusammen.
Das Bild vom Freiheitsprozess kann die Begriffe und Prozesse der symmetrischen Ebenen, vom einzelnen Ich, über Teams, Unternehmen, Assoziationen bis hin zur Weltwirtschaft als ein soziales Ganzes – oder einen sozialen Organismus – wirklich praktisch beschreiben. Um diese Beschreibungen weiter zu klären, kann die «Soziale Dreigliederung» von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben auf das Bild angewendet werden. Das Geisteslebens erstreckt sich über die oberen Sphären von Selbstbestimmung, kreativer Arbeit, Kreativität, Bedarfsbestimmung und Konsumtion.
Das Rechtsleben erstreckt sich über die mittleren Sphären von Ich, Teams, Unternehmen, Assoziationen und Weltwirtschaft. Das Wirtschaftsleben durchdringt die Felder von Selbstverwirklichung, produktiver Arbeit, Produktivität, Bedarfsverwirklichung und Produktion. Jedes Unternehmen gehört immer zugleich dem Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben an.
Unternehmen werden zu Zentren kreativer Freiheit. Hier werden die Ideen verwirklicht, die zur Grundlage für weiteren Fortschritt und weitere Freiheit werden. Die Verantwortung der Unternehmen reicht somit über das Produkt hinaus: Sie müssen die Qualität des kreativen und produktiven Prozesses sichern, indem sie die freie Entfaltung des Einzelnen und das Zusammenwirken aller ermöglichen. Das Unternehmen wird zum Modell für die Gesellschaft und die Demokratie, und es wird Verantworltich für die Entwicklung des wahren Kapitals der Gesellschaft. [3, 4]
Dieser erweiterte Unternehmensbegriff rückt das wahre Wesen der Wirtschaft in den Fokus: Arbeit als Dienst am Nächsten (Nächstenliebe) und das wahre Bedürfnis – statt der Profit – als ordnendes Prinzip im gesamten Feld von Produktion und Konsumtion. Um den gesellschaftlichen Freiheitsprozess zu befördern, gehört es außerdem zum Unternehmensziel, sich für neue Wirtschafts- und Geldgesetze zu engagieren, denn die bestehenden Vorstellungen und Gesetze behindern den Fortschritt und die Freiheit. [4]
Das einzelne Unternehmen, in der Mitte, im Mittelstand, zwischen dem Ich und dem Ganzen wird zum konkreten Ort, an dem Menschen zusammenkommen und zusammenarbeiten und wo die individuellen und sozialen Entwicklungsprozesse tatsächlich stattfinden. Die Unternehmen sind die Räume, durch die das Individuum auf das Ganze wirkt, wo es sich selbst bestimmt und verwirklicht und dabei das Ganze gestaltet. Dazu muss das Unternehmen aber neu begriffen werden: als der Ort an dem Menschen gemeinsam etwas sinnvolles für die Zukunft unternehmen.
Es geht um das Unternehmen der Zukunft.
1 Schmidt 1998, S. 11-12
2 Schmidt 1998, S. 15
3 Schmidt 1994, S. 42
4 Schmidt 1994, S. 43