Geld hat keine klare Definition. Es wird üblicherweise als Tausch-, Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel beschrieben. Es löst die Begrenzungen des direkten Tauschs und ermöglicht durch seine Funktion als Symbol den Austausch unabhängig von Zeit, Ort, Produkten und Personen. Die arbeitsteilige und spezialisierte Weltwirtschaft wäre ohne Geld undenkbar, da es die Grundlage für umfassende Austauschprozesse bildet. Geld ist keine Ware, sondern ein Vertrauenssymbol, das als Informationsmedium Bewusstsein über Wirtschaftsprozesse schafft. Kritiker bemängeln jedoch, dass Geld seine klassischen Funktionen unzureichend erfüllt.
von Michael Plein | 30. September 2024
Leider gibt es auf die Frage, was Geld ist, keine schnelle Antwort. Es gibt sehr viele Experten zu diesem Thema, die unzählige Bücher dazu geschrieben haben. In Manchem ist man sich einig, in Manchem nicht. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber es gibt keine eindeutige Definition für Geld, denn es gibt verschiedene Geldformen in verschiedenen Zusammenhängen und außerdem ist der Geldbegriff bisher ziemlich unterbelichtet.[1]
Der Begriff Geld stammt vom Wort »gelten«, was so viel wie wert sein, einen bestimmten Wert haben, gültig sein, Gültigkeit haben, angesehen, gehalten werden (für), zahlen, entschädigen oder opfern bedeutet.[2] Ein eindeutige Auskunft über die Bedeutung von »Geld«, gibt uns das noch nicht.
Laut Wörterbuch bedeutet der Begriff »Geld« heute ein »Zahlungsmittel« in Form von Münzen und Banknoten.[3] Das juristische Wörterbuch definiert Geld als »das von einem Staat oder einer durch ihn ermächtigten Stelle als Wertträger beglaubigte, zum Umlauf im öffentlichen Verkehr bestimmte Zahlungsmittel.« Ein Zahlungsmittel ist dabei »Geld und das geldgleiche Recht, das zu einer Zahlung verwendet wird« und eine Zahlung ist die »Übereignung von Geld«.[4]
Das Wirtschaftslexikon sagt, Geld sei ein »vom Staat (als gesetzliches Zahlungsmittel) bestimmtes und vom Verkehr allgemein (als Wertmaßstab und Recheneinheit) anerkanntes Tauschmittel« und »Im ökonomischen Sinne ist Geld alles, was Geldfunktionen erfüllt.«.[5]
Diese gängigen Geld-Definitionen, die behaupten, Geld sei ein allgemein anerkanntes Tauschmittel, dass als Zahlungsmittel, Wertmaßstab und Mittel zur Wertaufbewahrung dient, werden in der Regel als Antwort auf die Frage »Was ist Geld?« gegeben. Doch beschreibt diese Definition bloß die Funktionen die Geld bestenfalls haben soll, sie beschreibt aber nicht, was Geld im wesentlichen ist. Nun ist Geld aber eine »vorherrschende Soziale Technologie«, die unser alltägliches Leben, vom Größten bis ins Kleinste durchdringt. Deshalb wäre es schon wichtig, zu wissen, was Geld ist. Um dem näher zu kommen, will ich im Folgenden zunächst auf die Funktion des Geldes als Tauschmittel eingehen.
Die Beschreibung des Geldes als Tauschmittel, lässt sich erst dann richtig begreifen, wenn die naive Vorstellung von einer »Tauschwirtschaft«, in der Menschen selbst Produkte herstellen und diese in unmittelbaren und persönlichen Tauschvorgängen miteinander austauschen, drangegeben wird.
Die moderne Weltwirtschaft zeichnet sich nämlich durch einen hohen Grad an Arbeitsteiligkeit und Spezialisierung aus – das ist es, was sie sehr leistungsfähig macht. Arbeitsteilung heißt, dass viele Menschen mit ihren Fähigkeiten an der Produktion einzelner Waren, wie z.B. eines Schuhs beteiligt sind. Das Ergebnis einer solchen aus Fähigkeiten gespeisten arbeitsteiligen Produktion ist mehr als die Summe seiner Teile.
Dass zum Beispiel die Mitarbeiter der Schuhfabrik die hergestellten Schuhe direkt gegen andere Waren, wie z.B. Kartoffeln und Milch tauschen, ist vielleicht noch vorstellbar. Bei der Herstellung eines Flugzeugs oder eines Abwasserklärwerks ist das aber nicht mehr vorstellbar. Die vielen Spezialisten die an der Herstellung solcher Produkte beteiligt sind können schlecht ein kleines Stück Flugzeug oder Klärwerk gegen Produkte des täglichen Bedarfs tauschen. Die Spezialisierung in der industrialisierten Wirtschaft bedeutet, dass sowohl die Fähigkeiten der Menschen, als auch die Produkte vielfältig und besonders sind. So wäre es z.B. für einen auf die Operation von Koronararterien-Bypässen spezialisierten Herzchirurgen schwierig bis unmöglich, seine Fähigkeit direkt gegen die von ihm benötigte Zartbitterschokolade aus venezolanischem Bio-Kakao zu tauschen. Wie Abbildung 1 zeigt, ist man beim unmittelbaren Tauschen davon abhängig, dass eine Person A ein Produkt P1 gegen ein anderes Produkt P2 mit Person B tauschen will. Dafür müssen die Bedürfnisse der beiden Personen durch die Produkte des jeweils anderen erfüllt werden und die Produkte müssen gleichwertig sein. Außerdem müssen sich die beiden Personen und die Produkte zur selben Zeit am selben Ort befinden.
Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass alle genannten Faktoren aufeinandertreffen, weshalb man vermuten kann, dass es eine reine Tauschwirtschaft nie gegeben hat.[6] Es handelt sich auch nicht um einen direkten Tausch, wenn mehrere Produkte gegen ein anderes Produkt getauscht werden, wie z.B. eine Herz-Operation gegen 100 Paar Schuhe. In diesem Fall bildet sich bereits ein Preis und der Schuh wird zu einer Art Währung, zu etwas wie Geld.[7] Beim direkten Tausch ist der Aufwand, den richtigen Tauschpartner zu finden, so hoch, dass es stattdessen leichter wäre, die Produkte selbst herzustellen. Das hieße dann aber, dass eine solche auf direktem Tausch basierende Wirtschaft, über das Niveau einer Subsistenzwirtschaft[8] kaum hinaus käme, weil die meisten Leute tagtäglich mit der Produktion der grundlegendsten Güter oder der Suche nach geeigneten Tauschpartnern beschäftigt wären.[9] Einer effizienten Arbeitsteilung, der fachlichen Spezialisierung und dem Aufbau von Wissen und qualifizierten Fähigkeiten wären enge Grenzen gesetzt.
Die Begrenzungen des direkten Tauschs werden durch das Geld gelöst. Wie die Abbildung 1 zeigt, ermöglicht das Geld, dass man Produkte oder Fähigkeiten in den allgemeinen Wirtschaftsraum hineingibt und zunächst ein Zeichen oder Symbol für deren Wert erhält – dieses Zeichen kann eine Münze oder eine Banknote sein, es kann aber auch eine Zahl in einer Buchhaltung sein. Mit diesem Symbol, dem Geld, kann man dann zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort, ganz andere Produkte oder Fähigkeit aus dem Wirtschaftsraum beziehen.
Die Funktion des Geldes als Tauschmittel ermöglicht also den mittelbaren Tausch unabhängig von einzelnen Wirtschaftswerten oder einzelnen Personen. Die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel ermöglicht den Austausch unabhängig von Ort und Zeit. Die Funktion als Zahlungsmittel ermöglicht es, völlig unterschiedliche Wirtschaftswerte, zu bewerten, zu berechnen und »be-zahlen«.
Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Rechnungswesen Franz Hörmann kritisert, dass die oft genannten drei Funktionen des Geldes – Tauschmittel, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel –, von der heutigen Form des Geldes nicht erfüllt werden. Geld sei ein schlechter Wertmaßstab, weil sich der Wert als Preis immer subjektiv und situativ ergibt und sich außerdem die Bewertung des Geldes durch Kursschwankungen, Angebot und Nachfrage, Inflation und Deflation verändert – so, als würde sich die Länge eines Lineals ständig verändern.
Geld sei kein Tauschmittel, da ein Tausch von ungleichen Stückzahlen genau gesehen ein Kauf ist, und die Begriffe von Tausch, Kauf, Tauschwert, Gebrauchswert, Preis und Wert an sich unklar bleiben. Geld sei kein Wertaufbewahrungsmittel, weil Geld eben nur ein Symbol für Wirtschaftswerte ist und es deshalb reale Vermögensgegenstände nicht ersetzen kann.[10]
Um die Komplexität der Arbeitsteilung in der heutigen Weltwirtschaft zu verstehen, ist ein einfacher industriell hergestellter Jogurtbecher ein guter Ausgangspunkt. Um einen Becher Jogurt herzustellen, braucht es z.B. Milchkühe, Kuhzüchter, Tierärzte oder Landwirte. Wenn wir uns überlegen, wie viele Menschen allein daran beteiligt sind, dass Tierärzte und Landwirte an einer Universität ausgebildet werden können, dann kommen wir schon fast nicht mehr hinterher.
Der landwirtschaftliche Betrieb und der Molkereibetrieb besteht aus Gebäuden, die von Bauunternehmen und deren Mitarbeitern hergestellt werden. Es werden Fahrzeuge und technische Anlagen zur Verarbeitung der Milch benötigt, die von tausenden Mitarbeitern in einer Autofabrik oder einer Maschinenfabrik und deren Zulieferern und deren Zulieferern hergestellt werden.
Allein um den Becher selbst und das Etikett herzustellen, braucht es einen ganzen Industriezweig der die Verpackungsmaterialien aus Kunststoff, Aluminium und Papier herstellt. Es braucht Designer und Drucker, Druckmaschinen, Chemiker, Bauxiterz-Bergwerke und Aluminiumhütten, Ölförderanlagen und Raffinerien und so weiter.
Und was wird noch alles für die Produktion des Jogurtbechers gebraucht? Lebensmitteltechniker für die Rezeptur, komplizierte Produkte wie Computer für die Verwaltung, Fahrzeuge zur Auslieferung, Supermärkte, Kühlanlagen, Banken für den Zahlungsverkehr, und so weiter und so weiter – sicher gibt es noch viele weitere Zusammenhänge.
Wenn wir diese ganze Kette verfolgen, sind offensichtlich zahllose Menschen auf der Welt an der Produktion nur eines Jogurtbechers beteiligt. An diesem Beispiel lassen sich drei wichtige Merkmale der arbeitsteiligen Weltwirtschaft erkennen: 1. Theoretisch sind alle Unternehmen sind miteinander verwoben – sie bilden sozusagen ein Weltunternehmen, egal um welches Produkt es geht. 2. Die Arbeitsteilung ist so komplex, dass man sie nicht im einzelnen nachvollziehen kann. Wir können also theoretisch annehmen, dass jeder Mensch weltweit an der Herstellung jedes Produktes irgendwie beteiligt ist. 3. Kein Mensch arbeitet für sich, um für sich selbst Geld zu verdienen oder sich selbst zu versorgen. In Wirklichkeit arbeiten Menschen in einem globalen Gewebe zusammen, wobei der einzelne seine besonderen Fähigkeiten einsetzt, um andere zu versorgen, während alle anderen dasselbe tun, um den Einzelnen zu versorgen.
Diese arbeitsteilige und spezialisierte Struktur der modernen Weltwirtschaft – in Verbindung mit der Funktion des Geldes – macht deutlich: Es gibt keine isolierten Tauschvorgänge zwischen einzelnen Personen. Die Austauschprozesse reichen weit über das Persönliche hinaus, sie durchdringen den gesamten Wirtschaftsraum, bis hinein in komplexe globale Verflechtungen. Und weil wir alle Teil dieser Verflechtungen sind, betrifft die Wirtschaft immer auch die Gesellschaft als Ganzes. Wirtschaft ist keine Privatsache.
Wirtschaft und Geld sind eine zutiefst soziale Angelegenheit! Das ist ein entscheidender Punkt. Denn die gängigen Vorstellungen vom Geld – ebenso wie viele Bildungsangebote zu diesem Thema – behandeln Geld als etwas persönliches: ein Mittel, um sich mit den richtigen Strategien, Verhaltensregeln oder psychologischen »Mindsets« einen Vorteil zu verschaffen. Doch so kommen wir nicht weiter. Die Frage nach dem Geld lässt sich nicht privat beantworten. Sie lässt sich nicht für sich allein lösen. Wenn wir ehrlich weiterkommen wollen, müssen wir sie gemeinsam stellen – und gemeinsam bearbeiten.
Dabei ist es entscheidend, die begrenzten Vorstellungen von Selbstversorgung, Privatwirtschaft und hauswirtschaftlichem Denken zu überwinden. Stattdessen muss ein umfassenderes und komplexeres Verständnis von Geld und Wirtschaft entwickelt werden. Jeder Mensch hat mit Geld zu tun und ist Teil der Wirtschaft – sei es als Produzierender oder Konsumierender. Deshalb sollte die Fähigkeit, in komplexen volks- und weltwirtschaftlichen Zusammenhängen zu denken, Teil der Allgemeinbildung sein.
Ein grundlegendes Verständnis von Geld und Wirtschaft bildet die Basis für einen gelingenden demokratischen Prozess. Denn nur wer die Aufgabe des Geldes in der demokratischen Gesellschaft versteht, kann sich davor schützen, von jenen übervorteilt zu werden, die das Geld für egoistische Zwecke missbrauchen.
Eine weitere wichtige Folgerung ist, dass das Geld selbst kein Wirtschaftswert, insbesondere keine Ware ist. Geld ist ein Recht für den Bezug von Waren aus dem allgemeinen Wirtschaftsraum. Dieses Recht entsteht, indem ein Mensch seine Fähigkeiten leistet, um gemeinsame mit anderen Waren zu produzieren, die in den Wirtschaftsraum hineingegeben werden. Damit entsteht für ihn das Recht auf eine Gegenleistung.[11] Diese Gegenleistung ist aber kein Lohn für erbrachte Arbeit, sondern ein angemessenes Einkommen, durch das der einzelne Mensch seine Bedürfnisse so erfüllen kann, dass er seine Fähigkeiten bestmöglich entwickeln kann, damit er diese in den gemeinsamen und weltweiten Produktionsprozess für andere einbringen kann.
Die komplexen und weltweiten Austauschprozesse in der modernen Wirtschaft, wären ohne Geld nicht möglich. Das Geld ist dabei auch eine Art Informationsmedium, das täglich durch Milliarden von Transaktionen auf allen gesellschaftlichen Ebenen fließt und dort Bewusstsein über die Wirtschaftsprozesse und die Wirtschaftswerte schafft.[12]
Dabei kann Geld verschiedene äußerliche Formen annehmen, wie z.B. Metallmünzen, Papierscheine, Edelmetalle oder elektronisches Buchgeld. Die Form des Geldes muss anerkannt sein, das heißt, die Wirtschaftsteilnehmer müssen z.B. in die Institution des Herausgebers, die Echtheit der Form oder die Stabilität des Geldes vertrauen.
Mit diesen Ausführungen ist das Geld nur anfänglich und von Außen in seinem Zweck und seiner Funktion beschrieben. In Zukunft wird es darum gehen, das Geld als das vitales Element des »Sozialen Organismus« zu beschreiben. Der Soziale Organismus ist ein erweiterter Begriff von Wirtschaft und Gesellschaft, der neben der heute üblichen Rationalen und Funktionalen Perspektive auch Aspekte von Entwicklung, Kreativität und Lebendigkeit mit in den Blick nimmt. Diese erweiterte Perspektive ist für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft unbedingt notwendig, denn sie entwickeln sich aus den Beziehung von lebendigen und
kreativen Menschen, und das in jedem Menschen liegende lebendig-kreative Potenzial ist von besonderer Bedeutung, denn es ist die Quelle von Innovationen. Insofern muss ein zukunftsfähiges Wirtschaftsdenken die Wirtschaft und Gesellschaft auch als etwas organisches betrachten. Das Geld bekommt in diesem Zusammenhang einen Rechtscharakter, einen demokratischen Charakter, eine Aufgabe als Informations-, Kommunikations- und Kreativitätsmedium – es bekommt eine wesentliche und schöpferische Dimension.
Hamburg open online university: „Was ist Geld? – Einführung“ ,
https://was-ist-geld.de/einfuehrung/ (Abruf 5.11.2024 10:10)
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: gelten,
https://www.dwds.de/wb/etymwb/gelten (Abruf 4.8.2025 00:25)
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Geld,
https://www.dwds.de/wb/Geld (Abruf 4.8.2025, 00:30)
Köbler 2022, S. 183, S. 559
Gabler Banklexikon: Definition: Was ist „Geld"?,
https://www.gabler-banklexikon.de/definition/geld-58204 (Abruf 4.8.2025, 00:20)
Hamburg open online university: „Was ist Geld? – Das Wesen des Geldes“,
https://was-ist-geld.de/einfuehrung/ (Abruf 26.5.2025 17:00)
Hörmann/Pregetter 2011, S. 176
„landwirtschaftliche Produktion, die primär der Eigenversorgung dient und damit außerhalb des monetären Kreislaufs einer Volkswirtschaft bleibt“, Gabler Online: „Subsistenzlandwirtschaft“,
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/subsistenzlandwirtschaft-42551/version-265897
(Abruf 30.9.2024 15:20)
Pflüger 2015, S. 19
Pregetter/Hörmann 2012, S. 168-178
Pfluger 2015, S. 21
Lietaer 1999, S. 41