Die Vorstellung von Gold als Deckung für Geld hat sich über tausende Jahre Vergangenheit gefestigt. Spätestens seit dem biblischen Tanz um das goldene Kalb, ist Geld angeblich nur dann etwas wert, wenn es selbst aus Edelmetall besteht oder irgendwo eine Menge Edelmetall in einem Tresor liegt oder wenn es gar durch Landbesitz oder Immobilien gesichert ist. Doch was wäre, wenn diese Stofflichkeit des Geldes mehr ein Mythos als eine Tatsache ist?
von Michael Plein | 9. September 2024
Nachdem was im ersten Kapitel über die Beschreibung vom direkten Tausch durch das Geld gesagt wurde, könnte man nun meinen, die Edelmetallmünzen hätten diesen Fortschritt bewirkt. Der amerikanische Anthropologe David Graeber stellt jedoch fest, dass es in Mesopotamien 4.000 v. Chr. nicht die Münzen waren, sondern die Buchhaltung, die den unmittelbaren Tausch von Waren ermöglichte.[1]
Nach Graeber wurden in den lokalen Wirtschaftsräumen die Leistungen der Wirtschaftsteilnehmer, unter der Autorität von Tempeln, durch Buchhaltung verrechnet. Gedeckt war das »Buchgeld« durch die tatsächlich von den Menschen erbrachten Leistungen und hergestellten Waren. Immer dann, wenn ein Mensch einen Wirtschaftswert geschaffen hatte, wurde dies in der Buchhaltung vermerkt.
In diesem Moment hatte er ein Guthaben, dass er durch den Bezug von anderen Waren abbauen konnte. So wurde durch den Menschen und seine Leistung selbst das Geld geschöpft – dies war zugleich ein Kredit, denn das Guthaben musste nicht sofort in Anspruch genommen werden, sondern erst im Laufe der Zeit.
Am Anfang war Geld also eine Buchhaltung und am Ende stellen wir vielleicht fest, dass es auch heute eine Buchhaltung ist, und dass das für die Zukunft seine Richtigkeit hat – nachdem es von 4.000 v. Chr. bis ca. 700 bis 500 v. Chr. über dreitausend Jahre lang gut funktioniert.
So scheint auch die Entstehung der Edelmetallmünzen eine unfriedliche und unfreiheitliche Geschichte zu sein. Nach Graeber wurden in China, Indien und Griechenland, ungefähr zeitgleich zwischen 700 und 500 v. Chr. die Münzen eingeführt, um Kriege zu finanzieren. Bis dahin erhielten die Soldaten einen Anteil an der Kriegsbeute, was übrigens die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs »Lohn« ist.[2] Nun aber kamen die Herrscher darauf, ihre Soldaten mit Münzen aus den geraubten Schätzen zu bezahlen. Zugleich wurden die Familien in den Herrschaftsgebieten verpflichtet mit diesen Münzen, so etwas wie eine Steuer, an die Herrscher zu zahlen.[3] Damit entstand eine Kriegswirtschaft, denn die Familien waren nun gezwungen, durch die Versorgung der Soldaten, an deren Münzen zu kommen, um diese wiederum an den Herrscher zurückgeben zu können.
Das Münzgeld hatte nun nicht mehr, wie bisher, durch den Sozialen Zusammenhang und die Autorität des Tempels seine Gültigkeit, sondern es galt durch den bloßen Besitz. Dieses Geld war nach wie vor ein Bezugsrecht für Waren, man konnte es sich jetzt aber durch Gewalt aneignen. Das stärkte das Recht des Stärkeren und führte zu der Illusion, das Geld sei selbst der Wert, es sei selbst eine Ware – und diese Illusion hält bis heute an.[4]
Der Glanz des Goldes und sein scheinbarer Wert, kann den Kleingeist gewaltig täuschen. Neben der mythischen Bedeutung von Gold, kann es über Jahrtausende hinweg praktisch unverändert aufbewahrt werden, ohne zu faulen, zu rosten oder zu zerfallen. In einer kriegerischen Welt, in der jeder für sich zurecht kommen muss, ist der Besitz von Gold selbstverständlich eine sichere Sache.
Um Gold und andere Edelmetalle als Zahlungsmittel zu verwenden, müssen sie in Form von Münzen standardisiert werden, damit alle Beteiligten wissen, welchen Wert sie in der Hand haben. Dazu werden Münzen unter Aufsicht einer Obrigkeit, eines Herrschers oder einer Regierung mit festgelegtem Gewicht und Reinheitsgrad geprägt.
Eine weitere erste nachweisbar Währungen in Form von Münzen, wurde von den Sumerern in der Region des heutigen Ägypten im dritten Jahrtausend v. Chr., also noch in der Vor- und Frühgeschichte, verwendet.[5][6] In Kleinasien hat dann im sechsten Jahrhundert v. Chr. der König Krösus von Lydien gemünztes Geld herausgegeben. Von Kleinasien aus verbreitete sich in der Antike die Münzprägung nach Griechenland und Rom. Die Römer trugen die Münze weiter Richtung Norden und im Mittelalter verbreiteten sich verschiedenste Münzarten aus Gold, Silber und anderen Metallen in Europa.
In der langen Geschichte der Edelmetallmünzen war es aber nicht so, dass Menschen ständig und überall mit ihren Waren auf Märkten gehandelt und dafür Münzen gebraucht hätten. Der ungarisch-österreichische Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi[7] beschreibt, dass die antike Wirtschaft fest in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingebunden war, wobei die Wirtschaft der Erfüllung der Bedürfnisse der Gemeinschaft diente und nicht dem privaten Profit oder Reichtum. Die auf Dörfer und kleine Regionen begrenzten Wirtschaftsräume waren auf Selbstversorgung ausgerichtet. Güter wurden größtenteils nicht auf Märkten gegen Geld gehandelt, sondern ihr Austausch und die Beziehungen der Menschen wurde durch eine »Höhere Ordnung« organisiert. Dazu braucht man keine Münzen, sondern dazu eignet sich, wie zuvor beschrieben, eine Buchhaltung.
Die Menschen haben sich in die religiöse, politische und soziale Ordnung eingefügt und je nach sozialer Stellung produziert, verteilt und erhalten, was notwendig war, damit die Gemeinschaft existieren konnte. Das Handeln der Menschen war nicht primär auf einen vorteilhaften Tausch gerichtet, sondern vielmehr darauf ihre soziale Stellung, ihre sozialen Ansprüche und ihr soziales Ansehen zu wahren. Es gab kaum eine Vorstellung von persönlichem Gewinnstreben, Lohnarbeit, Kostenminimierung oder Unternehmen, die ihr Ziel darin sahen, Geld zu verdienen. Materielle Güter wurden nur insoweit geschätzt, als sie der Gestaltung langfristiger sozialer Beziehung dienten.
Im Mittelalter wurde die Produktion und Verteilung von Gütern durch feudale Strukturen, aber weiterhin vorrangig im Hinblick auf die Soziale Ordnung bestimmt. Der Austausch von Gütern nach sozialen Gesichtspunkten, innerhalb von Wirtschaftsräumen der Antike und im Mittelalter, war also mehr die Regel als die Ausnahme – auch auf örtlichen Märkten.[8]
Getrennt davon entwickelten sich Fernmärkte, um den Außenhandel zwischen den verstreuten kleinen Wirtschaftsgebieten zu organisieren. Dazu wurden Jahrmärkte und Messen veranstaltet oder an Häfen und Umschlagplätzen entstanden Märkte. Auf diesen herrschten oft strenge Marktordnungen, die den Außenhandel vom örtlichen Handel trennen sollten, um die Konkurrenz durch Kaufleute aus der Ferne zu vermeiden. Da die aus der Ferne kommenden Kaufleute nicht Teil der örtlichen Gemeinschaft waren, hat sich deren Handeln nicht durch die Soziale Ordnung regulieren können.
In der Zeit des Merkantilismus[9] wurde diese Trennung zunehmend aufgelöst und es entstanden nationale Binnenmärkte und der Außenhandel zwischen den Staaten, wodurch die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen, Stadt und Land nicht mehr berücksichtigt wurden. Um der Bedrohung des Gemeinwesens durch Konkurrenz und Monopolbildung entgegenzuwirken, wurden die nationalen Märkte vom jetzt politisch zentralisierten Staat reguliert.[10]
Erst im 19. Jahrhundert entstand die heute selbstverständliche Marktwirtschaft, die die Wirtschaftsordnung einem »selbstregulierenden« Marktmechanismus aus Angebot und Nachfrage überlässt. Die Vorstellung von dieser Selbstregulierung geht davon aus, dass Menschen – entsprechend der Vorstellung vom »Homo Oeconomicus«[11] – immer rational handeln und nach maximalem Geldgewinn streben. Eine solche Wirtschaftsordnung erfordert, dass neben den tatsächlichen Waren (zum Verkauf und Verbrauch erzeugte Güter) auch Arbeit, Boden und Geld zur Ware gemacht werden, damit sie auf dem Markt gehandelt werden können. Außerdem setzt der selbstregulierende Markt voraus, dass Geld vorhanden ist, damit sich in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage die Preise bilden können. Das Geld wird als Zahlungsmittel benötigt, um den Preis von Waren in Zahlen auszudrücken, wobei der Preis für Arbeit der Lohn, für Boden die Rente und für Geld der Zins ist.
Bis zur Entstehung der Marktwirtschaft waren über tausende Jahre die Gesellschaft mit ihrer Sozialen Ordnung und der Erhalt des Gemeinwesens die Regel, während die Wirtschaft sich als Teil dieses Gesellschaftslebens eingefügt hatte. Mit der Marktwirtschaft kehren sich die Verhältnisse radikal um, denn nun stehen der Wettbewerb und der persönliche Nutzen im Vordergrund, und alles wird zur handelbaren Ware gemacht, womit alles dem Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage und dem Profitstreben des Einzelnen unterworfen wird.[12]
Dieses auf Egoismus gegründete Wirtschaftssystem hat sich dadurch sozusagen aus dem Sozialen herausgetrennt und es regelrecht unterworfen und zu seinem Anhängsel gemacht. Das hat aber erst vor ca. 250 Jahren in Europa seinen Anfang genommen. Es ist also keineswegs so, dass der Mensch immer schon, womöglich von seiner biologischen Evolution her, ein »Tauschhandel treibender Wilder« ist, der bloß nach seinem Vorteil und Nutzen strebt, und das deshalb die Marktwirtschaft fraglos die beste Wirtschaftsform ist. [13]
Die meisten Untersuchungen zur historischen Entwicklung des Papiergeldes beschreiben, dass im Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, Goldschmiede und private Banken, Gold im Auftrag ihrer Kunden, in gesicherten Räumen verwahrt haben. Für das eingelagerte Gold haben die Kunden eine Quittung als Garantie erhalten, mit der sie zu einem späteren Zeitpunkt die entsprechende Goldmenge wieder einlösen konnten. Das eingelöste Gold war aber nicht dasselbe Gold, welches zuvor eingelagert wurde, sondern eine gleiche Menge Gold.
Neben der Sicherheit bei der Aufbewahrung, hatte dieses Verfahren für die Kunden den Vorteil, dass sie ihre Goldbestände in Form eines Papiers an andere Orte verbringen konnten. Außerdem konnte der eigene Goldbestand, ganz oder teilweise, in Form eines Papierscheins an andere Personen übertragen werden. Wenn Banken in verschiedenen Städten und Regionen zusammenarbeiteten, war es sogar möglich, das Gold, durch die Quittung, physisch an einem anderen Ort wieder zu erhalten.
Die Banken waren private Unternehmen, deren Quittungen, bei entsprechendem Vertrauen vieler Wirtschaftsteilnehmer, als Geld im Umlauf waren. So sollen die Banknoten entstanden sein.[14][15][16]
Bei Banknoten handelt es sich um Schuldverschreibungen, für die ein entsprechender realer Sachwert, wie z.B. Gold, hinterlegt ist. Eine Schuldverschreibung ist eine Urkunde, in der sich der Schuldner gegenüber dem Gläubiger zur Zahlung der Schuld verpflichtet. Bei Vorlage dieser Schuldverschreibung, also der Banknote, ist die Notenbank verpflichtet, eine bestimmte Menge an beispielsweise Gold auszuhändigen. Logischerweise kann die Bank nur Banknoten in demselben Volumen herstellen und herausgeben, die dem Volumen des insgesamt real eingelagerten Goldes entsprechen. Die Bank kann also zunächst nicht beliebig viele Banknoten ausstellen.[17] Außerdem ist die Notenbank in diesem Fall der Schuldner gegenüber den Gläubigern, die ihr Gold bei ihr eingelagert haben.
Bei den Banken hatte sich auf Dauer jedoch herausgestellt, dass regelmäßig nur ein bestimmter Anteil der Banknoten wieder in Gold eingelöst wurde, während ein größerer Anteil des Goldes in den Lagern verblieb, und stattdessen die ausgestellten Banknoten im Umlauf waren. Damit ergab sich die Möglichkeit mehr Banknoten auszugeben, als Gold eingelagert war. Wurden z.B. nur 25% des eingelagerten Goldes in periodischen Abständen eingelöst, blieben 75% als »Überschussreserve« in den Lagerräumen. Für diese 75% überschüssigen Goldes konnten die Banken nun ebenfalls Banknoten herausgeben. Abbildung 2 zeigt, wie in diesem Fall Banknoten mit dem vierfachen Wert herausgegeben werden konnten. Damit waren 25% der Banknoten zu 100% durch Gold gedeckt, und 75% waren ungedeckt. Oder anders gesagt: Insgesamt ergibt sich für alle Banknoten eine Teildeckung von 25%, weil in dem Moment in dem alle Banknoten gegen Gold eingelöst worden wären, man nur 25% des Wertes in Gold hätte aushändigen können.
Solange aber nicht alle Banknoten auf einmal, sondern immer nur ein Anteil eingelöst wurden, hatten die Banken die Möglichkeit ein Vielfaches des gelagerten Goldwertes als Banknoten zu erzeugen. Um den Wert der neu erzeugten Noten zu sichern, wurden diese als »Kredit« vergeben.
Die Empfänger der Kredite wurden verpflichtet, das Geld – das ja neu erzeugt und damit »wertlos« war – nach einem bestimmten Zeitraum zurückzuzahlen (Tilgung) und ihr Eigentum, bis dahin, als Sicherung an die Bank zu übertragen. Das war ein gutes Geschäft für die Banken, weil die Kreditnehmer darüber hinaus Zinsen zahlen mussten und bei Zahlungsausfall ihr Eigentum an die Bank fiel.[18] Zudem wurden die Kreditnehmer nun zu Schuldnern und die Bank zu deren Gläubiger.
Mit der Gründung der »Bank of England« im Jahre 1694, wurde das Herausgeben von Banknoten, die durch eingelagertes Gold teilweise gedeckt waren, zum ersten mal staatlich legitimiert. Im Gegenzug war die Bank verpflichtet, König Wilhelm III die Geldmittel zur Verfügung zu stellen, die er zur Finanzierung seines Staates und seiner Kriege benötigte – selbstverständlich gegen Zinsen.[19] Die Bank of England war aber keine staatliche Institution, sondern ein privates Unternehmen, dessen Banknoten vom Staat ausgegeben und für Einzahlungen akzeptiert wurden.[20] Im Jahr 1844 wurde der Bank of England per Gesetz das alleinige Recht zur Ausgabe von Banknoten in England und Wales übertragen. Andere private Banken wurden unter die Kontrolle der Bank of England gestellt, das Verhältnis ungedeckter und gedeckter Banknoten und die notwendigen Sicherungen wurden gesetzlich geregelt.[21] Damit wurde die Bank of England zur ersten weltweit tätigen Zentralbank, die wegen der britischen Kolonien und der weltweiten Handelsbeziehung großen Einfluss erreichte.
Ebenso Einflussreich wurde das 1913 gegründete Federal Reserve System (FED), womit das Zentral- und Notenbanksystem für die Vereinigten Staaten von Amerika geregelt wurde. In Deutschland wurde 1876 die Reichsbank als Zentrale Notenbank gegründet. Im Zuge der entstehenden Marktwirtschaft und wachsenden Industrialisierung wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den meisten europäischen Ländern Zentralbanken gegründet, um dem steigenden Bedarf nach Krediten und institutionalisiertem, vertrauenswürdigem Geld gerecht werden zu können.
Historisch sind viele Zentralbanken aus der Umwandlung oder dem Zusammenschluss von vorher schon bestehenden privaten Banken entstanden. Es ist bis heute so, dass viele Zentralbanken weder eindeutig private noch eindeutig staatliche Institutionen sind.[22] Das macht zum einen Sinn, weil so die jeweils herrschenden Regierungen nicht willkürlich auf die Geldschöpfung Einfluss nehmen können. Andererseits besteht damit die Gefahr, dass private Mächte, die sich der demokratischen Ordnung entziehen, Einfluss auf die Geldschöpfung haben können.[23]
Mit der industriellen Revolution, führten viele westliche Länder den »klassischen Goldstandard« ein, um den internationalen Handel marktwirtschaftlich zu organisieren. Das Gold wurde zur Welt-Handelswährung. Für den klassischen Goldstandard hatten Staaten einen festen Kurs zwischen ihrer nationalen Währung und Gold festlegt. Damit konnten Geldscheine gegen physisches Gold eingelöst und über das Gold als Handelswährung in andere Währungen übertragen werden. Die Geldscheine waren auch hier in der Regel nicht zu 100%, sondern nur Teilweise durch Gold gedeckt.
Der Goldstandard wird bis heute von vielen Experten hochgehalten, als ein romantisch verklärtes System, dass Wohlstand und Stabilität verspricht. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass das System Goldstandard von Beginn an mit Problemen belastet war. Um den Goldstandard aufrechtzuerhalten, mussten Länder ihre Währungen an einen festen Goldpreis binden. Dies führte zu einem Zwang zur Deflation, wenn die Wirtschaft eines Landes in Schwierigkeiten geriet.
Der Goldstandard schränkte die politische Souveränität der Länder ein, da sie ihre Innenpolitik an den Erfordernissen des internationalen Währungssystems ausrichten mussten. Am Goldstandard beteiligte Länder neigten zum Imperialismus, da sie über Kolonien versuchten die negativen Auswirkungen des Goldstandards abzufedern. Die begrenzte Menge an ausbeutbarem Gold stand – und steht auch heute noch – im Widerspruch zu dem Bedarf der industriellen Produktion an einer flexiblen und potenziell unbegrenzten Geldmenge, die für Wirtschaftswachstum und Preisstabilität erforderlich wäre. Der Goldstandard stärkte die Macht der Finanzmärkte und der Banken, da diese eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung des Systems spielten.[24]
Während des ersten Weltkriegs wurde der Goldstandard in vielen Ländern, aufgrund hohen Finanzbedarfs für die Kriegsführung ausgesetzt. Als man nach dem ersten Weltkrieg versuchte zum Goldstandard zurückzukehren, gelang es nicht das System zu stabilisieren. Nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 lösten sich ab 1933 die USA und weitere Länder endgültig vom Goldstandard.[25]
Im Jahr 1944 wurde das »Bretton-Woods-System« geschaffen. In dieser ersten weltweiten Währungsverfassung, an der 44 Staaten teilnahmen, wurde der teilweise goldhinterlegte US-Dollar als Ankerwährung vereinbart. Ankerwährung heisst, dass die Wechselkurse zwischen US-Dollar und den anderen Währungen der Welt festgelegt wurden. Zur Überwachung des Systems wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet.[26] Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, auf Anfrage einer Zentralbank, eine Feinunze Gold, das sind 31,1 Gramm, je 35 Dollar herauszugeben.
Im Jahr 1971 hatte Präsident Richard Nixon die Bindung des Dollar an Gold dann aber aufgekündigt. Die Dollarbestände der ausländischen Zentralbanken waren so groß geworden, dass man die Dollarguthaben nicht in der vereinbarten Menge Gold hätte herausgeben können. Im Jahr 1973 wurden auch die festgelegten Wechselkurse aufgegeben.[27][28]
Seitdem wird in der Regel »FIAT-Geld« verwendet. Das Wort »fiat« kommt aus dem lateinischen und heisst »es möge entstehen«. Obwohl seit der Moderne viele Staaten Goldreserven als »eiserne Reserve« halten, wird das FIAT-Geld, als Papiergeld oder Buchgeld, ganz ohne eine Gold-Deckung herausgegeben. Oft wird behauptet, dieses Geld werde »aus dem Nichts« geschöpft, so wie es vor der Einrichtung nationaler und internationaler Zentralbanken, von privaten Banken mit Überschussreserven, wie oben beschrieben, gemacht wurde. Tatsächlich wird das FIAT-Geld grundsätzlich durch Kreditvergabe der Zentral- und Geschäftsbanken geschöpft. Die Formulierung »aus dem Nichts« soll verdeutlichen, dass es keiner physischen oder realen Voraussetzungen bedarf, da FIAT-Geld zunächst in Form von Daten in einer doppelten Buchführung als Buchgeld entsteht. Das Papiergeld wird dabei je nach Bargeldnutzung bei Bedarf gedruckt – die Zentralbanken müssen also nichtmal die Druckerpresse anwerfen, um Geld zu schöpfen.[29][30]
Moderne Währungssysteme legen den Wert der Währung also nicht mit einer bestimmten Rohstoff-Quote fest. Stattdessen wird der Wert und die Menge des Geldes durch Maßnahmen der Politik und der Zentralbank und durch »Marktmechanismen« bestimmt, und über die Macht der Regierung gesichert. Wert und Menge des Geldes müssen so gesteuert werden, dass die allgemeine Anerkennung erhalten bleibt. Solange die Anerkennung gewährleistet ist, kann der Geldbesitzer Waren und Leistungen aus dem Wirtschaftsraum gegen Geld kaufen. Verliert das Geld seine allgemeine Anerkennung, verliert auch der Inhaber des Geldes seine Kaufkraft. Für gesetzliche Zahlungsmittel, das sind Geldscheine und Münzen, besteht nämlich keine Einlöseverpflichtung seitens der Zentralbank. Der Inhaber gesetzlicher Zahlungsmittel erhält also im Falle einer Währungskrise, keine Sachwerte im Austausch gegen Scheine und Münzen von der Zentralbank.[31]
Das gesetzliche Zahlungsmittel, ist das Geld, dem der Staat durch Gesetz »uneingeschränkte Zahlungskraft beigelegt hat«.[32] Das bedeutet, die als gesetzliches Zahlungsmittel geltenden Banknoten und Münzen oder andere Geldarten, müssen von jedem Gläubiger einer Geldforderung als Erfüllung seiner Forderung akzeptiert werden. Insofern muss selbstversändlich auch der Staat das gesetzliche Zahlungsmittel für z.B. seine Steuerforderungen annehmen. Seit 2002 ist im Euro-Währungsgebiet der Euro das gesetzliches Zahlungsmittel und »die bis dahin gültigen nationalen Währungen verloren diesen Status«.[33]
Ob das aus dem bestehenden Geld-System hervorgehende Geld überhaupt als gesetzliches Zahlungsmittel bezeichnet werden kann, steht für mich in Frage. Denn wie im weiteren beschrieben wird, sind die zersetzenden Auswirkungen dieses Geld-Systems, auf das Soziale und die freiheitlich-demokratische Grundordnung so gravierend, dass man es als verfassungswidrig und damit ungesetzlich betrachten könnte.
Das Geld hat eine ganz zentrale und wesentliche Bedeutung für die Weltwirtschaft und die Weltgesellschaft – für das Soziale Ganze. Die oft verwendete Formulierung »Geldschöpfung aus dem Nichts« ist deshalb wahrscheinlich irreführend, denn mit der Vorstellung »aus dem Nichts«, wird ein bedeutungsloses und wertloses »Nichts« im Zentrum des Geldsystems und damit auch im Zentrum des Sozialen verborgen. Schon das könnte eine Ursache für die heutigen »Probleme« mit dem Geld sein.[34]
Ein zukunftsfähiges Wirtschaftsdenken müsste deshalb den Geld-Begriff so erweitern, dass deutlich wird, dass das Geld im eigentlichen Sinne nicht aus dem Nichts, sondern aus der Zukunft, den zukünftigen Fähigkeiten und dem kreativen Potenzial der Menschen geschöpft wird.
Graeber 2012, S. 35
vgl. griech. lé͞ia, ion. lēΐē (λεία, ληΐη, aus *λαία) ‘Beute, besonders von geraubtem Vieh, Kriegs-, Jagdbeute’,
https://www.dwds.de/wb/Lohn (Abruf 12.8.2025 22:15)
Graeber 2012, S. 56
Pfluger 2015, S. 23
Lietaer 1999. S. 110-111
Hörmann/Pregetter 2011, S. 96
Karl Paul Polanyi war ein ungarisch-österreichischer Wirtschaftshistoriker und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. * 25. Oktober 1886, Wien, Österreich ✝︎ 23. April 1964, Pickering, Kanada
Polanyi 1944, S. 75-87
Merkantilismus war eine vorherrschende wirtschaftspolitische Theorie und Praxis in Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Sie strebte an, den Reichtum und die Macht eines Staates durch eine positive Handelsbilanz, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und Förderung von Exporten bei gleichzeitiger Begrenzung der Importe zu steigern.
Polanyi 1944, S. 87-101
Der Homo Oeconomicus ist ein Modell des wirtschaftlich handelnden Menschen, das davon ausgeht, dass Individuen rational, nutzenmaximierend und vollständig informiert Entscheidungen treffen, um ihren eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu optimieren.
Polanyi 1944, S. 102-107
Polanyi 1944, S. 365 f.
Senf 2014, S. 76 f.
Lietaer 1999, S. 65 f
Hörmann/Pregetter 2011, S. 103 f.
Weik/Friedrich 2012, S. 17 ff.
Senf 2014, S. 77-80
Pfluger 2015, S. 29
Senf 2014, S. 82 f.
Government of the United Kingdom: „Bank Charter Act 1844“,
https://www.legislation.gov.uk/ukpga/Vict/7-8/32 (Abruf 9.9.2024 13:00)
Lietaer 1999, S. 95
Senf 2014, S. 59 f.
Polanyi 1944, vgl. NLM
Bundeszentrale für politische Bildung: „Frühe Währungssysteme bis zum Goldstandard“, https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/523380/ fruehe-waehrungssysteme-bis-zum-goldstandard/ (Abruf 1.10.2024 10:00)
„Der IWF [engl.: International Monetary Fund, IMF] ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (VN) zur Stärkung der internationalen Zusammenarbeit in der Währungspolitik; Gründung am 22.7.1944, Mitgliederzahl: 189 (Stand: 2019);“, https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-europalexikon/177064/ internationaler-waehrungsfonds-iwf/ (Abruf 2.9.2024, 17:45)
Lietaer 1999, S. 93
Hörmann/Pregetter 2011, S. 113 f.
Deutsche Bundesbank 2024a, S 15-16
Lietaer 1999, S. 126-129
Deutsche Bundesbank 2024a, S. 27
Köbler 2022, S. 559
Deutsche Bundesbank 2024a, S. 90
Lietaer 1999, S. 128