Wahre Freiheit entsteht erst, wenn die Trennung zwischen Geist und Materie überwunden wird. Das Ich-Bewusstsein bildet dabei das entscheidende Medium zwischen der äußeren Realität der Formen und der inneren Welt der Ideen. Statt im begrenzten Materialismus zu verharren, braucht es ein erweitertes Paradigma, das den Geist als wissenschaftliche Frage integriert. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich »Freiheit 2.0« als dynamischer Prozess: Sie verbindet die »Freiheit von« äußeren Zwängen mit der »Freiheit für« eigene Ideen und befähigt den Menschen, seine Wirklichkeit selbstbestimmt zu gestalten.
von Michael Plein | Sommer 2023
»Ich« beginne mit der Grundform des Modells: mit dem Kreis[1]. Der Kreis symbolisiert im Freiheitsprozess »das Ganze« – die ganze Wirklichkeit[2], den ganzen Menschen oder auch ein Unternehmen oder die Wirtschaft als soziales Ganzes – letzten Endes bedeutet dieser Kreis die Freiheit im Ganzen. Das Bild vom Freiheitsprozess, dass Ich in den kommenden Kapiteln innerhalb dieses Kreises entwickeln will, kann also verschiedene Ebenen der Wirklichkeit – einen Begriff, das Bewusstsein des Menschen, ein Unternehmen, eine Gesellschaft – mit derselben Symbolik darstellen.
Das ist eigentlich auch logisch, weil das Bewusstsein des Menschen aus Begriffen besteht, Unternehmen bestehen aus der sozialen Verbindung von bewussten Menschen und das soziale Ganze bildet sich aus der Verwebung aller Unternehmen und Organisationen. So kann der Freiheitsprozess mit seiner Symmetrie, seiner Selbstähnlichkeit, verschiedene Ebenen der Wirklichkeit erklären. Diese Wirklichkeit hat vielleicht viel mehr mit Bewusstsein, als bloß mit Körpern und Stoffen, zu tun.
Im nächsten Schritt teile Ich das Ganze, den Kreis, nun auf, indem Ich eine Linie durch die Mitte ziehe. Oberhalb und unterhalb dieser Horizont[3]- oder Grenzlinie entstehen dadurch zwei Felder: das untere graue Feld nenne Ich Realität – und dieses Feld stellt die körperliche Außenwelt dar; das obere gelbe Feld nenne Ich Kreativität[4] – dieses Feld bedeutet die geistige Innenwelt.
Das graue Feld der Realität beinhaltet alles, was die körperliche Außenwelt betrifft. Alle äußeren Objekte und Gegenstände und auch die Zusammenhänge und Situationen, in denen sie bestehen. Hier sind auch die Systeme, die Strukturen, die Kultur und Technik zu finden, mit denen Ich alltäglich zu tun habe. Das Feld der Realität umfasst also alles das, was bereits verwirklicht ist, was verkörpert ist, was Tatsache ist, was besteht – und was Ich betrachten kann, wenn Ich meine Wahrnehmung über meine »fünf Sinne« nach außen richte.
Das Feld der Realität ist grundsätzlich schwarz gefärbt, so wie es das Markenzeichen vom Freiheitsprozess, zeigt. In allen detaillierten Darstellungen des Freiheitsprozesses färbe Ich dieses Feld aber grau, einfach damit es übersichtlicher beschriftet werden kann. Die schwarze Farbe ist aber ganz bewusst gewählt. Sie repräsentiert zum Beispiel den schwarzen Schatten, den jeder Körper erzeugt, der von einem Licht angestrahlt wird. Oder es symbolisiert die weite und tiefe Dunkelheit des materiellen Weltalls, durch das sich unser Sonnensystem mit dem Planeten Erde hindurch bewegt. Das Schwarz kann Ich mir auch als die Dunkelheit vorstellen, die entsteht, wenn Ich mich im irdischen, also unter der Erde befinde – dort wo kein Licht hinscheint. Nicht zuletzt ist ja auch gute Muttererde fast schwarz.
Es gilt ja oft als besonders klug, die Welt »realistisch« zu betrachten. Das bedeutet aber, einseitig auf die Welt zu schauen, weil man versucht alles durch das Äußere und Körperliche, durch Naturwissenschaft und durch das Materielle zu erklären. Das Bild vom Freiheitsprozess unterscheidet sich an diesem Punkt von den vorherrschenden Weltanschauungen, denn der Freiheitsprozess hat das Ziel, das Ganze zu betrachten. Der Freiheitsprozess ist eine integrale Theorie[5], denn hier wird auch die, über die Realität hinausgehende Wirklichkeit, in die Betrachtung mit einbezogen. Diese jenseits der Realität liegende Wirklichkeit ist das Feld oberhalb der mittleren Grenze – es ist das hier so genannte Feld der Kreativität, das Feld der geistigen Innenwelt. Hier finde Ich alles das, was nicht körperlich, sondern rein geistig ist: die Gedanken und Ideen – also das Idealistische[6] statt des Realistischen.
Das Feld der Kreativität ist gelb gefärbt. Die gelbe Farbe habe Ich gewählt, weil sie zum Beispiel das goldene Licht bedeutet, das in mir aufleuchtet, wenn mir ein Licht aufgeht und mir etwas einleuchtet. Das Gelb kann auch den goldenen Glanz von Idealen wie der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit bedeuten – sie merken schon, im Feld der Kreativität kann man leicht gedanklich abheben, wenn man seine eigene »Helligkeit« zu hoch einstellt.
Das Feld der Kreativität beinhaltet statt des Vergangenen das Zukünftige, statt des Bestehenden und Alten, das Wesentliche, Werdende, Neue und Schöpferische und das ist genau der Charakter dessen, was durch Kreativität, Kunst und Wissenschaft hervorgebracht wird. Dieses Feld ist »anti-materiell« und damit spirituell – wobei Ich hier in Bezug auf den Begriff »spirituell« ganz unvoreingenommen bleiben will. Ich würde das Spirituelle nicht vorschnell mit dem Mythischen, Religiösen oder Esoterischen gleichsetzen – mir geht es hier eigentlich um eine fortschrittliche und in die Zukunft gerichtete Spiritualität, die wissenschaftlich betrachtet werden soll. Für eine solche Betrachtung brauche Ich eigentlich – in Erweiterung der Naturwissenschaft – eine Wissenschaft vom Ganzen.
»Da es im ganzen Weltall weder eine intelligente Kraft noch eine ewige Kraft gibt..., so müssen wir hinter dieser Kraft einen intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie. Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das reale, wahre, wirkliche – denn die Materie bestünde ohne den Geist gar nicht –, sondern der unsichtbare unsterbliche Geist ist das Wahre!«
— Max Planck, Nobelpreisträger für Physik 1918/1919
Bis hierher habe Ich dieses Ganze in zwei Sphären unterteilt – in Realität und Kreativität. In das Zentrum des Ganzen setze Ich nun das entscheidende Element: das sogenannte Ich-Bewusstsein, oder auch Selbst- oder Wachbewusstsein, dass Ich hier kurz als »Ich« bezeichne. Ich zeige dieses Ich als ein rotes Feld, dass sich mit den beiden anderen Feldern überschneidet. Diese Überschneidung weist darauf hin, dass das Ich sowohl das Feld der Realität, als auch das Feld der Kreativität durchdringt. Das Ich kann also aus beiden Bereichen etwas aufnehmen und in beide Bereiche hineinwirken, weil es »Dazwischen« liegt.[7]
Das Ich hat also eine Doppelnatur: es ist zwischen Realität und Kreativität. Es ist das Bindeglied und Medium zwischen der körperlichen Außenwelt und der geistigen Innenwelt. Das Ich wirkt im Ganzen zwischen Realität und Kreativität. Die rote Farbe symbolisiert die Wärme, den Willen, den Mut, die Bewegungsenergie, und Herzlichkeit die Ich in mein Bewusstsein bringen muss, um diesen Zusammenhang zu verstehen.
In diesem zunächst etwas komisch anmutenden Sätzchen, steckt eine erste wichtige Übung für die eigenen Freiheit. Viele Leute sind es heute ja gewohnt, wenn sie sprechen, über »man« oder »du« oder »wir« zu reden: »Das macht man halt so!« oder »Wenn Du am Ende bist, dann brauchst Du einfach mal eine Umarmung!« oder »Hier haben wir also jetzt unser Pflaster, dass wir jetzt vorsichtig entfernen.«.
In der Regel ist der Gebrauch von »man«, »du« oder »wir«, eine unbewusste Art der Teilnahmslosigkeit, der Verantwortungslosigkeit und Ohnmacht – es ist ein Ausdruck von Unfreiheit. Wenn Ich verzweifelt bin und mir eine Umarmung wünsche, kann Ich ja auch sagen: »Ich will umarmt werden!«. Wenn Ich mir nicht klar bin, warum »man« etwas eben so macht, kann Ich mich ja mal fragen: »Warum mache Ich das so?«. Und wenn mich jemand durch ein »wir« vereinnahmt, dann nimmt derjenige mir meine Freiheit, denn er gibt mir ja schon vor, was Ich zu tun und zu lassen habe, wenn derjenige es nicht ohnehin gleich für mich macht. Ein anderer Effekt des »wir« ist es auch, die Verantwortung von sich selbst abzulenken, wenn der Vorstandsvorsitzende zum Beispiel sagt: »Wir übernehmen die volle Verantwortung für die Manipulation an den Abgasanlagen.«
Das »man«, »du« und »wir« durch ein »Ich« zu ersetzen hat eine ganz besondere Wirkung – es ist eine ganz besonders wirksame Übung für die eigene Freiheit. Denn in dem Moment, in dem Ich von »Ich« spreche, übernehme ich die Verantwortung (Ich gebe selbst die Antworten), Ich werde Aktiv und verwirkliche meinen Willen. Aus diesem Grund habe Ich mein Artikel über den Freiheitsprozess meist auch konsequent in der »Ich«-Form geschrieben und das wird auch beim Lesen für Sie vielleicht eine besondere Wirkung haben – achten Sie mal darauf!
Eine weiterer Grund für die »Ich«-Form in meinen Texten zu verwenden ist, dass es hier im Zentrum um das Wesen des »Ich«, also um die Frage wer oder was ist eigentlich »Ich« und mit welcher Ordnung habe Ich es da zu tun geht. Um die eigene Freiheit zu begreifen und zu entwickeln ist es nämlich von besonderer Bedeutung, einen Begriff vom eigenen Ich und der Ordnung in der es wirkt zu haben. Wenn Ich weiß wer »Ich« bin und wo Ich mich befinde, wenn Ich also eine gute Landkarte habe, dann kann Ich mich auch selbstbestimmt durch das Feld der Wirklichkeit, durch das Ganze aus Körper, Geist und Seele bewegen.
Wirtschaft und Gesellschaft, Sie und Ich, wir befinden uns mitten in einem umfassenden Paradigmenwechsel. Wir überschreiten die Grenze hin zum Paradigma der kreativen Freiheit. Mit Paradigma[8] meine Ich hier die grundsätzliche Denkweise über die Welt – das allgemeine Weltbild der meisten Leute. Dieses Paradigma beinhaltet auch das Menschenbild und damit das Selbstbild – es ist die übliche Vorstellung vom Ganzen.
Eine der grundsätzlichen Annahmen im bisherigen Paradigma ist der Materialismus[9]. Damit meine Ich jetzt nicht direkt, dass Leute großen Wert auf teure Uhren, schnelle Autos oder große Profite legen, sondern, dass man selbstverständlich davon ausgeht, dass nur das Stoffliche wirklich existiert, und dass es Grund und Substanz der gesamten Wirklichkeit ist. Seele und Geist des Menschen sind dabei ein Epiphänomen[10] des Stofflichen. In dieser Vorstellung haben Geist und Seele keine eigene Wirklichkeit, sondern sie sind nur eine Begleiterscheinung. Das bedeutet, in diesem Paradigma gibt es eigentlich keinen Geist und keine Seele. Wenn Ich versuche, dieses Paradigma im Bild des Freiheitsprozesses darzustellen, dann sieht das ungefähr so aus: Dann füllt das alte Paradigma bloß die untere Hälfte des Ganzen aus – der ganze Rest bleibt leer oder weg. Die Welt besteht dann nur aus Materie, aus der körperlichen Außenwelt, der Realität – also aus dem unteren grauen Feld. Innerhalb dieses Feldes entsteht angeblich als Randerscheinung oder Nebensächlichkeit das Ich-Bewusstsein.
Es ist wichtig, sich klar zu machen: In dieser Vorstellung von der Welt gibt es keine Freiheit! – denn aus der Annahme, dass nur die Materie existiert, lässt sich logisch Schlussfolgern, dass die Welt fertig und begrenzt ist. Das bedeutet, der Lauf der Dinge ist determiniert, also vorherbestimmt – weil es einfach nur eine bestimmte – wenn auch sehr große Menge – von Materie gibt, die sich zwangsläufig nach sogenannten Naturgesetzen verhält. Da kann Ich als Mensch, Ich als Epiphänomen, nichts dran machen. Da ist es vorbei mit meiner Freiheit.
Also, ich habe hier zwei Probleme:
Erstens kann Ich schwer hinnehmen, dass es keine Freiheit geben soll. Die Freiheit ist mir nämlich einerseits selbst sehr wichtig, und andererseits sehe Ich überall in der Welt, dass die Freiheit einer der höchsten, wenn nicht der höchste Wert für die meisten Menschen ist. Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland[11], in der Verfassung der USA[12] oder in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte[13] wird die Freiheit jeweils in den ersten Sätzen genannt. Die Freiheit gilt weltweit als fester Bestandteil einer demokratischen Grundordnung[14].
Zweitens kann Ich mich selbst mal fragen, wie Ich mich selbst denn erlebe. Erlebe Ich mich selbst als Epiphänomen, als Begleiterscheinung, also als Nebensache? Also – wenn »Ich« mich selbst beobachte, Ich über mich selbst nachdenke, Ich in mich hineinschaue, hineinhöre oder hineinfühle, dann erlebe Ich das anders. Dann ist für mich eigentlich unmittelbar einleuchtend, dass Ich ein Bewusstsein habe und das da in mir darinnen wahrscheinlich auch noch mehr ist, was Ich jetzt mal Geist nenne. Mein Bewusstsein und meinen Geist erlebe Ich selbst als das in mir Wesentliche und nicht als eine Nebensächlichkeit.
»Der Sinnenschein kann nicht
die Wahrheit über die Sonnensysteme lehren;
will man die Wahrheit finden,
so muß man hinter dem Sinnenschein forschen.«
— Nikolaus Kopernikus, Astronom, 1473 - 1543
Mit dieser Beobachtung, die jeder für sich selbst nachvollziehen kann, eröffnet sich das erweiterte Paradigma. In diesem neuen Paradigma gibt es auch eine geistige Innenwelt, die Ich im Bild als das obere gelbe Feld der Kreativität zeige. Auf dieses Feld richte Ich nun meine Aufmerksamkeit. Dazu muss Ich zunächst selbst in diesem Feld vorhanden sein, was Ich durch den auch oberhalb der Mittellinie liegenden Teil des »Ich« zeige. Das rot gefärbte Feld im Zentrum dehnt sich also jetzt auch in das obere gelbe Feld aus, es überschneidet sich mit diesem. Dadurch steigt das »Ich« regelrecht auf, es wird befördert und aufgerichtet, denn jetzt ist es nicht mehr nur ein Epiphänomen, sondern jetzt ist es das Medium, die Macht, zwischen Geist und Materie, zwischen Kreativität und Realität. Das »Ich« kann jetzt also seine Wahrnehmung und seinen Willen genauso auf die Außenwelt, wie auf die Innenwelt richten, was Ich durch die beiden blauen Dreiecke andeute.
Neben der Außenperspektive, auch die Innenperspektive einzunehmen ist ein Akt der Freiheit. Ich nehme mir die Freiheit, einmal anzunehmen, dass in mir etwas geistiges und kreatives steckt – und es ist von entscheidender Bedeutung das geistige und kreative in mir zu entdecken, denn nur so lässt sich die Unfreiheit des bestehenden Paradigmas auflösen. Diese Unfreiheit lässt sich nur lösen, wenn Ich selbst die Fähigkeit entwickle, etwas wirklich Neues zu erschaffen, der Welt etwas hinzuzufügen und in den Lauf der Welt einzugreifen. Das ist die kreative Freiheit: durch meine Kreativität habe Ich nämlich die Möglichkeit die Welt zu verändern – und diese kreative Freiheit ist viel mysteriöser und weitreichender, als das hier im ersten Moment klingt.
»Der Mensch ist zur Freiheit bestimmt,
das hat er selbst bestimmt,
er weiß es nur noch nicht.«
— Johannes Stüttgen
Jetzt könnte man den Einwand haben, dass es ziemlich unwissenschaftlich ist, hier einfach so mal eine geistige Innenwelt, ein Feld der Kreativität anzunehmen. Aber, da kann Ich Sie beruhigen! Eine wissenschaftliche Theorie beruht nämlich immer auf bestimmten nicht beweisbaren Grundannahmen, den sogenannten Axiomen[15]. Im bestehenden Paradigma ist ein wichtiges Axiom, dass nur Materie existiert. Das kann man nicht beweisen. Aber man konnte darauf aufbauend sehr gute wissenschaftliche Arbeit machen, aus der sehr vieles hervorgegangen ist, was bis heute gut funktioniert. Mit der Aufklärung haben vor allem die Naturwissenschaften so große Fortschritte hervorgebracht, dass man heute meinen könnte, diese wären die einzig bedeutsamen Wissenschaften. Dabei darf Ich aber nicht vergessen, dass der Forschungsgegenstand der Naturwissenschaften bloß die belebte und unbelebte Materie ist.[16] Eine Seele und ein Geist sind hier nicht der Forschungsgegenstand, außer sie zeigten sich als Phänomene in der Materie.
»Daher ist es unverständlich, warum [geistige] Phänomene, für deren Existenz es jede Menge wissenschaftliche Beweise, Studien und Erkenntnisse gibt, noch immer von Teilen der Wissenschaft angezweifelt werden. Diese Haltung ist engstirnig, kleinkariert, überheblich – und im Jahr 2018 vor allem eines: überholt.« [17]
Aber, wie Ich vorhin schon festgestellt habe, funktioniert es mit der Freiheit so rein materialistisch nicht – und es funktioniert auch nicht, in diesem Rahmen zu verstehen, warum Ich mich selbst als wesentlich – als »Ich« – erlebe. Deshalb ist der Freiheitsprozess der Versuch, eine Theorie, ein Weltbild, ein Paradigma zu entwickeln, mit dem die nicht-materiellen, geheimnisvollen und rätselhaften »Dinge« auch vorstellbar und verständlich werden. Ich füge deshalb dem bisherigen Axiom des bestehenden Paradigmas, ein weiteres hinzu, nämlich, dass außer der Materie auch der Geist existiert. Da das ein Axiom ist, muss Ich das nicht beweisen – entscheidend ist, ob es funktioniert. Entscheidend ist, dass die Theorie vom Freiheitsprozess in der Lage ist, das Geheimnis der Freiheit und des Ich vernünftig zu erklären und dass sich praktische Anwendungen daraus ergeben.
Ich habe bisher bereits erklärt, dass das sogenannte Ganze im Freiheitsprozess in das untere graue Feld der Realität, in das obere gelbe Feld der Kreativität und in das dazwischen liegende rote Feld des «Ich» unterschieden wird. Am äußeren Rand des Ganzen, jeweils ganz oben und ganz unten, zeigt der Freiheitsprozess zwei Pole. Diese beiden Pole will Ich zunächst als Polarität zwischen persönlicher Freiheit und kreativer Freiheit beschreiben.
Wenn sich das «Ich» im Zentrum mit der Außenwelt austauscht, dann hat es dort mit Tatsachen, Gegenständen und Objekten zu tun – mit Formen. Stellvertretend für alle diese einzelnen bestehenden Formen steht im Freiheitsprozess der untere Pol der persönlichen Freiheit. Dieser Pol wird im Bild durch einen Punkt symbolisiert, weil Ich es hier mit der Welt der Atome und Teile zu tun habe – und weil hier eben etwas auf den Punkt gebracht wird.
Ist das «Ich» im Austausch mit der Innenwelt, dann hat es dort mit Idealen, Gedanken und dem Wesentlichen zu tun – mit Ideen. Alles, was hier zu finden ist, ist abstrakt, potenziell und noch im Werden begriffen. Für diese allgemeinen und zukünftigen Möglichkeiten steht hier der obere Pol der kreativen Freiheit. Der obere Pol wird durch eine Spirale symbolisiert, weil hier Ideen entwickelt werden – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Ich kann mir vorstellen, wie die Ideen ausgewickelt und entfaltet werden, wie sie von einem kleinen Anfang aus immer vollständiger und weitreichender werden.
Die persönliche Freiheit ist eine Freiheit von Zwängen und Begrenzungen in der Realität. Hier geht es darum, nicht von anderen beherrscht und kontrolliert zu werden. Das kann zum Beispiel um Beeinflussung von Politik und Medien sein oder ganz allgemein die Beeinflussung durch Systeme, die ihre Eigeninteressen vertreten.
Persönliche Freiheit bedeutet aber auch die Freiheit von ganz alltäglichen körperlichen Begrenzungen, von denen Ich in der Regel durch technischen Fortschritt befreit werde. Zum Beispiel befreit mich meine Waschmaschine und mein Wasser- und Stromanschluss davon, meine Wäsche von Hand und sehr mühselig am nächsten Bach waschen zu müssen. Diese Technik befreit mich von dieser zwangsläufigen Arbeit. An dieser Stelle frage Ich mich jedoch: Wofür? Wofür will Ich meine freigewordene Zeit und Energie – meine freigewordene Arbeit – einsetzen?
Hier kommt jetzt in der Polarität zur »Freiheit von« am unteren Pol, die »Freiheit für« am oberen Pol ins Spiel. Denn wenn eine »Freiheit von« in der Realität entsteht, dann entsteht ein Freiraum, der am besten sinnvoll gefüllt wird.
Das ist dann also eine »Freiheit für«, die die Frage nach zukünftigen Möglichkeiten und sinnvollen Aufgaben mit sich bringt – sie bezieht sich also auf den oberen Pol und das Feld der Kreativität.
»Freiheit ist die Voraussetzung für Freiheit.«
— Knut, 2018
Die »Freiheit von» erzeugt also Freiraum oder Freizeit für die »Freiheit für«. Entsteht am unteren Pol ein weiterer Freiheitsgrad, eröffnet das die Möglichkeit, weitere kreative Freiheit zu entwickeln. Die Freiheit am unteren Pol ist die Voraussetzung für die Freiheit am oberen Pol. Andersherum ist die Freiheit am oberen Pol, die Voraussetzung für die Freiheit am unteren Pol – denn damit Ich mich von bestehenden Zwängen und Begrenzung überhaupt befreien kann, brauche Ich gute Ideen. Ich brauche Einfälle, kreative und neue Gedanken, die es mir ermöglichen, begrenzte Situationen zu lösen. Das bedeutet also: die beiden Pole stellen ein Bewegungsfeld dar, sie bedingen sich gegenseitig und wechselwirken. Diese Wechselwirkung stelle Ich im Bild vorläufig als einen Doppelpfeil zwischen dem oberen und unteren Pol dar.
Das bisher beschriebene bedeutet, Freiheit ist kein Zustand oder ein Vorrecht – sie ist ein ständiger Prozess der Entwicklung. Das ist der Freiheitsprozess. In der Realität der Materie kann es keine endgültige Freiheit geben, sondern Ich kann immer nur den nächsten Schritt zur Freiheit verwirklichen, einen weiteren Freiheitsgrad, der mich aber wieder vor die nächste Grenze führt.
Irgendetwas wird mir früher oder später wieder zum Anstoß werden, es wird mich »Triggern« und mich dazu herausfordern, mich von innen heraus weiter zu entwickeln. Es scheint die Aufgabe der harten, kalten, materiellen Welt zu sein, dass Ich mich an ihr stoße, dass sie mir zum Anstoß zur Freiheitsbildung wird. Jede Grenzsituation fordert mich dazu heraus, erneut in die Kreativität zu gehen und aus der geistigen Innenwelt heraus neue Ideen und Lösungen zu schöpfen.
1 Der Kreis ist ein altes, viel verwendetes Zeichen und besitzt sehr viele Bedeutungen: Er ist Symbol für die Einheit, für das Absolute, Vollkommene und damit Göttliche. Als unendliche Linie ist er Symbol der Unendlichkeit und, in der Gestalt einer Schlange (Ouroboros), die sich in den Schwanz beißt, der Wiederkehr.
2 Als Wirklichkeit wird hier das Ganze aus Wirkendem und Wirkung, aus Innen und Außen, aus Geist und Materie, aus Realität und Kreativität bezeichnet. Die Realität ist also ein Teil der Wirklichkeit, aber nicht die ganze Wirklichkeit.
3 Der Horizont ist eine Linie, die den Himmel von der Erde abgrenzt. [...] Das Wort Horizont ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen, das lateinische Wort horizon wiederum ist entlehnt aus dem Altgriechischen. Es geht zurück auf ὁρίζων horízōn mit der Bedeutung „Grenzlinie“ – als Verkürzung des Ausdrucks ὁρίζων κύκλος horízōn kýklos „begrenzender Kreis“ oder „des Begrenzenden Kreis“ – gebildet zu ὁρίζειν horízein „begrenzen“, einer Ableitung von ὅρος hóros „Grenze“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Horizont )
4 Das Wort Kreativität bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Falsch ist jedoch die verbreitete Vorstellung, dass Kreativität nur mit Berufen oder Tätigkeiten aus den Bereichen der bildenden Kunst und der darstellenden Kunst verbunden sei (art bias). (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativität )
5 Die integrale Theorie ist ein systematisches Modell für eine holistische, kosmisch-evolutionäre Welterklärung ohne materialistische Reduktion, sondern unter Einbeziehung der Eigenart und Wirksamkeit des Geistigen im Kosmos. (de.wikipedia.org/wiki/Integrale_Theorie )
6 Idealismus ist der totale Gegensatz zu reduktivem Materialismus, also der Weltsicht, dass nur Materie real ist, und das alle Prozesse und Realitäten, die man im Universum beobachten kann, erklärt werden können, indem man sie auf ihre grundlegenden Komponenten wie Atome und Moleküle reduziert. Idealismus besagt, dass Wirklichkeit in radikaler Weise von Denken und Erkenntnis bestimmt ist.
(Dr. Dean Radin, Parapsychologe, Forschungsleiter vom Institute for noetic sciences in Petaluma, Kalifornien)
7 Das Ich-Bewusstsein ist auf die menschliche Organisation gebaut. Aus dieser erfließen die Willenshandlungen. In der Richtung der vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den Zusammenhang zwischen Denken, bewusstem Ich und Willenshandlung nur zu gewinnen sein, wenn erst beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus der menschlichen Organisation hervorgeht. (Steiner, 1893, S. 124)
8 Ein Paradigma (Plural Paradigmen oder Paradigmata) ist eine grundsätzliche Denkweise. Das Wort entstammt dem griechischen παράδειγμα parádeigma (von παρά pará „neben“ sowie δείκνυμι deíknymi „zeigen, begreiflich machen“). Übersetzt bedeutet es „Beispiel, Vorbild, Muster“ oder „Abgrenzung, Erklärungsmodell, Vorurteil“; auch „Weltsicht“ oder „Weltanschauung“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Paradigma )
9 Der Materialismus ist eine erkenntnistheoretische und ontologische Position, die alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf Materie und deren Gesetzmäßigkeiten und Verhältnisse zurückführt. [...] Der Materialismus geht davon aus, dass selbst Gedanken, Gefühle oder das Bewusstsein auf Materie zurückgeführt werden können. (https://de.wikipedia.org/wiki/Materialismus )
10 (unwichtige) Begleiterscheinung, Nebenerscheinung, Nebensache, Nebensächlichkeit, Randerscheinung (https://www.dwds.de/wb/Epiphänomen )
11 §GG Art 2 (1) «Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.»
12 Verfassung der USA, Präambel: «Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.»
13 Vereinte Nationen, Allgemein Erklärung der Menschenrechte: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.»
14 In der deutschen Demokratie herrschen Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz. Eine Diktatur ist ausgeschlossen. (https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/pocket-politik/16414/freiheitliche-demokratische-grundordnung )
15 Ein Axiom (von griechisch ἀξίωμα axíoma, „Forderung; Wille; Beschluss; Grundsatz; philos. (...) Satz, der keines Beweises bedarf“[2], „Wertschätzung, Urteil, als wahr angenommener Grundsatz“) ist ein Grundsatz einer Theorie, einer Wissenschaft oder eines axiomatischen Systems, der innerhalb dieses Systems weder begründet noch deduktiv abgeleitet, sondern als Grundlage willentlich akzeptiert oder gesetzt wird. (https://de.wikipedia.org/wiki/Axiom )
16 Die Naturwissenschaften gehören zu den empirischen Wissenschaften. Sie zeichnen sich vor allem durch ihren Forschungsgegenstand, die belebte und unbelebte Materie aus. (de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft )
17 (Aus «Der Welt-Geist», Roger D. Nelson , Universität Princeton)