Dieser Artikel beschreibt das Konzept des „Vollständigen Denkens“, das die scheinbaren Gegensätze von realistischem und kreativem Denken vereint. Während das realistische Denken den Verstand nutzt, um Fakten zu analysieren und Aktionen abzuleiten, öffnet sich das kreative Denken über die Vernunft für neue Zukunftsimpulse. Das Ziel ist es, Einseitigkeiten zu vermeiden: Das „Ich“ bewegt sich bewusst in einer Lemniskate zwischen der Polarität aus Realität und Kreativität, um Innovation und echte Handlungsfreiheit zu erreichen.
von Michael Plein | Frühjahr 2024
Ich beginne mit der Beschreibung des realistischen Denkens am unteren Pol in der Grafik. Dieser untere Pol repräsentiert die Formen in der Realität – in der körperlichen Außenwelt. Das sind die bestehenden Fakten, also zum Beispiel Situationen, Gegenstände, Strukturen und Systeme. Durch die Phase der Reflexion18 werden die Wahrnehmungen von diesem unteren Pol in das Zentrum des Bildes reflektiert – das Außen wird in das «Ich» zurückgeworfen.
Im Bild zeige Ich das durch den gebogenen roten Pfeil, der vom unteren Pol in das rote Zentrum verläuft. Das rot gezeigte Feld ist dabei mein waches Ich-Bewusstsein, welches die Wahrnehmungen aus der Außenwelt durch die Reflexion in sich aufnimmt und sie sich bewusst machen kann.
Das innerste rote Feld, im Zentrum des Ich, zeigt den konzentrierten Verstand. Der Verstand nimmt die einzelnen Wahrnehmungsinhalte durch Reflexion auf und untersucht sie systematisch. Die Inhalte werden in ihre Bestandteile zerlegt und genau unterschieden. Der Verstand analysiert also das Reflektierte. Dabei ist es die besondere Leistung des Verstandes, ganz rational vorzugehen und Quantitäten – also alles Zahlenmäßige – zu erfassen.
Auf diese Verarbeitung von reflektierten Wahrnehmungen durch den Verstand folgt in der Schleife des realistischen Denkens dann die Phase der Aktion. Durch das vorherige Unterscheiden, Zählen und Berechnen, kann Ich mich nun logisch zu etwas «ent-scheiden», etwas festlegen oder eine Antwort formulieren, woraus dann eine Handlung folgt – Ich nenne das hier eine «Aktion bewirken». Diese Aktion wirkt dann wieder nach Außen. Im Bild wird die Aktion als der gebogene grüne Pfeil, der vom Verstand aus in Richtung des unteren Pols verläuft, gezeigt.
Das bedeutet, die Aktion verändert den unteren Pol, die Formen in der äußeren körperlichen Welt – in der Realität. Der untere Pol wird also verändert und umgeformt, es entstehen andere Tatsachen.
Soweit ist dieser Vorgang des realistischen Denkens und auch Handelns, als Kreislauf aus Reflexion, Verstandestätigkeit und Aktion wahrscheinlich nicht neu. Diese Darstellung entspricht weitestgehend der heute verbreiteten Vorstellung vom Denken und Handeln, dass anscheinend so ähnlich abläuft wie bei einem Computer: in einer Sequenz aus Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe. Die Eingabe entspricht der Reflexion, die Verarbeitung der Verstandestätigkeit und die Ausgabe der Aktion. Aber die Verarbeitung in einem Computer kann nur dann stattfinden, wenn es ein Programm gibt. Und wenn es ein Programm gibt, ist die Frage: Wer hat das programmiert? Wer war der Schöpfer des Algorithmus19, durch den formuliert ist, wie die Eingabe verarbeitet wird und zu einer bestimmten Ausgabe führt? Leute mit dem bisher vorherrschenden materialistischen Weltbild würden sagen, dass die Natur oder der Zufall der Programmierer ist – Leute, mit religiös geprägtem Weltbild, würden sagen, dass der Programmierer Gott ist. Für den Freiheitsprozess sind das aber beides unbefriedigende Antworten, denn sie bedeuten beide, dass die Art und Weise wie mein eigenes Denken und Handeln funktioniert, nicht von mir selbst bestimmt wird – in diesen Vorstellungen liegt eine Fremdbestimmung und somit eine Unfreiheit, denn entweder wird mein Denken und Handeln durch bedeutungslosen Zufall oder Naturgesetze festgelegt oder durch eine fremde geistige Macht geleitet. Ich selbst bin es in beiden Fällen nicht, der bestimmt – so bin Ich nicht frei.
Hinzu kommt das Problem, dass es in dieser Situation keine wirkliche Kreativität geben kann, es könnte hier nichts Neues entstehen. Ein Programm kann nämlich immer nur so ablaufen, wie es programmiert wurde. Aus sich selbst heraus kann es nichts Neues erschaffen. Es kann vielleicht bestehendes anders verteilen und so den Anschein erwecken, dass es sich um etwas Neues handelt – letztlich ist es aber doch nur mehr vom Selben. Aus diesem Grund halte Ich auch viele sogenannte Kreativmethoden für fragwürdig, wenn es bloß darum geht, in kurzer Zeit möglichst viele Tatsachen zu erzeugen, in der Hoffnung, es würde sich zufällig eine Rekombination ergeben, die irgendwie «neu» ist. Damit etwas wirklich Neues entsteht, müsste aber ein Programmierer eingreifen, der selbst die Fähigkeit zur Kreativität hat, und das Programm erweitern – es braucht einen Schöpfer.
Das Problem, dass nichts Neues entsteht und Ich entweder von natürlichem Zufall oder übernatürlicher Vorbestimmung beherrscht werde, kann Ich nur lösen, wenn Ich annehme, dass Ich selbst der Programmierer bin. Ich bin selbst derjenige, der zur Kreativität fähig ist, und sich selbst – seinem eigenen «Ich» oder Ich-Bewusstsein – etwas hinzufügen kann. Diesen Vorgang, durch den Ich etwas wirklich Neues hervorbringen kann und mein eigenes Ich-Bewusstsein entwickle und gestalte, nenne Ich im Freiheitsprozess «kreatives Denken».
Ich habe im vorangegangenen Kapitel versucht, logisch zu begründen, dass sich allein durch realistisches Denken, nichts eigenes oder neues entwickeln kann. Für meine Freiheit ist es deshalb die Voraussetzung, dass Ich meinem Ich-Bewusstsein selbst etwas hinzufügen kann – dass Ich Schöpfer meines Ich bin. So werde Ich selbst zu demjenigen, der der Welt, aus eigenem freien Willen, etwas wirklich Neues hinzufügen kann. Das mache Ich durch «kreatives Denken». Durch kreatives Denken erschaffe Ich selbst neue Information, Bedeutung, Gedanken, Ideen und zukünftige Möglichkeiten, im rein geistigen Feld.20 Das kreative Denken erweitert die Fähigkeiten meines «Ich» – das bedeutet eine Bewusstseinserweiterung und wirkliche Bildung.
Es ist vielleicht überraschend, dass im Bild jetzt oberhalb und gespiegelt zum Verstand, die Vernunft beginnt. Im Alltag werden die Begriffe Verstand und Vernunft oft gleich verwendet oder auch durcheinandergewürfelt. Es wird nicht zwischen Vernunft und Verstand unterschieden. Oft ist vom «gesunden Menschenverstand» die Rede, wobei vielleicht eher die Vernunft gemeint ist. Manchmal heißt es, dass etwas «unvernünftig» sei, wobei es dann doch nur um verstandesmäßige Fragen geht, die sich banal, also geistlos und rational beantworten lassen. Für den Freiheitsprozess ist es nun von Bedeutung, zwischen Verstand und Vernunft zu unterscheiden, weil diese die zentralen Eigenschaften meines Ich-Bewusstseins sind. Der Verstand ist der auf das körperliche außen gerichtete Teil des «Ich», die Vernunft21 ist der auf das geistige Innen gerichtete Teil. Die Vernunft ist der Bereich des Ich-Bewusstseins, der sich durch das Feld der Kreativität mit dem oberen Pol der kreativen Freiheit austauschen kann.
An diesem oberen Pol entwickeln sich durch mein Denken zukünftige Ideen und Möglichkeiten. Um diese entdecken zu können, denkt die Vernunft nicht in Quantitäten, sondern in Qualitäten, sie ist nicht rational und auch nicht irrational, sondern eher «überrational» – das ist eine Art Metaposition22, die das eigene Rationalisieren aus einer gewissen Distanz betrachten kann. Vernunft analysiert nicht, sondern sie sucht nach Zusammenhängen, nach Synthesen. Die Vernunft denkt nicht praktisch, sondern unpraktisch, sie schlussfolgert nicht logisch aus bestehenden Fakten, sondern sie öffnet sich möglichst unvoreingenommen der noch unbekannten Zukunft.
«Das Leben kommt als Ganzes zu uns. Wir betrachten es durch die willkürliche Linse unserer Analyse, und nur deshalb sieht es so aus, als könnte man Probleme abtrennen und einzeln lösen. Wenn wir vergessen, dass es nur eine Linse ist, verlieren wir den Geist der Offenheit.»
— Peter Senge, MIT Center for Organizational Learning 23
Durch die sogenannte Absicht wirkt die Vernunft in das Feld der Kreativität. Die Phase der Absicht wird im Bild durch den gebogenen grünen Pfeil dargestellt, der vom Zentrum aus zum oberen Pol verläuft. Die Vernunft bewirkt eine «Absicht auf» das Neue und Zukünftige an diesem oberen Pol. Dazu nimmt derjenige, «der zur Vernunft kommt», eine offene, forschende und fragende Haltung ein. Ich stelle Fragen – und halte es aus, dass diese zunächst und manchmal eine lange Weile ohne Antwort bleiben. Vernünftigerweise öffne Ich mich für alles Neue, so verrückt, unrealistisch, unpraktisch und unzumutbar, so paradox und mysteriös es aus meiner bisherigen Sicht auch erscheinen mag.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine Unvoreingenommenheit – eine «Absicht von» dem, was bisher war. Dazu befreie Ich mich teilweise und zeitweise, von dem, was unterhalb der Grenze liegt: von den eigenen Kenntnissen, Meinungen, Vorurteilen, Glaubenssätzen, Sympathien, Antipathien oder Gewohnheiten.
Diese «vernünftige» Absicht lässt sich außerdem üben, indem Ich versuche statt Entscheidungen zu treffen, bewusst nicht zu entscheiden; statt etwas Festzulegen, die Dinge offen zu lassen; statt vorschnelle Antworten zu geben, bewusst viele Fragen zu stellen und diese auch als unbeantwortet auszuhalten.
«Die Frage ist zu gut,
um sie mit einer Antwort zu verderben.»
— Robert Koch 24
Die Absicht hat eine Wirkung auf den oberen Pol der kreativen Freiheit. Hier wird jetzt etwas weiterentwickelt, etwas Neues hervorgebracht, etwas transzendiert. Transzendenz25 klingt zunächst geheimnisvoll, meint aber hier nicht mehr und auch nicht weniger, als dass der obere Pol sich über die bisherigen Grenzen des Denkens hinaus entwickelt. Es wird eine neue Idee oder Möglichkeit geboren, die jenseits der bisherigen Erfahrung und Erkenntnis liegt.
Das neu entwickelte wird jetzt von oben in das Zentrum zurückgesendet. Es fällt von oben in mein Bewusstsein hinein – Ich habe dann einen Einfall oder eine Einsicht. Diese Einsicht sinkt herab, bis in mein waches Ich-Bewusstsein, wo sie mir bewusst werden kann – so wie das im Bild der grüne gebogene Pfeil mit der Aufschrift «Einsicht» zeigt. Die Vernunft nimmt die Einsichten auf, indem sie sich der inneren und geistigen Wahrnehmung hingibt. Sie versucht, weitreichende Zusammenhänge und innere Qualitäten zu begreifen. Die Vernunft will den in der Einsicht verborgenen Sinn, den inneren «roten Faden» und die wesentlichen Eigenschaften erkennen. Im Unterschied zur Analyse-Tätigkeit des Verstandes, ist das also eine Synthese. Hier wird nicht etwas Ganzes in viele Details und Einzelteile zerlegt, sondern hier wird versucht, aus vielen individuellen und mysteriösen Einsichten ein Ganzes zu verweben, um das Ganze zu begreifen und zu verstehen.
«Keplers fabelhaftes Lebenswerk zeigt uns besonders schön, dass Erkenntnis nicht aus bloßer Empirie erblühen kann, aber aus dem Vergleich dessen was imaginiert wird mit dem was beobachtet wird. »
— Albert Einstein, 1930
Die Einsicht kann Ich praktisch üben, indem Ich mich bewusst meiner inneren Wahrnehmung widme. Ich achte aufmerksam auf innere Begriffe, innere Stimmungen und innere Sinnbilder. Begriffe sind abstrakte Gedanken, die sich noch nicht in Worte fassen lassen. Fehlen mir noch die Worte, stammele Ich herum, ist etwas unaussprechlich, dann ist das ein Zeichen dafür, dass Ich im Begriff bin etwas Neues zu begreifen. Stimmungen sind eine Art des inneren Fühlens und Hörens. Die Stimmung gibt Auskunft über eine Resonanz – ob etwas stimmt oder nicht stimmt. Sinnbilder sind innere Bilder mit symbolischem Charakter. Das sind zum Beispiel geometrische Formen – so wie das Bild vom Freiheitsprozess. Solche Symbole sind zwar einfach in der Form, enthalten aber weitreichende Bedeutungen.
Im Freiheitsprozess habe Ich es immer wieder mit Wechselwirkungen zwischen sich spiegelnden Elementen zu tun. Die wesentlichen Elemente sind: Realität, Kreativität und Ich; Verstand und Vernunft; realistisches und kreatives Denken. Die persönliche Freiheit und die kreative Freiheit bilden dabei die grundsätzliche Polarität im Freiheitsprozess. Diese Polarität ist eine Wechselbeziehung, in der sich polare Kräfte entfalten.
Diese Polarität ist die Antriebsquelle, die Energiequelle. Werden der obere und der untere Pol miteinander verbunden, dann können die Ströme fließen – und das Ganze kann sich entfalten, weil es in Bewegung kommt. Bewegung ist in diesem bisherigen Bild vom Freiheitsprozess, in Form der Schleifen des realistischen und des kreativen Denkens ja schon vorhanden. Es braucht jetzt eigentlich nur noch eine kleine Überbrückung, eine Weichenstellung im Zentrum, um die beiden Bewegungen und damit auch die beiden Pole zu verbinden.
Der Bildbegriff zeigt in seinem jetzigen Stand sehr deutlich, wer dafür verantwortlich ist, diese Verbindung herzustellen: das bin nämlich Ich oder das ist Ihr «Ich» oder eben jedes «Ich». Das «Ich» benötigt dazu eigentlich nur zwei kleine Bewegungen, die Ich im Freiheitsprozess Aufstieg und Abstieg nenne.
Aufstieg bedeutet, die Schleife des realistischen Denkens bewusst zu unterbrechen und nach oben abzuzweigen. Das zeigt der kleine rote Pfeil, der im Zentrum die Grenze nach oben durchstößt. Ein richtiger Moment für den Aufstieg ist, wenn das realistische Denken an seine Grenze kommt – wenn die bestehenden Kenntnisse und Methoden nicht mehr ausreichen, um ein Problem zu lösen. Wenn demnach etwas komplex erscheint, ist es notwendig, etwas dazuzulernen und das aktuelle Bewusstsein zu erweitern.
Andersherum heißt Abstieg, die Schleife des kreativen Denkens dann zu verlassen, wenn es «so weit» ist – und dann nach unten abzubiegen. Das zeigt der kleine grüne Pfeil, der im Zentrum die Grenze nach unten übertritt. Für den Übertritt ist es soweit, wenn eine gute Idee, eine zukünftige Möglichkeit, soweit entwickelt und erkannt ist, dass sie verwirklicht werden kann. Dann muss das kreative Gedankengut nach Außen umgewendet und in die Tat umgesetzt werden, denn Ideen wollen ja verwirklicht werden und zuständig dafür ist der kreative Mensch.
Wenn das «Ich» die Bewegungen von Aufstieg und Abstieg bewusst leitet, dirigiert und führt, dann entsteht eine Bewegung in Form einer Acht. Diese Form ist ein Symbol für Unendlichkeit, was hier auch passt, denn dieser Prozess ist der Freiheitsprozess, und der hat keine Beschränkung – er ist unendlich, sonst wäre er kein Freiheitsprozess.
Eine solche Doppelschleife wird auch Lemniskate genannt. Die Lemniskate ist ein wichtiges Sinnbild für das Wechseln zwischen Innen und Außen. Der blau gestrichelte Pfad zeigt: Fahre Ich an der äußeren Seite der Lemniskate entlang, dann befinde Ich mich mit dem überfahren des Kreuzungspunkts im Zentrum, plötzlich auf der Innenseite. Umgekehrt ist es genauso.
Die Lemniskate bedeutet also eine sich immer wiederholende Umwendung von Außen nach Innen und von Innen nach Außen. Die Lemniskate bedeutet die immer wiederkehrende Umstülpung von der Realität zur Kreativität, vom Verstand zur Vernunft, vom Körperlichen zum Geistigen und umgekehrt.
Die Lemniskate verdeutlicht auch sehr schön, wie das «Ich» die Funktion des «Zentralorgans» einnimmt – das «Ich» ist das Herz des Ganzen. Wie das Herz im Leib, nimmt das Ich die Denk- und Bewusstseinsströme auf und gibt diese mit den richtigen Impulsen wieder ab. Es zieht die Denkbewegungen an und stößt sie wieder ab. So können alle Teile des Ganzen gut versorgt werden – und das Ganze kann erwachsen und sich entfalten, es kann heilen.
In dieser Bewegung der Lemniskate ist es sehr wichtig, Einseitigkeiten zu vermeiden. Ein einseitiges realistisches Denken neigt nämlich dazu, sich zu verhärten und sich in Einzelheiten, in Details und Zertrennungen zu verlieren. Es fängt an zu grübeln, arbeitet sich tief in die Materie ein und fährt sich regelrecht fest. Es erkaltet, wird starr, leblos und ist unkreativ. Es führt in den Stillstand und den Tod. Ein einseitiges kreatives Denken neigt dazu, sich aufzulösen und sich in unrealistischen und idealistischen Gedanken zu verlieren. Es hebt sozusagen ab und verliert den Boden unter den Füßen. Das Denken entzündet und überhitzt sich, es zerfällt und ist illusorisch. Das führt in die Auflösung und das Chaos.
Im Bild der Grafik zeigt sich eine solche Einseitigkeit, wenn nur eine der beiden Schleifen immer wieder durchlaufen wird und kein bewusster Aufstieg oder Abstieg passiert. Wenn also immer nur die Schleife des realistischen Denkens durchlaufen wird, wie es bei sogenannten Realisten, Rationalisten oder Bürokraten zu beobachten ist, dann ist das nicht gut. Wird immer nur die Schleife des kreativen Denkens durchlaufen, wie es bei reinen Idealisten, Spinnern oder Esoterikern zu sehen ist, dann ist das genauso wenig gut. Fehlt die Verbindung zwischen den Polen, dann kann die kreative Kraft nicht richtig fließen.
Gut ist es, wenn immer wieder beide Qualitäten des Denkens miteinander wechselwirken: das realistische mit dem kreativen, das rationale mit dem spinnerten, das geschlossene mit dem offenen, das kontrollierte mit dem ungeregelten oder auch das exoterische mit dem esoterischen. An dieser Stelle ist es interessant sich einmal klar zu machen, wie das Bild vom Freiheitsprozess Begriffe, die im Alltag oft als unvereinbare Gegensätze erscheinen, in einen sinnvollen Zusammenhang bringt. Der Freiheitsprozess macht deutlich, dass die Vorstellung eines Dualismus, also ein ausschließendes Entweder-Oder, ein Irrtum sein kann. Meist ist eine Polarität die Wirklichkeit und die Lösung ist es, die vermeintlichen Gegensätze als die wechselwirkenden Pole eines Ganzen zu erkennen.
Wechselt das Ich willentlich zwischen realistischem Denken und kreativem Denken, indem es die Lemniskate immer wieder in beiden Richtungen impulsiert, dann kann sich das Gute beider Denkweisen entfalten. Das realistische Denken liefert dann die Fakten. Das ist wichtig für die Weiterentwicklung von zukünftigen Ideen und Möglichkeiten, weil diese den konkreten und aktuellen Zusammenhang brauchen. Das realistische Denken hat außerdem die Aufgabe, das Neue, das durch den Abstieg aus der Kreativität in die Realität kommt, mit geeigneten Aktionen zu verwirklichen.
Dazu bildet das realistische Denken Vorstellungen von dem, was werden soll – es macht Pläne und Berechnungen, es führt Experimente durch und stellt Prototypen her. So sorgt es dafür, dass eine neue Realität entsteht.
Das kreative Denken ist allerdings die einzige Quelle, aus der wirklich Neues hervorgehen kann. Das kreative Denken entwickelt neue Ideen und zukünftige Möglichkeiten – es begreift das, was noch nicht ist und werden will. Dazu fragt und forscht das kreative Denken, es gibt sich unvoreingenommen den Rätseln der Wirklichkeit hin und es wird kreativ und künstlerisch tätig. Ist genügend Einsicht über das Neue aufgenommen, entscheidet sich das «Ich» bewusst für den Abstieg, also dazu, die Sache in die Tat umzusetzen.
Wenn es also um Veränderung, Wandel, Innovation oder Transformation geht, dann ist die Wechselwirkung zwischen realistischem und kreativem Denken unbedingt notwendig. Durch kreatives Denken können neue Ideen und Möglichkeiten entwickelt werden. Durch realistisches Denken können diese in die Tat umgesetzt und verwirklicht werden.
Es können natürlich Verirrungen, Einseitigkeiten entstehen; einerseits, nur Wissen und Gedanken anzuhäufen; zum anderen, immer nur zu wollen, zu wollen ohne geistigen Inhalt für die Willensimpulse. [...] Wir müssen lernen, zu wollen – auf eine spirituelle, durchgeistigte Weise zu wollen: mit einem geistigen Inhalt.26
20 Anders stellt sich der Vorgang dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen zur Welt betrachtet wird. Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, dass das Denken als eine in sich geschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann. Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewussten Denken liegende unbewusste geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt. Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen. Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muss: Begriff und Wahrnehmung. (Steiner, 1893, S. 122–123)
21 Vernunft bezeichnet in der modernen Verwendung ein durch Denken bestimmtes geistiges menschliches Vermögen zur Erkenntnis. (https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft )
22 Die Metaposition ist die unbeteiligte Wahrnehmung aus einer größeren Entfernung. Es ist eine dissoziierte Position. Aus der Metaposition kann sich eine Person selbst oder ihr Verhältnis zu anderen Beteiligten in einer spezifischen Situation beobachten.
23 Senge 1996, S. 345-347
24 Heinrich Hermann Robert Koch (* 11. Dezember 1843 in Clausthal; † 27. Mai 1910 in Baden-Baden) war ein deutscher Mediziner, Mikrobiologe und Hygieniker sowie einer der erfolgreichsten Arzneimittelforscher des 19. Jahrhunderts.
25 1. das Überschreiten der Grenze der Erfahrung, Erkenntnis; 2. das, was jenseits der Erfahrung, Erkenntnis liegt, das Übersinnliche, Übernatürliche, Jenseitige (https://www.dwds.de/wb/Transzendenz )
26 Lievegoed 1972, S. 14-15) ?!?