In diesem Artikel beschreibe ich den Weg zur geistigen Selbstbestimmung durch die Bewusstmachung persönlicher Prägungen. Ich unterteile „persönliche Muster“ in drei Ebenen – die leibliche, emotionale und mentale –, welche das Verhalten oft unbewusst durch Routinen, Affekte und Vorurteile steuern. Zudem beleuchtet der Text verschiedene Qualitäten von Motiven: von bloßem Egoismus, über klugen Egoismus, moralische Autorität zur Ideologie. Ziel ist es, durch Reflexion der hier beschriebenen Unterschiede und Zusammenhänge, Automatismen zu überwinden und so Freiheit zu erlangen.
von Michael Plein | Frühjahr 2024
Jeder Mensch ist durch seine Vergangenheit geprägt, z.B. durch Vererbung, Schicksalserlebnisse, Erziehung, Sozialisierung usw. Das was Ich geworden bin und was mich von früher her bestimmt, lässt sich klar in drei Ebenen unterscheiden: die unterbewusste leibliche, die vorbewusste emotionale und die wachbewusste mentale Ebene. Die Summe dieser drei Ebenen ergibt meine »persönlichen Muster«. Sie zu verstehen und zu klären, ist die Voraussetzung für Selbstbestimmung – denn wer sich nicht selbst bestimmt, der wird von anderen bestimmt.
In den folgenden Abschnitten werden die drei Ebenen der persönlichen Muster beschrieben. Dabei wird jede Ebene in die Phase der Reflexion – im Diagramm der vom unteren Pol zum Ich verlaufende rote Pfeil – und die der Aktion – der vom Ich zum unteren Pol verlaufende grüne Pfeil – unterschieden. Zum einen wird dargestellt, welche Auswirkungen die durch Reflexion einströmenden Wahrnehmungen auf der jeweiligen Ebene haben, zum anderen wird beschrieben, welches Verhalten, also welche Aktion auf der Ebene ausgelöst wird.
Mit der Phase der Reflexion, entstehen auf der leiblichen Ebene die Empfindungen27. Das sind körperliche Wahrnehmungen, wie zum Beispiel: Farben, Töne, Druck, Geruch oder Geschmack. Ich empfinde den eigenen Leib und sein Umfeld – also das, was der untere Pol im Diagramm symbolisiert. Mein Umfeld empfinde Ich durch die sogenannte Exterozeption28. Das sind die herkömmlichen fünf Sinne: Hören, Sehen, Tasten, Schmecken, Riechen. Meinen eigenen Leib empfinde Ich durch die Interozeption29. Damit sind Wahrnehmungen wie Gleichgewicht, Temperatur oder Schmerz gemeint, durch die Ich das innere meines eigenen Leibes empfinden kann. Damit habe ich neben den selbstverständlich jedem bekannten fünf Sinnen, weitere drei Sinne die weniger bekannt sind. Da stellt sich die Frage, ob es neben den bis hier festgestellten acht Sinnen vielleicht noch weitere Sinne gibt?
Die von der Wahrnehmung ausgelösten Empfindungen von der Außenwelt entstehen automatisch im Unterbewussten. Solange Ich wach bin, sind meine Sinne aktiv und lassen Empfindungen in mein Bewusstsein strömen – Ich könnte das willkürlich gar nicht stoppen. Ich kann zwar die Augen schließen, aber Ich werde weiter Schatten und Helligkeiten wahrnehmen. Ich kann mir die Ohren zu halten, werde aber weiter etwas hören, wie zum Beispiel die Reibung meiner Haut zwischen Hand und Ohr oder meinen Puls. Der Wahrnehmungsstrom wird nie unterbrochen, außer Ich verliere das Wachbewusstsein.
In der Phase der Aktion wirkt die leibliche Ebene auf den unteren Pol durch sogenannte Routinen. Das sind automatische Verhaltensweisen: die unterbewusst ablaufenden Organtätigkeiten und die durch Sinnesreize ausgelöste Instinkte30, Gewohnheiten oder Traumata31. Instinkte sind angeborene Triebe wie zum Beispiel ein lebensrettendes Zurückschrecken vor einer Schlange im Unterholz.32 Routiniertes Autofahren oder eingeprägte Höflichkeitsformen (Takt) sind Beispiele für lange eingeübte und im wahrsten Sinne des Wortes eingefleischte Fertigkeiten und Gewohnheiten.33 Ein traumatisches Erlebnis kann sich, trotz seiner Einmaligkeit, wie eine leibliche Wunde tief einprägen, sodass ein bestimmtes Verhalten in späteren Situationen, die der traumatischen Situation ähnlich sind, automatisch wiederholt wird, auch wenn es nicht mehr angemessen ist.
Das Diagramm zeigt diese unterbewusst angetriebenen Routinen durch die kleine rote Schleife, die vom unteren Pol durch die leibliche Ebene gleich wieder auf den unteren Pol zurückläuft. An der kleinen Schleife ist deutlich zu sehen, dass mein Bewusstsein oder mein Verstand nicht beteiligt sind. Das Verhalten, die Aktion folgt direkt aus dem Unterbewussten, aus der niedersten Ebene der Reflexion, aus der Sinneswahrnehmung.
Die nächsthöhere Ebene ist die emotionale.34 Sie übernimmt die von der Reflexion transportierten Empfindungen aus der leiblichen Ebene und wandelt diese in ein gefühlsmäßiges Erleben.35 Meine Erlebnisse bleiben im Gedächtnis und liegen zunächst auf dieser vorbewussten Ebene. Wenn Ich will, kann Ich mir Erlebnisse ins Bewusstsein holen und sie in einer Bandbreite von Zuneigung bis Abneigung unterscheiden. Zuneigung bedeutet, dass mir persönlich etwas gefällt, ich etwas mag, mir etwas schmeckt oder ich Lust auf etwas habe. Abneigung heißt, dass mir persönlich das, was mir gegenübersteht, nicht gefällt, ich mag es nicht, es schmeckt mir nicht – ich habe keine Lust drauf.
Es ist wichtig sich klar zu machen, dass diese Art der Sympathien und Antipathien36 rein subjektiv sind, denn sie sind durch persönliche frühere Erlebnisse geprägt worden. Auch wenn das aktuelle Erlebnis diesem vergangenen prägenden Erlebnis ähnlich ist, heißt das nicht, dass meine Zuneigung oder Abneigung etwas mit der jetzigen Situation zu tun hat. Ich sollte mich also nicht »triggern« lassen, mich nicht von meinen subjektiven Emotionen ablenken lassen, weil Ich dann unsachlich werde und kein Mitgefühl37 für andere Wesen haben kann.
Es ist auch wichtig, sich klar zu sein, dass Emotionen das eigene Körperinnere, also den Körper betreffen, und dass sie damit zur körperlichen Außenwelt gehören. Somit sind z.B. ein Schmerz oder eine Emotion als ein Phänomen der Außenwelt zu unterscheiden von z.B. einer Intuition oder einem Gefühl, als ein Phänomen der Innenwelt.
Ein Gefühl fühlen ist also nicht dasselbe wie eine Emotion fühlen.38 Das ist im Alltag nicht leicht zu unterscheiden, weil Ich beides, sowohl die Emotion die »an mir« ist, als auch das Gefühl das »in mir« ist im Herzbereich fühle. Die Emotion ist dabei triebhaft-willensartig, während das Gefühl mehr dem entspricht, was hier im Folgenden als »inspirativ« beschrieben wird.
Das Betrachten und Verarbeiten von Emotionen ist wichtig, um sich von ihnen zu befreien zu können, es führt aber nicht direkt zu höherer Entwicklung und Erkenntnis. Das Schwelgen in Sentimentalitäten und Hineinsteigern in Emotionen kann sogar die gegenteilige Wirkung haben, es kann mich »runterziehen« und meine Entwicklung hemmen.
In der Phase der Aktion wirkt die emotionale Ebene auf den unteren Pol durch Affekte.39 Affekte sind aufgeregte und unüberlegte Verhaltensweisen. Diese sind oft verbunden mit intensiv erlebten Gefühlen und deutlichen leiblichen Reaktionen, wie lächeln, erröten, schwitzen, ein spontanes Aufspringen oder eine zugewandte Körperhaltung. Das Diagramm zeigt dieses affekthafte Verhalten durch die kleine rote Schleife, die vom unteren Pol durch die leibliche und emotionale Ebene wieder auf den unteren Pol zurückläuft. Diese Schleife zeigt sehr gut den vorbewussten Charakter dieses Verhaltens. Sie läuft nämlich an der Grenze zum wachen Ich-Bewusstsein vorbei. Das bedeutet, Ich kann mir bewusst machen, was hier geschieht, wenn Ich will und mich darauf konzentriere – ansonsten läuft das, was hier passiert, an meinem »Ich« und damit meiner bewussten Entscheidung vorbei.
Steigt die Reflexion weiter bis auf die mentale Ebene, dann verbinden sich sowohl die leiblichen Empfindungen, als auch das emotionale Erleben mit den eigenen Erinnerungen oder genauer Erinnerungsvorstellungen, die Ich hier in Wissen, Meinungen und Glauben unterscheide.40 Glauben bedeutet, dass Ich etwas ohne objektive Beweise für wahr halte. Der Glaube beruht auf subjektiven Gefühlen oder Vermutungen. Die Meinung ist ein subjektives »Fürwahrhalten«, das nicht auf ein gesichertes Urteil, sondern auf einen gewohnheitsmäßigen und populären Glauben gründet. Das Wissen besteht aus meinen zum jetzigen Zeitpunkt als gesichert angenommenen Kenntnissen oder Erkenntnissen. Kenntnisse sind früher von anderen passiv übernommenes Wissen. Erkenntnisse sind durch eigenes Denken und eigene Einsicht einmal erarbeitetes Wissen. Mein Wissen kann Ich objektiv und zureichend begründen.
Die Phase der Aktion bedeutet auf der mentalen Ebene, dass Ich meine Ziele, Pläne und Erwartungen aus meinem Glauben, meinen Meinungen oder meinem Wissen ableite. Ich handle aus Vorurteilen heraus – denn die Grundlage für mein Verhalten kommt aus der Erinnerung, also aus der Vergangenheit und ist damit voreingenommen.41
Mein Urteil darüber, ob etwas falsch oder richtig, wahr oder unwahr ist, steht unabhängig von der aktuellen Situation schon im Voraus fest. Mein Verhalten ist dann durch Vorurteile und Voreingenommenheit bestimmt und damit unfrei.42
»Wahre Meinungsfreiheit ist, wenn Ich mich von meiner Meinung befreien kann.« — Thomas auf Goethes Couch in Rom, 2018
Dieses unfreie Verhalten zeigt im Diagramm die kleine rote Schleife, die vom unteren Pol durch die leibliche, emotionale und mentale Ebene und wieder zurück zum unteren Pol verläuft. Das Diagramm macht deutlich: Der Verstand ist hier noch nicht beteiligt. Im Alltagsleben kann ein voreingenommenes Verhalten durchaus sinnvoll sein, weil Ich dann nicht jede alltägliche Situation neu beurteilen muss. Ich darf aber nicht glauben, dass mein Wissen für immer Bestand hätte, denn die Welt ist immer in Entwicklung. Ich kann also nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass das was Ich gestern gelernt oder erkannt habe auch heute noch gültig ist. Stehe Ich vor überraschenden Fragen, Problemen und Herausforderungen, muss Ich deshalb selbst ins Denken kommen und mir ein neues Urteil bilden. Ich muss dann über Glauben, Meinung oder Wissen hinaus denken.
Die Verhaltensmuster auf der mentalen, emotionalen und leiblichen Ebene werden im Freiheitsprozess unter dem Begriff »persönliche Muster« zusammengefasst – auch »charakterologische Anlagen« oder »Ego-Struktur« sind treffende Bezeichnungen. Die persönlichen Muster sind die Summe dessen, was Ich geworden bin. Und jeder Mensch ist ja etwas besonderes, bildet eine einzigartige Persönlichkeit heraus, was eine wichtige Voraussetzung für die Freiheit ist. Ohne die persönlichen Muster, würden sich alle wie Roboter gleich verhalten.43 Was auf allen drei Ebenen aber auffällt ist, dass diese Verhaltensmuster nicht wirklich frei sind, denn Ich denke und entscheide hier nicht selbst.
Die persönlichen Muster sind alle durch meine Vergangenheit und durch andere entstanden. Sie sind das was aus früheren Erlebnissen und Erfahrungen bestehen bleibt und was meine Persönlichkeit geprägt hat. Sie sind immer von anderen geprägt, weil Ich z.B. Gewohnheiten, Befindlichkeiten oder Vorurteile von anderen Menschen übernommen oder beigebracht bekommen habe. Auch wenn eine Vorstellung im gegenwärtigen Moment durch das eigene denken und durch eigene Erkenntnis geprägt wurde, ist sie doch im nächsten Augenblick von jemand anderem, nämlich von meinem »Vergangenheits-Ich«. Das Diagramm zeigt außerdem deutlich, dass Verhaltensweisen, die aus persönlichen Mustern entstehen, an der Entscheidung durch meinen Verstand vorbeigehen.
Für meine persönliche Freiheit ist es deshalb wichtig, dass Ich mehr Selbstbeherrschung erreiche und dass Ich meine persönlichen Mustern befreie. Selbstbeherrschung klingt im ersten Moment vielleicht streng – aber wer sich nicht selbst beherrscht, der wird von anderen beherrscht – Ich bin also nicht frei. Das bedeutet aber nicht, dass Ich jedes Verhaltensmuster wegmachen muss. Es geht mehr darum, diese Muster überhaupt zu reflektieren und sie mir bewusst zu machen.
Im nächsten Schritt ist es dann vielleicht möglich mit ihnen bewusst umzugehen. Noch weiter würde Ich gehen, wenn Ich versuche die Muster anzunehmen, indem Ich erkenne, welchen Sinn sie haben. Oft haben grade vermeintliche Störungen und Leiden nämlich den Sinn – manchmal über lange Zeit – bestimmte Fähigkeiten entwickeln zu können, die erst viel später in meinem Lebenslauf zur Blüte kommen. Die »Befreiung« bedeutet hier also weniger, dass Ich mich von einem persönlichen Muster befreie, sondern dass Ich das Muster befreie, indem Ich seinen Sinn und damit mich selbst erkenne.
»Das Denken beginnt, wenn das
Affentheater der Assoziationen aufhört.«
— Peter Sloterdijk, deutscher Philosoph 44
Die Beherrschung und Befreiung von persönlichen Mustern hat noch einen weiteren wichtigen Zweck: eine möglichst objektive Betrachtung der Tatsachen. Wenn Ich meine Muster bewusst geklärt und geordnet habe, wird meine Reflexion der äußeren Fakten von Selbstverständlichkeiten, Assoziationen oder Vorurteilen geklärt. Ist mir nicht bewusst, dass meine Reflexion durch meine persönlichen Muster »eingefärbt« wird und das sich so immer wieder mein persönliches einmischt, bevor es meinen Verstand erreicht, kann Ich nicht objektiv sein. Grade wer sich als »Faktenchecker« betätigt oder solchen glauben schenken will, sollte sich über diesen Zusammenhang klar sein.
Um Selbstbeherrschung und Objektivität zu erreichen, bediene Ich mich meines Verstandes und des realistischen Denkens. Durch Reflexion kann der Verstand die persönlichen Muster genau betrachten, er kann sie unterscheiden und so auch zu einer vom Muster abweichenden Entscheidung kommen, die dann die Aktionen bestimmt. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Ich mir überhaupt einmal darüber klar werde, wie Ich selbst eigentlich strukturiert bin. Diese Voraussetzung schafft der Freiheitsprozess, durch seine strukturierte und bildliche Beschreibung.
Bevor hier verschiedene mögliche Qualitäten von Motivationen im Freiheitsprozess beschrieben werden, soll zunächst der Begriff der Motivation im Unterschied zum Motiv geklärt werden. In der Psychologie wird das Motiv als »latente Bewertungsdisposition für Ziele« und als Persönlichkeitseigenschaft bezeichnet.45 Danach entspringen Motive meinen geprägten Antrieben, Beweggründen, Wünschen und Vorstellungen. Meine Motive kommen aus meinen persönlichen Mustern, sie haben damit einen Bestands- und Vergangenheitscharakter. Im Unterschied dazu wird die Motivation als die »variable, zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Handlungsbereitschaft definiert«.
Die Motivation hat einen Gegenwartscharakter, denn Ich entscheide durch meinen Verstand, im Augenblick, auf welches Zielbild sich mein Handeln richten soll.46 Dabei kann Ich mein Wollen, durch Verstand und Vernunft, auch auf andere als meine bestehenden Motive richten. Wenn Ich motiviert bin, kann Ich über ein so hohes Maß an Willenskraft verfügen, sodass Ich mich über meine persönlichen Muster hinwegsetzen kann – ein Freiheitsmoment. Damit Ich über meine Motivationen selbst bestimmen kann, brauche Ich eine Orientierung darüber, welche Qualitäten von Motivationen es gibt und woher sie aufsteigen. Diese Orientierung sollen die folgenden Beschreibungen im Zusammenhang mit dem Diagramm geben.
Die Motivation des bloßen Egoismus ist es, möglichst viel Nutzen, Wohl oder Lust für mich selbst zu erreichen. Dieses Ziel verfolge Ich ohne Rücksicht und womöglich auf Kosten anderer Menschen.47
Der bloße Egoismus ist im Diagramm auf der leiblichen Ebene eingeordnet, weil es hier um ganz materialistische, existenzielle Ziele geht. Oft ist hier eine diffuse Vorstellung vom Überlebenskampf im Spiel, weil man meint es gäbe nicht genug für alle und alle wären im Kampf um knappe Ressourcen, und deshalb müsse man besonders viel davon ansammeln, um das Spiel zu beherrschen und den Kampf zu gewinnen.
Ein ganz alltägliches Beispiel für diesen bloßen Egoismus sind Spekulationsgeschäfte mit Rohstoffen oder Lebensmitteln an der Börse. Der Spekulant kauft zum niedrigen Preis und verkauft zum höheren Preis. Die Differenz ist sein Profit, ein Verdienst ohne selbst dafür zu arbeiten. Eine solche Spekulation geht auf Kosten anderer Menschen, denn die müssen nun den Profit des Spekulanten finanzieren, indem sie einen niedrigeren Lohn oder höhere Preise in kauf nehmen. Das heisst, die Menschen die die Waren am Ende kaufen müssen, weil sie sie brauchen, müssen mehr arbeiten – weil Geld nicht arbeitet, sondern nur Menschen arbeiten.
Der Begriff »Klugheitsmoral« klingt etwas seltsam, denn »Moral« wird heute meist bloß als einengende Moralvorschrift verstanden. Neutral gesehen bedeutet Moral die Vorstellungen oder Begriffe, von denen Menschen sich in ihrem Verhalten zueinander – im Sozialen – leiten lassen. Wie beim bloßen Egoismus ist auch bei der Klugheitsmoral die Motivation der private Nutzen, das eigene Wohl und die eigene Lust. Ich versuche dieses Ziel aber zu erreichen, indem Ich das Wohl anderer befördere, in der Hoffnung, dass sich das irgendwann günstig für mich auswirkt – hier beginnt sich das Verhalten in Bezug auf andere Menschen zu regeln. Das kann umgekehrt auch bedeuten, dass Ich versuche, andere nicht zu schädigen, weil Ich in der Folge einen Schaden für mich befürchte.48
Das Diagramm zeigt die Klugheitsmoral zwischen der leiblichen und der emotionalen Ebene, weil diese Art der Motivation noch auf das Körperliche und Existenzielle abzielt und oft mit gefühlsmäßigen persönlichen und kollektiven Beziehungen verbunden ist. Klugheitsmoral kann dabei auch sehr rational und berechnend sein.
Vorstellungen wie z.B. »Eine Hand wäscht die Andere« oder »Wir schaffen eine Win-Win-Situation« sind typisch für Klugheitsmoral. Oft ist dabei noch nicht ganz klar, wie das genau geht, aber man hat ein »gutes Gefühl dabei«. Bei einigen Klimaaktivisten ist zu beobachten, dass diese sehr emotional, von Furcht und »schlechten Gefühlen« getrieben handeln. Die Vorstellung von der bevorstehenden Klimakatastrophe ist so bedrohlich, weil man einen Schaden für sich selbst befürchtet. Das eigene Wohl steht auf dem Spiel. Um Schaden für sich selbst abzuwenden, soll nun Schaden von der Umwelt oder vom Klima abgewendet werden. Damit soll nicht pauschal allen Klimaaktivisten eine Klugheitsmoral unterstellt werden, aber es ist vielleicht befreiend, über den hier dargestellten Zusammenhang zu reflektieren.
Bei der »Moralischen Autorität« entspringt die Motivation aus abstrakten –von der augenblicklichen Situation losgelösten – Normen, Gesetzen oder Regeln, die von einer Autorität, einer Macht, einer Obrigkeit, einem System oder einem Experten vorgegeben werden. Dabei ist mir die Herkunft und der Sinn der Begriffe, auf denen die Anordnungen von oben beruhen, nicht klar – das hinterfrage Ich nicht.49 Ich leiste fraglos und kritiklos Folge, wobei hier wieder eine gute Portion Egoismus im Spiel ist. Der Moralischen Autorität zu folgen ist nämlich bequem, weil Ich nicht selbst denken muss, wenn Ich die Verantwortung nach Oben abgebe und weil es zu meinem Vorteil ist, wenn Ich mich an die Regeln halte.
Das Diagramm zeigt die Moralische Autorität zwischen der emotionalen und der mentalen Ebene, denn das, was mir von der Autorität vorgegeben wird, sind Vorstellungen, die, wenn Ich sie nicht hinterfragen möchte, zu Vorurteilen, Glaubenssätzen oder Ideologien werden. Oft steigt hier aber auch noch das Gewissen, als ein kollektives Gefühl für Richtig und Falsch, aus dem Emotionalen auf.
Beispiele für die Moralische Autorität und den in ihr liegenden Egoismus sind Vorstellungen wie »Da muss die Politik jetzt mal was machen«, »Die da oben werden schon wissen, was Richtig ist« und »wenn etwas schief läuft, bin Ich nicht verantwortlich«, »Alles wird gut, wenn Ich mich, wie alle anderen, an die Zehn Gebote, die Straßenverkehrsordnung, die Hygieneregeln oder die Finanzmarktregulierung halte« und »wenn die neuen Gesetze zur Vermögensumverteilung kommen, dann fällt für mich vielleicht eine Rentenerhöhung ab«.
Der Begriff der Ideologie bedeutet hier die ausformulierten Leitbilder, Ideen, Erkenntnisse und Werte von sozialen Gruppen oder Organisationen, die diesen zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen. Die ideologische Motivation entspringt Vorstellungen über das Gemeinwohl, darüber wie der größtmögliche Wohlstand für alle Menschen erreicht werden kann. Bei weiteren Ideologien geht es um den Kulturfortschritt, wobei eine Weiterentwicklung und Vervollkommnung, eine bewusstseinsmäßige und kulturelle Evolution der Menschen in Betracht gezogen wird. Man bleibt also nicht beim Wohlstand stehen, sondern bewegt sich, entwickelt sich weiter – das ist Wohlfahrt. Die Vorstellungen über Gemeinwohl und Kulturfortschritt bilde Ich mir ganz bewusst und verstandesmäßig, durch rationale Überlegungen, in Diskussionen oder durch wissenschaftliche Untersuchungen verschiedener Disziplinen. Insofern sind diese Moralvorstellungen, im Gegensatz zur Moralischen Autorität – für jeden, der bei Verstand ist – transparent und nachvollziehbar. In die Vorstellungen über Gemeinwohl und Kulturfortschritt fließen außerdem eigene Einsichten, also schon aus der Zukunft gewonnene Idealbilder über das moralische und soziale Zusammenleben der Menschen ein. Dabei ist aber zu beachten, dass diese Zukunftsbilder in dem Augenblick nachdem sie zur Einsicht gekommen sind, schon zu einer Vorstellung umgebildet wurden und somit im nächsten Augenblick Vergangenheit sind.50
Die Motivation aus Ideologie ist im Diagramm zwischen der mentalen Ebene und dem Verstand eingeordnet. Die Sache verbleibt hier nämlich auf der Ebene der Vorstellungen, weil die Moral durch verstandesmäßige Vorstellungen oder durch vernünftige aber schon zur Vorstellung gewordene Einsichten geregelt wird.
Es gibt zum Beispiel die Vorstellung, man müsse durch sein Konsumverhalten an den oft zerstörerischen Auswirkungen heutiger industrieller Produktion etwas verändern. Angebot und Nachfrage regeln, nach der Ideologie der »klassischen Nationalökonomie«, den Markt.51 Wer also die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bananenbauern in Peru oder Ecuador verbessern und gleichzeitig etwas für »Nachhaltigkeit« tun will, der kauft im Supermarkt Bio-Bananen zum höheren Preis. Damit ist die Annahme verbunden, man handele selbst verantwortungsvoll und wenn nur viele andere Konsumenten genauso eigenverantwortlich wären, würden sich die Verhältnisse bei den Bananenproduzenten verbessern. Das Ich durch mein Konsumverhalten die Welt verbessern muss, ist Teil der Ideologie des »Neoliberalismus«.52 Ob das in Wirklichkeit so ist, kann bezweifelt werden, denn die grundlegenden Wirtschaftsbegriffe verändern sich nicht durch das Konsumverhalten, sondern durch das Denken. Die aus der Ideologie des »Kapitalismus« stammenden Vorstellungen von Arbeit, Geld und Boden (und Produktionsmitteln) als Handelsware werden durch das Konsumverhalten nicht angetastet. Das Profitstreben und die damit verbundene Ausbeutung von Mensch und Natur bleiben bestehen. Je mehr Leute Bio-Bananen kaufen, umso schneller werden die Produzenten dieser Bananen gezwungen sein, sich genauso schädlich zu Verhalten, wie zuvor die Nicht-Bio-Bananenproduzenten.
30 »Der Instinkt (von lat. instinctae naturae, wörtlich Naturtrieb, aus instinguere = anstacheln, antreiben, hineinstechen), ist eine angeborene Verhaltensweise, die mit der weisheitsvollen Gestaltung des physischen Leibes zusammenhängt, durch die sich dieser in rechter Weise in die Gesetzmäßigkeiten seiner Umwelt einfügt. Im Instinkt prägt sich der Wille unmittelbar gestaltend im physischen Leib aus.« (anthrowiki.at/Instinkt )
31 »Das Trauma sitzt im Nervensystem. In der Psychologie ist ein Trauma eine starke psychische Erschütterung. Das Erlebnis konnte nicht verarbeitet und integriert werden, da es diesen bestimmten Menschen in dieser bestimmten Entwicklungsstufe überforderte.« (de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie)
32 »Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, dass wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt. Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der Sinne. Wir stehen hier in jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, Geschlechtsverkehr und so weiter) kommt auf diesem Wege zustande. Das charakteristische des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst.« (Steiner, 1893, S. 126)
33 »Wir lassen auf die Wahrnehmung irgendeines Geschehens in der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen Geschmack. Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes zu handeln, das ist: der Takt wird zu seiner charakterologischen Anlage.« (Steiner 1893, S. 126)
34 »Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen. An die Wahrnehmung der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden. Solche Gefühle sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue, das Liebes- und Pflichtgefühl.« (Steiner, 1893, S. 126)
35 »Das Erleben des Menschen ist ein seelischer Vorgang mit hohem Gefühls- und Willensanteil, durch den sich das individuelle Ich mit einem erlebten Seeleninhalt so innig verbindet, dass im Erlebnis die in der bloßen Beobachtung gegebene Subjekt-Objekt-Spaltung weitgehend überwunden wird.« (https://anthrowiki.at/Erleben )
36 »Sympathie (von lat. sympathia; griech. συμπάθεια sympátheia „Mitgefühl") und Antipathie (griech. αντιπάθεια antipatheia „Gegengefühl, Abneigung“), die seelische Zuneigung und Abneigung, sind die beiden Grundkräfte, die in der Seelenwelt gestaltend wirken. Liebe ist die höchste Form der Sympathie, Hass die im höchsten Grad gesteigerte Antipathie.« (anthrowiki.at/Sympathie_und_Antipathie )
37 »Mache ich mich in meinem Urteil, in meinem Verhalten lediglich von diesem Gefühle der Lust, der Sympathie abhängig, dann stelle ich meine Eigenart in den Vordergrund;[...] Solange der Mensch in der Sinneswelt befangen ist, wirkt er besonders zurückstoßend gegen alle nicht sinnlichen Einflüsse. Der Lernende muß die Eigenschaft in sich entwickeln, sich den Dingen und Menschen gegenüber in deren Eigenart zu verhalten, ein jegliches in seinem Werte, in seiner Bedeutung gelten zu lassen. Sympathie und Antipathie, Lust und Unlust müssen ganz neue Rollen erhalten. Es kann nicht davon die Rede sein, daß der Mensch diese ausrotten soll, sich stumpf gegenüber Sympathie und Antipathie machen soll. Im Gegenteil, je mehr er in sich die Fähigkeit ausbildet, nicht also gleich auf jede Sympathie und Antipathie ein Urteil, eine Handlung folgen zu lassen, eine um so feinere Empfindungsfähigkeit wird er in sich ausbilden. [...] Wer sich in dieser Richtung ausgebildet hat, der empfindet feiner nach allen Seiten hin als andere, weil er sich nicht von sich selbst zur Unempfänglichkeit verführen läßt.« (Steiner 1904, S. 154-155)
38 »Begrifflich ist das Fühlen zu unterscheiden von der mehr triebhaft-willensartigen Emotion, obwohl diese Differenzierung im unmittelbaren Erleben oft nicht klar genug erkannt wird.« (anthrowiki.at/Fühlen )
39 »Ein Affekt (lat. affectus, von afficere „einwirken, behandeln, antun“; griech. πάθος pathos „Leiden, Leidenschaft“) ist eine meist von außen angestoßene relativ kurzzeitige Gemütsregung, die eine mehr oder weniger heftige Emotion mit psychosomatischen Folgen auslöst und von hoher Ausdruckskraft (z.B. ein Lächeln als Ausdruck der Sympathie, eine geballte Faust als Ausdruck des Zorns) ist, begleitet von unwillkürlichen körperlichen Reaktionen (z.B. Erbleichen vor Angst oder Erröten vor Scham) und einer starken Handlungsmotivation (z.B. vor Zorn mit der Faust auf den Tisch zu schlagen). Dazu kommt eine eingeengte Wahrnehmung („Tunnelblick“), eine Trübung des Urteilsvermögens und eine mangelnde Willenskontrolle.« (anthrowiki.at/Affekt )
40 »Unter einer Meinung oder Auffassung wird in der Erkenntnistheorie eine von Wissen und Glauben unterschiedene Form des Fürwahrhaltens verstanden. [...] Das Meinen [ist] ein Fürwahrhalten, dem sowohl subjektiv als auch objektiv eine hinreichende Begründung fehlt. Dadurch unterscheidet sich das Meinen vom Glauben und vom Wissen. Von Glauben spricht man, wenn jemand eine Aussage für wahr hält, ihre Wahrheit also subjektiv als gesichert erscheint, obwohl der Glaubende keine objektiv zureichende Begründung dafür angeben kann. Der Unterschied zum Wissen besteht darin, dass der Wissende nicht nur von der Wahrheit der Aussage überzeugt ist, sondern auch über eine objektiv zureichende Begründung dafür verfügt.« (de.wikipedia.org/wiki/Meinung )
41 »Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen. Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden. Vorstellungen werden dadurch Motive, dass wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger modifizierter Gestalt immer wiederkehren.« (Steiner 1894, S. 127)
42 »Ein Vorurteil ist im weitesten Sinn ein Urteil, das in einer gegebenen Situation nicht durch das aktuelle Denken nach einer gründlichen Untersuchung der Sachlage gefällt wird, sondern gewohnheitsmäßig mehr oder weniger fertig dem Gedächtnis entnommen ist. Da Vorurteile sehr fest im Leib sitzen, sind sie entsprechend schwer zu ändern und werden als mehr oder weniger unverrückbare Tatsache gewertet. [...] Eine mildere Form des Vorurteils, die einen weniger zwanghaften Charakter hat und weniger unmittelbar das Handeln impulsiert, ist die Voreingenommenheit oder Befangenheit. Vorurteile erleichtern oder ermöglichen überhaupt erst die rasche Orientierung im Alltagsleben, behindern aber umgekehrt auch jede tiefergehende neue Erkenntnis.« (anthrowiki.at/Vorurteil )
43 »Die Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken, gibt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge. Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, das ist durch unseren Vorstellungs- und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir gegenwärtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält. Mein Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind. Diese hängt wieder ab von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen, das ist von dem subjektiven und dem objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz. Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. … Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht kommen. Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens; meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine Tätigkeit zu richten.« (Steiner 1893, S. 125)
44 Peter Sloterdijk [ˈsloːtɐˌdaɪk] (* 26. Juni 1947 in Karlsruhe) ist ein deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Publizist, der mit seinen Beiträgen und Büchern in Deutschland zahlreiche Debatten ausgelöst hat. Er lehrte bis 2017 an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Philosophie und Ästhetik. (https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Sloterdijk )
45 »Als Motiv werden in der Psychologie latente Bewertungsdispositionen für Ziele bezeichnet. […] Seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Begriff des Motivs vom Begriff der Motivation zu unterscheiden, die als variable, zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Handlungsbereitschaft definiert ist.« (https://de.wikipedia.org/wiki/Motiv_(Psychologie) )
46 Die »Philosophie der Freiheit« unterscheidet zwischen dauerhafter »Triebfeder« und augenblicklichem »Motiv«. Die »Triebfedern« entsprechen dem, was hier als »persönliche Muster« beschrieben wird. Sie sind die bestehenden und dauerhaften Prägungen. Im heutigen Sprachgebrauch entspricht die »Triebfeder« aber dem »Motiv«. Es macht die Sache nicht leichter, dass das was in der »Philosophie der Freiheit« als augenblickliches vorstellungsmäßiges »Motiv« bezeichnet wird, heute dem Begriff der »Motivation« entspricht, der auch hier verwendet wird: »Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Triebfeder. Das Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungsgemässer Faktor; die Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar bedingte Faktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums. Motiv des Wollens kann ein reiner Begriff oder ein Begriff mit einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine Vorstellung. Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu Motiven des Wollens, dass sie auf das menschliche Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen.« (Steiner 1894, S. 124)
47 »Das Prinzip, durch sein Handeln die größte Summe eigener Lust zu bewirken, das ist: die individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus. Diese individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, dass man in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt (reiner Egoismus),…« (Steiner 1894, S. 129)
48 »… oder dadurch, dass man das Fremde wohl aus dem Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen fremden Individualitäten einen günstigen Einfluss auf die eigene Person verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral).« (Steiner 1894, S. 129)
49 »Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein, sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem System sittlicher Prinzipien. Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe das sittliche Leben regeln, ohne dass der Einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert. Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit. Die Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, das ist die sittliche Autorität, die wir anerkennen. Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche Autonomie). Wir vernehmen dann die Stimme in unserem eigenen Inneren, der wir uns zu unterwerfen haben. Der Ausdruck dieser Stimme ist das Gewissen. (Steiner 1894, S.130)
50 »Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem irgendeine Maxime des Handelns als Motiv in ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1. das größtmögliche Wohl der gesamten Menschheit rein um dieses Wohles Willen; 2. der Kulturfortschritt oder die sittliche Entwicklung der Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein intuitiv erfasster individueller Sittlichkeitsziele. Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt.« (Steiner 1894, S. 130)