Dieser Artikel beleuchtet, wie durch kreatives Denken echte, zukunftsgerichtete Motivation entsteht, die sich von bloßen Mustern der Vergangenheit löst. Er beschreibt den Weg der geistigen Selbstbestimmung über drei Ebenen: die imaginative, inspirative und intuitive Ebene. Dabei wird erklärt, wie durch bewusste Absicht und Einsicht individuelle Begriffe gebildet und erweitert werden können. Ein zwölfstufiger Prozess zeigt praktisch auf, wie man durch Reflexion und intuitives Begreifen Klarheit über eigene Ziele gewinnt und die Zukunft aktiv gestaltet.
von Michael Plein | Frühjahr 2024
Motivationen sind gegenwärtig, ihr Ursprung kann entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. Lasse Ich die Motivationen von gestern hinter mir, stehe Ich an der Schwelle zur Zukunft zunächst vor dem Nichts. Die Motivation der Zukunft bildet sich nämlich nicht aus einer bisherigen Erfahrung oder einem bestehenden Wissen, sondern aus der individuellen Einsicht in den Sinnzusammenhang der Situation.
Die Motivation ist augenblicklich, das heißt, es passiert etwas in der Gegenwart, im Zentrum meines Ich-Bewusstseins. Die Gegenwart ist das, was Ich für die Dauer eines Augenblicks erlebe. Ein Augenblick ist die Zeit zwischen zwei Wimpernschlägen, was ungefähr solange dauert wie ein Atemzug, vier Pulsschläge oder gute drei Sekunden. In diesem Moment bilde Ich eine Vorstellung, ein inneres Zielbild, dass Ich vor mich hinstelle und – wenn Ich es will – in eine Aktion umsetze, um das gewünschte Ziel in der Realität herzustellen.
Ratschläge wie »Sei im Hier und Jetzt!«, »Komm in deine Mitte!«, »Denk nicht soviel über das was war oder was werden wird nach, lebe in der Gegenwart!«, werden heute oft gegeben. Dabei ist zu bedenken, dass es eine Gegenwart, eine Geistesgegenwärtigkeit, ohne ein Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft nicht geben kann.
Das Diagramm zeigt im Mittelpunkt die Position des Ich in seiner Mitte, in der Gegenwart, zwischen dem von unten kommenden Vergangenheitsstrom (aufrecht stehendes Dreieck) und dem von oben kommenden Zukunftsstrom (auf der Spitze stehendes Dreieck). Diese Position ist genau der Punkt, an dem Außen und Innen, Vergangenheit und Zukunft, Körper und Geist, Vorstellung und Begriff zusammentreffen und meine augenblickliche Motivation bewusst wird.53
Ohne Vergangenheit und Zukunft und dem dazwischen liegenden Ich-Bewusstsein, ist kein Verständnis von einer Mitte, Gegenwart oder einem Augenblick möglich. Insbesondere wenn die Zukunft nicht in betracht gezogen wird, fällt die Gegenwart direkt wieder in die Vergangenheit zurück.
An dem Nullpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist es wichtig, die Zukunft ernst zu nehmen. Die Zukunft ernst nehmen heisst, sie nicht als eine Verlängerung bisheriger Erfahrung oder eine Hochrechnung empirisch gesammelter Daten zu verstehen, sondern die Zukunft als eine geistige Wirklichkeit zu begreifen, die sich innerlich schon ankündigt, die aber äußerlich, in Raum und Zeit, noch nicht materialisiert ist. Diese Zukunft erkennen wollen, heisst dann aber, alles was materialisiert ist, was schon besteht, zumindest im Gedankenexperiment, wegzulassen. Ich muss in meinem Bewusstsein ein Vakuum, einen Freiraum erzeugen, damit die Zukunft hereinkommen kann.54 Damit bleibt aber zunächst nichts mehr übrig. Meine persönlichen Muster, meine bisherigen Motivationen und meine Identifikation mit diesen fallen zusammen – sie fallen zusammen wie ein Kartenhaus.55
An der Schwelle zur Zukunft erlebe ich eine Bodenlosigkeit, weil alles woran Ich mich bisher orientiert habe in Frage steht. Ich stehe an der Schwelle zur Zukunft vor etwas, wie einem »Nichts« in dem aber das gesamte zukünftige Potenzial enthalten ist. Ich stehe vor einer lichtvollen Dunkelheit und vor einer Umkehrung der Zeit und des Denkens. Dieser Nullpunkt, der genau das Zentrum des Diagramms darstellt, ist ein Punkt der Freiheit von Selbstverständlichkeiten und Befindlichkeit, ein Punkt von Glaubens-, Wissens- und Meinungsfreiheit56, von Vorstellungslosigkeit – eine totale Bildlosigkeit.57 Hier kann Ich das was geworden ist, hinter mir lassen und das kreative, in die Zukunft gerichtete Denken kann beginnen, ganz neue Bilder, also Motivationen aus der Zukunft hervorzubringen.
Das Diagramm zeigt mit dem unteren Pol eine Situation, die mir gegenübersteht und mit der Ich versuche moralisch und sinnvoll umzugehen. Normalerweise werden durch die Reflexion bereits persönliche Muster angestoßen, woraus eine mehr oder weniger unbewusste Reaktion folgt. Außerdem »spült« die Reflexion bestimmte bestehende Motivationen in mein Bewusstsein, aufgrund derer Ich mich für eine bestimmte Aktion entscheide. Solange Ich mir über meine Muster und Motive halbwegs klar bin und die daraus folgenden Aktionen funktionieren, ist dieser Vorgang in Ordnung. Wenn mein Verhalten nun aber unmoralisch und unsinnig wird, es nicht mehr funktioniert und nicht mehr in Ordnung ist, wenn andere oder Ich selbst darunter leiden, wenn der Schlamassel immer größer wird, dann komme Ich mit dem was »realistisch« ist nicht mehr weiter. Ich muss dann auf neue Ideen kommen. Das bedeutet Ich muss das kreative Denken in Bewegung bringen und die Zukunft entdecken.
Das Diagramm zeigt, wie vom Mittelpunkt und der Schwelle aus, das blaue Dreieck Richtung des oberen Ideen-Pols aufgeht. Dieses Dreieck symbolisiert die Zukunftsperspektive und meine Öffnung und Hingabe an die Zukunft. Diese Perspektive richtet sich in das Feld der Kreativität, das auch als ideelle Sphäre bezeichnet werden kann. Dieses Feld hat zunächst keinen Bezug zur Realität meiner persönlichen Muster und bestehenden Motivationen. Das bedeutet, Ich kann von hier aus ganz neue, ideale, sinnvolle Möglichkeiten hervorbringen.58
[Noch nicht ausformulierter Entwurf: Mein seelisches Bild von der Situation umformen in eine Frage /// Eine gute Frage sollte man nicht mir einer vorschnellen Antwort verderben. // Damit bleibt aber erstmal nichts gewohntes mehr über. 59
Führungskraft = moralische Phantasie = Ethischer Individualismus /// Wenn nicht mehr nach Nützlichkeit, Gewohnheit, Bequemlichkeit, Normen und Gesetzen oder Ideologien entschieden wird, wie dann? /// Wovon lasse Ich mich dann leiten, also führen? Also von meiner Führungskraft. Davon haben die einen mehr die anderen weniger. Das fällt machen leichter, manchen schwerer. Ausgehend von der augenblicklichen Situation, nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft einzusehen, was das richtige, sinnvolle zu tun ist. /// Ich kann das aber üben, wie im folgenden beschrieben wird. Die Quelle der individuellen Führungskraft sind allgemeine Begriffe. Das heisst, dass nicht jeder aus egoistischen Gründen macht was er will, sondern aus wirklicher Einsicht in die Ideale und Ideen, wo sich die Menschen dann wieder treffen, sich einig werden, weil diese allgemein sind. Eine verbindliche Information, eine Kommunikation (gemeinsam machen) über die Begriffe. Widerspruch von Individualität und Gemeinschaft/Sozialem. Wo kommen wir dahin, wenn hier jeder macht was er will?!60]
Ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit dem kreativen Denken ist Selbstbestimmung. Selbstbestimmung bedeutet hier nicht, dass Ich mache, was Ich aus persönlicher Sicht, aus meinen Vorstellungen und Vorurteilen heraus will. Selbstbestimmung heißt, dass Ich mich durch Einsicht von zukünftigen Möglichkeiten und guten Ideen vom oberen Pol bestimmen lasse. Ich überzeuge mich selbst, ich lasse mich durch meine Einsichten führen. Diese Art der inneren Führung ist eine Selbstführung, denn derjenige, der mich hier führt und bestimmt bin Ich selbst – es ist mein »zukünftiges Ich«. Paradoxerweise bestimmt mein gegenwärtiges »Ich« im Zentrum der Grafik, dieses »Zukunfts-Ich« am oberen Pol, durch seine Absicht selbst.
Selbstbestimmung heißt also, dass Ich mich vom Zukünftigen bestimmen lasse, was aber nichts Fremdartiges, sondern etwas Eigenartiges ist – Ich bin es selbst, Ich weiss es nur noch nicht. Das bedeutet, Ich selbst bestimme aus dem Feld der Kreativität heraus, wie und was Ich denke, wer Ich eigentlich bin und was Ich wirklich will. Ich bestimme, was Ich im Laufe meines Lebens der Welt hinzufügen will, um sie zu verbessern. Ich bestimme, wie Ich die Zukunft gestalte – das ist kreative Freiheit.
Im Freiheitsprozess wird oft das »Ich« betont. Damit ist nicht bloß ein Ich mit persönlichen und subjektiven Sichtweisen gemeint, sondern ein Ich, dass darüber hinausgeht. Deshalb wird das Ich hier auch konsequent groß geschrieben. Die lateinische Vorsilbe »trans« bedeutet »jenseits, über, hinaus«. Transsubjektiv bedeutet also einfach, dass das Ich eine Perspektive und ein Denken entwickelt, dass über das persönliche und subjektive hinausgeht. Eine wichtige Übung im Freiheitsprozess, ist es, sich auf den überpersönlichen und transsubjektiven Charakter des kreativen Denkens und der Zukunft einzulassen. Das Denken im Feld der Kreativität passiert nämlich nicht im Gehirn61, sondern es bezieht sich auf ein allgemeines geistiges Informationsfeld62, dass in manchen Zusammenhängen morphogenetisches Feld63 genannt wird. Im Freiheitsprozess wird dieses Feld als »Feld der Kreativität« benannt oder einfach als Geist. Dieses Feld beinhaltet die Zukunft, denn es ist jenseits der materiellen und bereits bestehenden Vergangenheit. In dieser Zukunft liegen die zukünftigen Möglichkeiten, das kreative Potenzial, die neuen Ideen, die durch den oberen Pol des Diagramms symbolisiert werden. Die Ideen sind wie Informationsfelder, die immer und überall vorhanden sind, denn das geistige ist raum- und zeitfrei.64 Jeder Mensch kann, an jedem Ort und zu jeder Zeit, durch sein Denken darauf zugreifen. Jedes Ich kann diesen Feldern durch Absicht etwas hinzufügen und durch Einsicht etwas von dort empfangen. Ich bestimme durch mein Denken die Zukunft und werde zugleich von ihr bestimmt. So wird die Welt durch das Denken gestaltet.65
»Die objektive Welt, die wie ein Uhrzeiger voranschreitet, ist eine Illusion unseres Denkens. Das Universum ist ein bewusstes Universum, und die Welt wird vom Bewusstsein erzeugt. Das Bewusstsein ist etwas transzendentales – außerhalb von Raum und Zeit, auf keinen Ort beschränkt, sondern alles durchdringend. Es ist die einzige Realität. [...] das Universum hat Sinn, Zweck und Richtung.« — Prof. Amit Goswami; Physiker, Professor am Institut of Theoretical Science der University of Oregon66
Das, was im Feld der Kreativität und insbesondere am Pol der kreativen Freiheit vor sich geht, ist also weder objektiv, noch subjektiv, noch intersubjektiv – sondern es ist ein Geschehen jenseits davon, es ist transsubjektiv. In diesem oberen Pol liegt damit die Kreativität und die Zukunft des ganzen Menschheitskosmos verborgen – und damit eröffnet sich ein großartiges Potenzial. Ich kann mich selbst und das, was Ich wirklich will, im Welt-Zusammenhang verstehen. Ich kann die notwendigen Erkenntnisse und Fähigkeiten selbst hervorbringen. Will Ich mir dieses Potenzial eröffnen, ist es wichtig, die »Struktur« im Feld der Kreativität genauer zu kennen. Dazu wird im Folgenden Abschnitt das Feld der Kreativität in die imaginative, inspirative und intuitive Ebene unterschieden.
«Wir stellen fest, dass die universelle Verbindung zwischen Dingen durch empirische Nachweise so offensichtlich war, dass niemand mehr daran zweifeln kann. [...] Jeder Mensch, jedes Tier, jedes Individuum, jeder Gegenstand ist eine Manifestation einer tieferen Energie, einer tieferen Ordnung, einer tieferen Wirklichkeit, die nicht manifest ist». — David Bohm, Quantenphysiker und Philosoph, Universität Princeton
In diesem Abschnitt werden eine ganze Reihe Begriffe in den Freiheitsprozess eingeordnet, die in den vorgestellten Bedeutungen und Zusammenhängen normalerweise nicht gesehen werden. Viele Begriffe erhalten im Folgenden eine erweiterte und neue Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, die Begriffe willkürlich »umzudefinieren«, sondern ihre wirkliche Bedeutung zu erkennen. Die Bedeutung der Begriffe geht im Feld der Kreativität logischerweise über die alltägliche Bedeutung hinaus, weil hier etwas Neues entwickelt wird. Es ist der Versuch, etwas Inneres, ein antimaterielles Feld, eine zukünftige Art des Denkens zu beschreiben, die eben jenseits der Alltagserfahrung, der banalen Betrachtungen und des rationalen Denkens liegt. Deshalb sind die Beschreibungen zum Teil komplex, das heißt unüberschaubar.
Die erste Orientierung in diesem komplexen Zukunfts-Felds ermöglicht die Unterscheidung in drei Ebenen: die oberbewusste imaginative Ebene, die höherbewusste inspirative Ebene und die überbewusste intuitive Ebene. Im Diagramm ist zu erkennen, dass diese sich mit den Ebenen der persönlichen Muster spiegeln:
die leibliche mit der intuitiven Ebene, die emotionale mit der inspirativen Ebene und die mentale mit der imaginativen Ebene. Die Idee der Spiegelung kann das Verständnis erleichtern, indem Ich alles was außen und körperlich ist, gedanklich umkehre in das was innen und geistig ist. So wie Ich auf der leiblichen Ebene Gegenstände mit den Händen ertaste, begreife Ich auf der intuitiven Ebene Ideen mit dem Denken. So wie Ich auf der emotionalen Ebene meine subjektiven Zu- und Abneigungen zu einer Situation fühlen kann, kann Ich auf der inspirativen Ebene objektiv fühlen, ob ein Begriff stimmt oder nicht stimmt. So wie mir von der mentalen Ebene vergangene Erinnerungsvorstellungen ins Bewusstsein kommen, kommen aus der imaginativen Ebene werdende Zukunftsbilder.
Das Diagramm zeigt die Vernunft als »Start- und Landeort« für die Reise durch die drei Ebenen des höheren Denkens bis hin zum oberen Pol der Ideen. Die Vernunft verbindet sich mit dem Ideen-Pol durch eine Absicht. Der Ideen-Pol stellt seinerseits die Verbindung über die Einsicht her. Die Vernunft bewirkt eine Absicht, indem sie offen und unvoreingenommen in Kontakt mit den höheren Ebenen und dem oberen Pol geht und dazu sozusagen etwas aussendet. Wenn das gelingt, sendet der obere Pol durch die drei Ebenen etwas zurück, was von der Vernunft dann in Zusammenhang gebracht und bewusst werden kann. Für alle drei Ebenen wird nun genauer charakterisiert, wie die Absicht und die Einsicht geübt werden kann.
Die erste Ebene oberhalb der Vernunft ist die imaginative Ebene.67 Imaginativ kommt vom lateinischen Wort »imago« und bedeutet Bild, Einbildung, Einbildungskraft, Phantasie und bildhaft anschauliches Vorstellen. Auf dieser Ebene geht es darum, unrealistische innere Bilder im Denken zu entwickeln und diese mit dem inneren geistigen Auge anschaulich wahrzunehmen. Ich bezeichne die imaginative Ebene als oberbewusst, weil sie oberhalb der konzentrierten Vernunft liegt und sie eher einen unkonzentrierten Zustand darstellt – so ähnlich wie bei einem Tagtraum. Nur ist es auf der imaginativen Ebene kein Traum aus der Vergangenheit, sondern ein Traum aus der Zukunft. Das Imaginative reicht bis an die Vernunft heran, was das Diagramm durch die kleine grüne Schleife zeigt, die vom oberen Pol durch die imaginative Ebene wieder zum oberen Pol verläuft.
Auf der imaginativen Ebene kann Ich meine Absicht durch sogenannte »Entbildung« verstärken. Das bedeutet, ich sehe ab von meiner Bildung, von dem, wozu Ich ausgebildet wurde, auch wenn Ich dafür noch so hart gearbeitet und studiert haben mag. Zur Entbildung pflege Ich das Fragen, das Entlernen und Besonnenheit. Besonnenheit heißt, trotz Kostendruck, Krise oder Dringlichkeit, voreingenommenes und unüberlegtes Denken und Handeln zu vermeiden – stattdessen konzentriere Ich mich in Ruhe auf das kreative Denken.
Entlernen bedeutet das Gegenteil von Erlernen, nämlich etwas mental Erlerntes, Gewusstes, Gekonntes bewusst zu verwerfen, um die Kapazität und Offenheit meines Denkens zu erweitern. Unkonventionelle Fragen stellen, statt immer nur fertige Antworten zu geben, ist ebenfalls eine gute Übung. Dazu gehört auch, einfache, skurrile oder radikale Fragen auszuhalten, vor allem, wenn diese zunächst ohne Antwort bleiben.
Die Einsichten durch die imaginative Ebene haben den Charakter einer Einbildung. Damit ist nicht die eventuell negativ besetzte Vorstellungen von der Einbildung gemeint. Mit Einbildung ist im Freiheitsprozess das Hervorbringen von inneren Bildern, durch Symbole, Geometrie und Gesicht gemeint. Mein »Ge-Sicht« ist die Gesamtheit meines Sehvermögens – dazu gehören vor allem auch mein inneres Licht68, mein geistiges Auge69, Imaginationen und innere Sinnbilder70. Teil der Einbildung sind oft einfache geometrische Formen: Kreise, Dreiecke oder auch geometrische Körper. Das sind symmetrische und ideale Formen, die bestimmte Gedanken repräsentieren. Sie haben einen symbolischen Charakter und sind damit mehr als eine bloße Form. Sie tragen in sich die Wirklichkeit und die weite Bedeutung der zukünftigen Möglichkeiten und guten Ideen vom oberen Pol – so wie das Diagram vom Freiheitsprozess.
Über der imaginativen Ebene kommt dann die höherbewusste inspirative Ebene. Inspirativ71 kommt vom lateinischen »inspiratio«, was »Beseelung« oder »Einhauchen« bedeutet. Das, was der obere Pol von sich gibt, wird hier auf eine leise Weise wahrnehmbar. Es ist wie ein Hauch und ein zarter Atem des Geistes, der in meine Seele weht. Und dieser zarte Hauch ist mir schon weniger deutlich bewusst, als noch die inneren Bilder der imaginativen Ebene. Das Diagramm zeigt durch die kleine grüne Schleife, die vom oberen Pol durch die inspirative Ebene verläuft, dass das Inspirative nicht direkt bis in das rote Feld des Ich-Bewusstseins gelangt – sondern es reicht bis an dessen Randbereich. Das bedeutet, das Inspirative liegt etwas höher, es ist »höherbewusst« und hat damit eher den Charakter von traumartigen und gefühlsmäßigen Stimmungen.
«Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.» — Wünschelrute , Gedicht Josephs von Eichendorff
Die Absicht auf der inspirativen Ebene übe Ich durch bewusstes »Verstimmen« – durch die Übung von Spekulation, Paradox oder Verdrehung. Die Verdrehung ist eine Übung, bei der Ich Gedanken oder Aussagen, die für mich stimmen oder die Ich für selbstverständlich halte, gezielt ins Gegenteil verdrehe. Teil der Übung ist es auch, es auszuhalten, wenn meine Aussage dadurch merkwürdig und unzumutbar wird.
Die Paradox-Übung geht noch einen Schritt weiter: Ich versuche statt des in der Verstandestätigkeit üblichen »Entweder-Oder«, das »Sowohl-Als-Auch« zu denken. Ich bilde Aussagen, die einen Widerspruch in sich enthalten, der zunächst nicht auflösbar scheint. Das folgende Zitat ist ein schönes Beispiel dafür:
»Der Mensch ist zur Freiheit bestimmt, das hat er selbst bestimmt, er weiss es nur noch nicht.« — Johannes Stüttgen72
Eine weitere Steigerung ist die Spekulation73. Hier denke Ich jetzt an das »Weder-Noch-Und-Etwas-Ganz-Anderes«. Spekulation ist eine Übung zu Erkenntnissen zu gelangen, indem man über die herkömmliche empirische oder praktische Erfahrung hinausgeht und das Denken auf das Wesen der Dinge und ihre Ideen richtet. Das oft verpönte »theoretische« kommt vom griechischen »theoria«74 und bedeutet im eigentlichen Sinn Anschauung, Einsicht oder sogar Gottesschau.
Im Lateinischen wurde »theoria« durch »speculatio« übersetzt und bedeutete gleichzeitig auch »contemplatio«75 – eine auf die innere geistige Welt und ihre Ideen gerichtete Haltung von Ruhe und Aufmerksamkeit. Umgangssprachlich ist mit Spekulation oft gemeint, dass man etwas behauptet, was man nicht belegen kann, dem also die rationale Grundlage fehlt. Deshalb braucht Spekulation Mut, weil man schnell zum Außenseiter wird, wenn man anfängt zu spekulieren – aber im Freiheitsprozess ist das nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig.
Meine Einsichten auf der inspirativen Ebene, kann Ich durch inneres »Einstimmen« aufnehmen. Dazu übe Ich die Stimmung76 und das Gespräch77, also das Gehör. »Ge-hör« bedeutet, die Gesamtheit meines Hörvermögens zu üben – ich lasse mich von meinem inneren Ohr und meinem inneren Gefühl für Sprache und Stimmung überzeugen. Und Ich überzeuge mich selbst davon, dass Ich zu einem solchen inneren Gehör und Gefühl wirklich fähig bin. Ich höre also in das Geistige hinein und versuche in ein inneres Gespräch mit dem Feld der Kreativität zu kommen. Hier wird dann der sprachliche Charakter der Einsichten hervorkommen, indem Ich beginne meine Einfälle – vielleicht am Anfang noch stammelnd und undeutlich – in Worte zu fassen. Einsichten haben auch einen klanglichen Charakter, wobei mein innerliches Gespür für Stimmung besonders wichtig ist – durch dieses Gefühl kann Ich nämlich wahrnehmen, ob etwas stimmt oder nicht stimmt.
Die Stimmung auf der inspirativen Ebene ist also von besonderer Bedeutung bei der Frage, ob etwas richtig oder falsch, wahr oder unwahr, schön oder hässlich ist. Mein individuelles Gefühl dafür, ob etwas stimmt oder nicht stimmt, gibt mir sachdienliche Hinweise – als Beweis allein reicht es am Ende aber nicht aus. Landläufig wird dieses »Wahrheitsgefühl« als »Bauchgefühl« bezeichnet, obwohl da etwas nicht stimmt, weil Ich ja mit dem Herzen und nicht mit dem Bauch fühle. Mit dem oberflächlichen Begriff vom »Bauchgefühl«, werden das Leiblich-intuitive, das Herzlich-emotionale und das Inspirative unzulässig vermischt.
«Wenn das Fühlen vom Herzen in den Bauch rutscht, geht es meistens in die Hose.» — Bernhard, bei einem Vortrag im Jahr 2022
Die höchste Ebene im Freiheitsprozess ist die überbewusste und intuitive Ebene. Intuitiv78 meint, durch Intuition wirkend. Intuition kommt vom lateinischen »intuitio« und bedeutet »unmittelbare Anschauung«. Eigentlich ist damit ein allumfassendes Bewusstsein gemeint, durch das Ich die geistigen Geschehnisse im Feld der Kreativität direkt miterleben könnte.79 Das wäre also eine Art vollkommener Erleuchtung. Aber die intuitive Ebene ist überbewusst, sie liegt weit außerhalb meines wachen Ich-Bewusstseins, weshalb Ich – ohne die große Erleuchtung – nur einen schwachen Abglanz der zukünftigen Möglichkeiten und der neuen Ideen wahrnehmen kann. Das zeigt das Diagramm durch die kleine grüne Schleife, die vom oberen Pol durch die intuitive Ebene läuft. Aber immerhin kann Ich meine Absicht und Einsicht auf dieser Ebene und auf den näher am Bewusstsein liegenden Ebenen üben, weil Ich die Struktur des Freiheitsprozesses kenne. Das hat dann schon seine Wirkung, auch wenn Ich es noch nicht weiss.
Meine Absicht kann Ich auf der intuitiven Ebene durch »Loslassen« bewirken. Dazu übe Ich mich im Umgang mit Chaos, Stille und Komplexität. Komplexität zu üben, bedeutet, mich dem Unüberschaubaren, Weitergehenden und Allumfassenden hinzugeben. Ich lasse wirklich mal los – so gern Ich auch wüsste, was es mir nützen wird, was es am Ende bringt, wie lange es dauert oder was es kostet. Damit erreiche Ich Stille. Ich beruhige die kleine plappernde Stimme im Kopf. In den kurzen Momenten ihrer Wort- und Sprachlosigkeit können dann neue Ideen auftauchen. Zukünftige Möglichkeiten »emergieren«, sie steigen aus dem Chaos80 empor. Mit Chaos ist aber keine Unordnung, sondern eher eine Nicht-Ordnung gemeint. Das Chaos ist wie das weisse Rauschen, dass man im Radio auf den Frequenzen hört, auf denen keiner sendet – es ist das Potenzial jeder denkbaren Sendung.
»Bewusstsein ist ein kosmisches Phänomen, das so wesentlich und fundamental ist wie Energie. [...] Und es ist fundamentaler als Materie. [...] Es ist ein Faktor von Intelligenz im Kosmos. Es ist was das Universum ausmacht. [...] Alle Dinge, die sich in diesem Feld aus Raum und Zeit ereignen, dass wir Universum nennen, sind miteinander verbunden, denn sie sind alle Information.« — Prof. Dr. Ervin László, Wissenschaftsphilosoph und Systemtheoretiker81
Meine Einsicht übe Ich auf der intuitiven Ebene durch das sogenannte Begreifen. Ich lerne die Bedeutung von Begriff82, Einfall83 und Gedanken. Gedanken spiegeln mir das Übersinnliche. Wenn Ich die Transsubjektivität ernst nehme, dann sind die Gedanken auf dieser Ebene nicht meine persönlichen Gedanken. Sie sind nicht von den Synapsen in meinem Kopf hergestellt – sondern die Gedanken sind geistige Wahrnehmungen vom oberen Ideen-Pol. Sie sind Wahrnehmungen von Ideen, Idealen, Möglichkeiten im geistigen Feld. Ein Einfall ist der Anfang einer solchen geistigen Wahrnehmung – er ist der Anfang einer Einsicht. Der Einfall ist der erste Zipfel, an dem Ich etwas vom oberen Pol, von einer Idee zu fassen kriege, um es dann behutsam an mich heranzuholen und es genauer zu begreifen. Ich bilde mir dann einen Begriff. Der Begriff ist nicht bloß ein Wort, sondern die Bedeutung, der Inhalt hinter dem Wort – diese kann Ich durch eine Art des inneren Abtastens klarer hervorbringen. Damit erreiche Ich eine ganz neue Qualität des Verstehens. Ich stelle mich in die Ideen hinein und die Ideen stellen sich in mich hinein. Wir stehen nicht mehr auf unseren alten starren Positionen, sondern wir verstehen uns.
Auf der Grundlage der bis hierher bekannten Elemente des Freiheitsprozesses, will Ich in diesem Kapitel zeigen, wie Sie den Freiheitsprozess praktisch auf einen bestimmten Begriff anwenden können, um eine Bewusstseinsbildung zu erreichen. Ein Begriff ist dabei nicht dasselbe wie ein Wort. Ein Wort ist ein Symbol, eine Folge von Schriftzeichen oder Sprachlauten, eine äußere Form, die zunächst keine Information enthält. Der Begriff ist sehr viel mehr: er ist die durch Denken hervorgebrachte Bedeutung. Der Begriff ist das aus der Idee, aus der Information ohne Form entwickelte Bewusstsein. Der Begriff ist also mein Bewusstsein von einer bestimmten Sache und liegt in der Polarität zwischen der äußeren Form des Wortes und der inneren Information der Idee.
Begriffe stehen in der Regel im Zusammenhang mit anderen Begriffen und bilden Begriffsfelder. Zum Beispiel bildet sich um ein Paradigma ein Begriffsfeld. Das Paradigma ist die grundsätzliche Denkweise in einer Kultur oder einem sozialen Gefüge. Im bisherigen Paradigma sind zum Beispiel die Begriffe Materialismus, Naturwissenschaft, Realismus, Rationalität, Egoismus, Zufall oder Begrenzung vorherrschend. Das Paradigma ist Grundlegend für mein Weltbild. Mein Weltbild ist die persönliche Theorie von der Welt, die bei vielen Leuten auf dem Paradigma aufbaut. Auch durch den Orbit des eigenen Weltbildes schwirren Begriffe und bilden ein Begriffsfeld. Weil der Mensch in der Welt lebt, enthält dieses Begriffsfeld auch das Menschenbild – und auch das Selbstbild, also mein Bild von mir selbst ist enthalten, weil Ich ja ein Mensch bin.
Die wichtigsten Fragen im individuellen Freiheitsprozess sind: Wer bin Ich eigentlich? Was will Ich wirklich? Was ist meine kreative Lebensaufgabe? Welche einzigartigen Fähigkeiten habe Ich und welche Fertigkeiten kann Ich daraus verwirklichen? Was will Ich der Welt hinzufügen und hinterlassen was sie besser macht? Wie will Ich die Zukunft gestalten? Diese Fragen enthalten wieder ein ganzes Feld von Begriffen wie Wirklichkeit, Wille, Kreativität, Zukunft, Leben, Aufgabe, Einzigartigkeit, Fähigkeit, Fertigkeit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Welt, Hinterlassenschaft, Güte und viele mehr.
Beim Freiheitsprozess in Organisationen ist das Begriffsfeld ganz ähnlich, denn hier werden die Begriffe der individuellen Freiheitsprozesse der Mitarbeiter im sozialen Zusammenhang eines Teams und Unternehmens bearbeitet. Hinzu kommen Begriffe wie Idee, Produkt, Arbeit, Produktivität, Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit, Management oder Führung. Die Freiheitsprozesse der Unternehmen sind wiederum verwoben im Wirtschaftsleben und mit dem sozialen Ganzen. Hier eröffnet sich dann das momentan noch komplexeste Begriffsfeld und es tauchen zum Beispiel die Begriffe direkte Demokratie, vollständige Wissenschaft, wahre Kunst, freiwillige Arbeit, gutes Geld, wirkliche Freiheit, Recht und Gleichheit, Brüderlichkeit und Fortschritt auf.
Ganz allgemein habe Ich es mit Fachbegriffen zu tun, wenn Ich vor einer Herausforderung stehe und sich um eine Problem- oder Fragestellung herum die Begriffsfelder eröffnen. So gibt es also zahlreiche Begriffsfelder, die miteinander verflochten sind und so die Inhalte meines Ich-Bewusstseins bestimmen. Die einzelnen Begriffe sind dabei sozusagen die kleinste Bewusstseins-Einheit. Sie bestimmen – und begrenzen auch – mein Denken und mein Bewusstsein. Wenn Ich kreativ und frei denken will, ist es deshalb notwendig, dass Ich selbst die Begriffe bestimme – dass Ich sie bearbeite und erweitere. Begriffe sind wie die Keime für die Erweiterung meines Bewusstseins, für die Zukunft, die Kreativität und die Freiheit. Der individuelle Freiheitsprozess, der ein individueller Prozess der Bewusstseinserweiterung84 ist, bezieht sich immer auf die Erweiterung einzelner Begriffe. Werden einzelne Begriffe im Freiheitsprozess erweitert, wird dadurch die Erweiterung weiterer mit dem Begriff verwobener Begriffe und Begriffsfelder angestoßen. Die Arbeit mit Begriffen, die Begriffserweiterung bewirkt die Bewusstseinserweiterung. Dazu will Ich jetzt vorstellen, wie Ich durch den Freiheitsprozess einen Begriff in zwölf Schritten und mit zwölf Fragen bearbeiten kann.
In den vorausgegangenen Kapiteln habe Ich bereits die Ebenen im Feld der Realität und im Feld der Kreativität beschrieben. Wenn mir diese Struktur bewusst ist, kann Ich den Begriff entlang der schon vorgestellten Lemniskate Schritt für Schritt durch die Ebenen des Freiheitsprozesses bewegen, um ihn zu erweitern.
Dabei hat auch der Begriff selbst eine Innen- und eine Außenseite. Die Außenseite, der äußere Pol, ist der «persönliche Begriff».
Das kann mein persönlicher Begriff, aber auch die persönlichen Begriffe von anderen Leuten sein. Das sind die bestehenden Begriffe, die allgemeinen Vorstellungen, die Definitionen, die Fakten, das was Ich selbst und auch andere glauben, meinen oder wissen. Der innere Pol des Begriffs ist der «kreative Begriff». Das sind die zukünftigen Möglichkeiten und Bedeutungen, die neuen Ideen, die als Potenzial im geistigen Feld vorhanden sind und die durch kreatives Denken hervorgebracht werden können.
Ausgehend von dem persönlichen Begriff beginne Ich mit dem realistischen Denken und der Phase der Reflexion. Die folgenden drei Fragen werden durch den Verstand analysiert, das heisst Ich stelle mir diese Fragen und reflektiere in möglichst vielen Einzelheiten, was ich wahrnehmen und beobachten kann. Anstatt aber aus dieser Analyse gleich etwas zu schlussfolgern und zu handeln, lasse Ich das Reflektierte zunächst stehen.
1) Empfinden, leibliche Ebene, Reflexion: Welche Beobachtungen und Empfindungen habe Ich? Was habe Ich gesehen, gehört, gelesen? Welches gewohnheitsmäßige Verhalten kann Ich beobachten?
2) Erleben, emotionale Ebene, Reflexion: Welche Zuneigungen oder Abneigungen erlebe Ich? Erlebe Ich ein Wohlsein und Unwohlsein? Kann Ich Affekte oder Erregung beobachten? Tauchen Sentimentalitäten oder Romantik auf?
3) Erinnern, mentale Ebene, Reflexion: Was ist meine Meinung? Welche Glaubenssätze, welchen Glauben, welches subjektive Fürwahrhalten habe Ich zu der Sache? Was ist mein Wissen, welche objektiven Kenntnisse und Erkenntnisse habe Ich dazu? Welche Vorurteile, Vorstellungen, Voreingenommenheiten kann Ich erkennen?
Nach der bewussten Reflexion meines persönlichen Begriffs, also meines bisherigen und bestehenden Bewusstseins von einer Sache, kann Ich den Begriff nun erweitern. Statt also aus meinem reflektierten Begriff heraus in die nächste Aktion zu gehen, mache Ich jetzt bewusst den Aufstieg in das kreative Denken. Durch eine Haltung der Offenheit und Unvoreingenommenheit wende Ich meine Absicht in Richtung des kreativen Begriffs am oberen Pol. Der kreative Begriff repräsentiert alles das, was der persönliche Begriff noch nicht ist, aber werden will. Der kreative Begriff enthält neue Ideen und zukünftige Möglichkeiten. Diese werden am oberen Pol entwickelt und damit wird mein Begriff und mein Bewusstsein erweitert.
4) Entbildung, imaginative Ebene, Absicht: Von welchen welchen Glaubensätzen, Meinungen und Kenntnissen kann Ich mich trennen? Was will Ich verwerfen? Welche Forschungsfragen ergeben sich daraus? Wie kann Ich diesen Fragen mit Besonnenheit nachgehen? Wie halte Ich es aus, zunächst keine Antwort zu haben?
5) Verstimmung, inspirative Ebene, Absicht: Was würde es bedeuten den Begriff zu verdrehen und den genauen Gegensatz zu denken? Was würde es bedeuten, ein paradoxes «Sowohl-Als-Auch» zu denken? Was würde es bedeuten zu spinnen und mir das «Weder-Noch-Und-Etwas-Ganz-Anderes» vorzustellen?
6) Loslassen, intuitive Ebene, Absicht: Wie schaffe Ich eine Leere, Stille und Wortlosigkeit? Wie schaffe Ich einen solchen Zustand und wie schaffe Ich es ihn auch auszuhalten? Wie begegnet mir die Komplexität, das Chaos, das Rauschen, wenn Ich alles loslasse?
Habe Ich durch meine Absicht erfolgreich etwas in Richtung des kreativen Begriffs ausgesendet, dann wird dieser antworten und etwas zurücksenden – die Phase der Einsicht beginnt. Durch die drei folgenden Fragen, die das Begreifen, Einstimmen und Einbilden betreffen, kann Ich meine neuen Einsichten auf der Ebene der Vernunft verdichten – Ich kann mir Einsichten bewusst machen. Verdichten und bewusst machen bedeutet auch, dass ich auf vernünftige Weise nach den wirklichen Zusammenhängen und den inneren Qualitäten suche.
7) Begreifen, intuitive Ebene, Einsicht: Wie kann Ich den kreativen Begriff begreifen? Welche Einfälle habe Ich? Welche noch unklaren Gedanken und vagen Ahnungen kommen ins Bewusstsein?
8) Einstimmen, inspirative Ebene, Einsicht: Wie kann Ich mich auf den kreativen Begriff einstimmen? Was kann Ich innerlich fühlen, hören und abstimmen? Was stimmt nicht und was stimmt?
9) Einbilden, imaginative Ebene, Einsicht Wie kann Ich mir den kreativen Begriff einbilden? Welche inneren Sinnbilder, Symbole, Symmetrien oder Geometrien werden mir bewusst?
Sind meine Einsichten durch meine Vernunft soweit verdichtet, dass sie ausreichend geklärt und gereift sind, kann Ich sie meinen persönlichen Begriffen «hinzufügen». Dazu wechsle Ich durch den Abstieg zurück auf die Ebene des Verstandes. Hier entscheide Ich mich jetzt mit welchen neuen Bedeutungen Ich meinen persönlichen Begriff erweitern will. Die Bedeutungen, die Ich durch die Schleife des kreativen Denkens hervorgebracht habe, erweitern meinen Begriff – er ist jetzt nicht mehr der alte. Mein persönlicher Begriff bekommt eine neue Qualität, die sich durch meine Aktionen verwirklicht. Durch die folgenden drei Fragen kann Ich meinen persönlichen Begriff endgültig transformieren und auf die Erde bringen.
10) neue Vorstellung, mentale Ebene, Aktion: Welche neuen Vorstellungen sind entstanden? Welches neue Ziel will Ich wie erreichen?
11) neues Erleben, emotionale Ebene, Aktion: Wie kann Ich ein neues Erleben zu erzeugen? Welches Experiment oder welcher Versuch eignet sich dafür?
12) neue Routine, leibliche Ebene, Aktion: Welche neuen Routinen will Ich verwirklichen? Welche Fertigkeiten und Gewohnheiten müssen neu geübt und eingefleischt werden?
Ich bin jetzt recht knapp und schematisch durch diesen Prozess gegangen. Wenn Sie zu den einzelnen Ebenen weitere Beschreibungen brauchen, lesen Sie bitte noch einmal die Kapitel über die Ebenen im Feld der Realität und den Ebenen im Feld der Kreativität.
Das Schaubild mit den zwölf Fragen ist eine nicht ganz leichte, aber überschaubare Übung. Ich will Sie ermutigen, sich mit dieser Begriffsarbeit auseinanderzusetzen, denn Sie ist eine sehr praktische Anwendung des Freiheitsprozesses. Die Herausforderungen zur Bearbeitung von Begriffen sind manigfaltig: beim Nachdenken, beim Lesen, beim Fernsehen, in Gesprächen, am Hauptbahnhof und in vielen anderen Situationen.
53 »Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe.« (Steiner 1894, S. 129)
54 »Und so war die Bildverweigerung des Imi-Kreilrahmens ein zum Höchsten getriebener Energiezustand, nämlich das Freihalten einer kleinen Fläche des physischen Plans für ein höhere Bild.« (Stüttgen 1991, S. 72)
55 »Wir haben unter den Stufen der Charakterologischen Anlage diejenige als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische Vernunft wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet. Bei genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, dass auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, dass weder eine vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.« (Steiner 1894, S. 132)
56 Glaubensfreiheit und Meinungsfreiheit sind hier nicht im üblichen Sinne, der willkürlichen freien Wahl von Glaubensrichtungen oder Äußerung von Meinungen gemeint, sondern als die Befreiung von Glauben, Meinung und Wissen, um zum Denken zu kommen.
57 »Ihre Idee [der Deutschen Studentenpartei] zielte ab auf das Denken und ein von diesem allein (und nicht von irgendeiner anderen Instanz) und ganz neu erzeugten Bildvermögen, eben das, was „Imagination“ genannt wird und die Begriffe selbst zur Anschauung bringt. Zwischen diesem aber und jedem anderen Bildvermögen befindet sich ein Zustand von Bildlosigkeit. Er reinigt das Seelenterrain von allen alten und verbrauchten Bildern, Bildresten und Ideologien und macht es frei. Dieser Bildlosigkeitszustand entspricht der Außenseite des Denkens, bzw. seiner untersten Stufe, welche die Stufe des Todes und die des Verstandes, der Analyse, der Ration ist.« (Stüttgen 1991, S. 85)
58 Das höchste denkbare Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben) sucht. Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer anderen Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen. Wer dem sittlichen Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen. Wer sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es hier ebenso machen. Es gibt aber ein höheres, das in dem einzelnen Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder das andere Moralprinzip das wichtigere sei. Damit treten die anderen Motive von der leitenden Stelle ab und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben. (Steiner 1894, S. 131-132)
59 Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einfluss von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken. Es ist klar, dass ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu dem Gebiet der charakterologischen Anlagen gerechnet werden kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein Bewusstsein eintritt, das ist: gleichgültig ob er bereits als Anlage in mir vorhanden war oder nicht. (Steiner, 1894, S. 128)
60 »Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden. Dem einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sie sich mühselig. Die Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden. Wie ein Mensch handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen einer bestimmten Situation gegenüber wirkt. Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und zugleich das höchste Motiv dessen, der einsieht, dass alle anderen Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen. Man kann diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.« (Steiner 1894, S. 133-134)
61 »Der andere Bereich, der immer überzeugender ans Licht kommt, ist das Bewusstsein jenseits des Gehirns. [...] Bewusstsein endet nicht mit der Funktion des menschlichen Gehirns. Bewusstsein geht weiter, sogar wenn das Gehirn nicht länger arbeitet. [...] Ich nenne es das neue Paradigma, das neue Denkmuster. Es ist ein Umdenken, eine Neukonzeptionierung von alldem, an dass wir im Wesen unserer Welt glauben. Es ist nicht etwas, das man einfach dazu nimmt, es ist eine völlig neue Antwort auf die Frage: Was ist die Welt und wer sind wir? Es ist ein fundamental neues Konzept, das einige sehr alte Ideen der Menschheit wieder zurückbringt. Es ist aber zweifelsohne weit entfernt von der Newtonschen Physik und der Darwinistischen Theorie in der Biologie.« (Nelson/Kindel 2018, S. 168-172)
62 Der deutsche Physiker Thomas Görnitz (* 1943), ein langjähriger Mitarbeiter von C. F. Von Weizsäcker, prägte den Begriff der Protyposis (griech. προτύπωσις „das Vorbilden“). So bezeichnet er abstrakte bedeutungsfreie Bits von Quanteninformation (AQI-Bits), die von ihm als Basis der kosmischen Evolution angesehen werden und die gemeinsame Grundlage von Materie, Energie und Information darstellen. (Görnitz 2008, S. 19)
63 Als morphisches Feld (engl. „morphic field“), ursprünglich auch als morphogenetisches Feld, bezeichnet der britische Biologe Rupert Sheldrake ein hypothetisches Feld, das als „formbildende Verursachung“ für die Entwicklung von Strukturen sowohl in der Biologie, Physik, Chemie, aber auch in der Gesellschaft verantwortlich sein soll. (Sheldrake 2015, S. 136-139)
64 »Das Diaphainon reiht sich also weder in eine Symbolik noch in eine Methodik ein; es ist weder psychisch noch mental, noch ist es magisch abstempelbar. Im Menschen und durch den Menschen hindurch mit sichtbar werdend, ist es der Ausweis einer neuen Mutation, durch welche die vorhergehenden raumzeitlichen Entfaltungen, wie sie sich in der zunehmenden Dimensionierung des Bewusstseins darstellten, integriert und „sinnvoll” werden. [...] die Bewusstwerdung der Ursprungsgegenwärtigkeit [...] mutiert [...] in ihm [dem Menschen] aus ihrer Vorräumlichkeit und Vorzeithaftigkeit zu einer sich im menschlichen Sich wirkend darstellenden raumfreien und zeitfreien Gegenwärtigkeit des Ursprünglichen.« (Gebser 1986, S. 202-203)
65
66 Kindel/Nelson 2018, S. 117-120
67 Imagination (lateinisch imago „Bild“) ist synonym mit Einbildung, Einbildungskraft, Phantasie, bildhaft anschaulichem Vorstellen. Darunter wird die psychische Fähigkeit verstanden, sinnlich nicht gegenwärtige sog. innere Bilder im Geiste zu entwickeln oder sich an solche zu erinnern, sie zu kombinieren und diese mit dem inneren geistigen Auge anschaulich wahrzunehmen. Es fehlt ihnen der Realitätscharakter, d. h. das Wissen um das Vergegenwärtigen von aktuell in der Außenwelt nicht Vorhandenem. (de.wikipedia.org/wiki/Imagination )
68 Der Wärmesinn ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Wärmesinn )
69 Der Sehsinn ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Sehsinn )
70 Der österreichische Physiker, Nobelpreisträger und Mitbegründer der Quantentheorie Wolfgang Pauli (1900-1958) hat davon sehr deutlich etwas geahnt. »Wenn man die vorbewusste Stufe der Begriffe analysiert, findet man immer Vorstellungen, die aus „symbolischen“ Bildern mit meist starkem emotionalen Gehalt bestehen. Die Vorstufe des Denkens ist ein malendes Schauen dieser inneren Bilder, deren Ursprung nicht allein und nicht in erster Linie auf die Sinneswahrnehmungen zurückgeführt werden kann…« (Meyenn 1993, S. 496f)
71 Inspiration f. ‘Eingebung, Erleuchtung’, Übernahme (16. Jh.) von lat. īnspīrātio (Genitiv īnspīrātiōnis) ‘Eingebung’, eigentlich ‘das Einhauchen’, Abstraktum zu lat. īnspīrāre ‘einhauchen, einflößen’, woraus im 16. Jh. inspirieren Vb. ‘anregen, eingeben, erleuchten’ entlehnt wird; vgl. vereinzelt schon mnd. inspirēren (15. Jh.). (https://www.dwds.de/wb/Inspiration , Abruf 14.8.2024 16:00)
72 Quelle?
73 von latein speculari, „beobachten“
74 von griech. θεωρία „Betrachtung, Anschauung, Einsicht“; ursprünglich „Gottesschau“
75 von lat. contemplari „anschauen, betrachten“
76 Der Gehörsinn oder Tonsinn ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Gehörsinn )
77 Der Sprachsinn, auch Wortsinn oder Lautsinn genannt, ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Sprachsinn )
78 Intuition (von mittellateinisch intuitio = unmittelbare Anschauung, zu lateinisch intueri = genau hinsehen, anschauen) ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes, also etwa ohne bewusste Schlussfolgerungen.
79 Er wird in demjenigen, das als Denken im Bewusstsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit. Und von dieser kann er sagen, dass sie ihm durch Intuition im Bewusstsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfasst werden. (Steiner 1894, S. 122)
80 Das Chaos (griech. χάος cháos, von χαίνω „klaffen, gähnen“) ist ein Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung und damit der Gegenbegriff zu Kosmos, dem griechischen Begriff für Ordnung. Während der Kosmos der Inbegriff der geschaffenen Welt, der Schöpfung, des Seins überhaupt, ist, lebt im Chaos das noch Ungeschaffene, noch nicht Seiende, Werdende. (anthrowiki.at/Chaos )
81 Kindel/Nelson 2018, S. 168-172
82 Der Denksinn, Gedankensinn, Begriffssinn oder Vorstellungssinn ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Denksinn )
83 Der Ich-Sinn ist einer der zwölf Sinne, nach Rudolf Steiner. (anthrowiki.at/Ichsinn )
84 Bewusstsein ist die Fähigkeit jene Zusammenhänge zu übersehen, die uns konstituieren: es ist ein stets statthabender Akt des Integrierens und Richtens. Wir müssen uns grundsätzlich darüber klar sein: Bewusstsein erschöpft sich nicht in formalem Wissen, ja selbst nicht in verarbeitetem Wissen. Es ist weder mit dem Denkprozess identisch, noch beschränkt es sich auf das bloße Ich-Bewusstsein. Seine erhellende Funktion besteht durchaus nicht in bloßer Räumlichung und Zeitlichung. Es ist kein bloßes gegenüber zu den Dingen und Erscheinungen, sondern beobachtender Zuschauer, aber auch handelnde Instanz und hat regulative Funktionen. (Gebser, 1986, S. 291)