Diskussionen gleichen oft einem Kampfplatz, auf dem Argumente zerlegt und Probleme verengt werden, ohne dass dabei wirklich Neues entsteht. Wahre Entwicklung beginnt erst im Dialog, der die Enge alter Denkmuster verlässt und sich dem kreativen Unbekannten öffnet. Hierbei wird das Gespräch zur Kunstform: Durch intuitives Begreifen, inspiratives Hören und imaginatives Bilden verbindet sich das «Ich» aktiv mit dem Gegenüber und der Sache selbst. Statt bloß Recht haben zu wollen, entsteht ein Raum für Transformation, in dem sich widersprechende Perspektiven zu einer höheren, lebendigen Einsicht vereinen.
von Michael Plein | Frühjahr 2024
Ich beobachte, dass überall und ständig diskutiert wird: im Privaten, in den Medien, in der Politik, in den Unternehmen. Die Diskussion gilt heute als selbstverständlich. So entsteht vielleicht der Eindruck, dass die Diskussion die einzig mögliche und richtige Kommunikationsweise ist, um Probleme zu bearbeiten und Fragen zu lösen.
Ich will in diesem Kapitel zeigen, dass die Diskussion im Feld der Realität durchaus die richtige Herangehensweise für sogenannte konvergente85 Probleme ist – und wie der Freiheitsprozess eine produktive Diskussion ermöglicht. Ich werde aber auch zeigen, wann die Diskussion am Ende ist: nämlich dann, wenn sich Probleme als divergent86 zeigen, wenn es um die Zukunft und die Freiheit geht und deshalb Kreativität gefragt ist.
Eine Diskussion ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen, in dem ein bestimmtes Problem untersucht wird und die unterschiedlichen Ansichten mitgeteilt und auch verteidigt werden, um eine Lösung zu finden oder auch eine Entscheidung zu treffen.87 Die Diskussion wird im Freiheitsprozess durch ein aufrecht stehendes Dreieck im Feld der Realität repräsentiert, denn in der Diskussion richten Ich und meine Diskussionspartner die Perspektive in das Feld der Realität und der körperlichen Außenwelt.
Das bedeutet, das Problem, der Gegenstand, die Situation, die Fakten werden genau betrachtet und in ihren Einzelheiten untersucht. Dazu werden auch die Erfahrungen und Kenntnisse von Spezialisten und Experten herangezogen. Das blaue Dreieck symbolisiert also diese Außenperspektive. Es zeigt sozusagen den Blickwinkel des Ich in Richtung der Realität.
Der Ausgangspunkt für die Diskussion ist ein konkretes Problem, eine praktisch orientierte Frage. Für dieses Problem soll aus dem bestehenden Bewusstsein – aus den bereits vorhandenen Kenntnissen und Erfahrungen – heraus eine Antwort, eine Entscheidung oder eine Festlegung gefunden werden. Dazu werden die bestehenden Fakten betrachtet. Das Ziel der Diskussion ist eine Veränderung: Am Ende sollen Fakten entstehen, die äußere Form soll verändert werden – durch eine praktische Tat, eine Aktion, will man ein konkretes produktives Ergebnis erreichen.
In den letzten Jahren wird in Wirtschaft und Gesellschaft viel von Change und Transformation gesprochen. Ich würde diese beiden Begriffe aber nicht als gleichbedeutend verwenden. Der Change wäre für mich die Veränderung, die, wie eben beschrieben, gemacht wird, wenn man ein konvergentes triviales88 Problem löst und veränderte Tatsachen schafft. Dann entsteht eine veränderte Form, aber nichts wirklich Neues, denn die veränderte Form wurde aus dem bestehenden Bewusstsein der Beteiligten heraus gemacht. Die Transformation ist, wie das Wort selbst sagt, eine Form jenseits des Bestehenden. Für eine Transformation muss wirklich etwas Neues in die Welt kommen. Dieses Neue ergibt sich aber nicht aus der Diskussion, sondern wie Ich gleich zeigen werde im Dialog.
Zur Lösung des Problems werden in der Diskussion verschiedene Beobachtungen, Meinungen, Argumente und Kenntnisse von Außen aufgenommen. Das blaue Dreieck zeigt sehr gut, wie die Fakten im Verstand des Ich zusammenlaufen. Die Untersuchung und Analyse der Diskussionsinhalte ermöglicht dem Verstand nun, eine Lösung zu finden und zu einer Entscheidung zu kommen. Das geht aber nur dann, wenn das Problem eine Konvergenz zeigt.
Konvergenz heißt, die verschiedenen Diskussionsinhalte ergeben einen logischen Zusammenhang. Durch weitere Details, lässt sich das Problem weiter eingrenzen und lösen. Die Argumente nähern sich an, die Meinungen und Ziele zeigen Übereinstimmungen.
In einer produktiven Diskussion muss die Lösung nicht im Konsens oder Einstimmig beschlossen werden. Wegen der Konvergenz, wird sie aber für diejenigen, die eine andere Meinung vertreten, nachvollziehbar und damit auch vertretbar sein.
In vielen Diskussionen fällt es bereits schwer, zu einer möglichst objektiven Sicht auf die Dinge zu kommen, wenn die persönlichen Muster der Beteiligten nicht ausreichend geklärt sind. Ich habe deshalb die drei Ebenen der Realität – die leibliche, die emotionale und die mentale Ebene – hier noch einmal in den Bildbegriff eingeordnet – denn diese drei Ebenen beinhalten die persönlichen Muster. Wenn Ich mein realistisches Denken betätige, kann Ich diese Muster klären, wodurch Objektivität und Selbstbeherrschung entstehen. Das habe Ich im Kapitel über die drei Ebenen im Feld der Realität beschrieben.
Es erfordert eine gründliche Selbstreflexion, das was die eigenen Gewohnheiten, Emotionen und Vorstellungen mir «präsentieren», nicht mit der Realität zu verwechseln.
Viele Leute sind sogar darauf geprägt, die eigene Meinung durchsetzen zu müssen. Manchmal besteht sogar eine diffuse Angst davor, die eigenen Annahmen öffentlich – also vor den anderen – aufzugeben. Wenn Ich mich nämlich unbewusst mit meinen Meinungen identifiziere, kann es meine Identität gefährden, wenn Ich mich von meinen Meinungen befreie. Diskussionen können sehr unproduktiv werden, wenn moralisierende, ideologische oder dogmatische Meinungen im Spiel sind – ohne dass das den Beteiligten klar wird.
Eine wirklich produktive Diskussion nimmt erst dann ihren Anfang, wenn es den Teilnehmern durch die bewusste Bearbeitung und Ordnung persönlicher und subjektiver Muster gelingt, möglichst objektiv und sachlich zu bleiben.
Ich beobachte allerdings auch oft das Phänomen, dass Diskussionen trotz Sachlichkeit, Intelligenz und Expertenwissens zu keiner Lösung kommen. Je intensiver das Problem untersucht wird, desto mehr widersprüchliche Antworten tauchen auf – das Problem zeigt eine Divergenz, es läuft auseinander. Ich zeige das in der Grafik durch das zweite Dreieck, dass mit seiner Spitze auf dem Ich steht und nach oben in das Feld der Kreativität auseinanderläuft.
Gerade die großen und aktuellen Fragen über die Zukunft von Arbeit, Geld und Wirtschaft; Fragen zur Gestaltung des sozialen Ganzen im Zusammenhang mit den Aufgaben des Einzelnen; Fragen nach Freiheit, Frieden und Demokratie; aber auch die Frage nach der Zukunft des eigenen Unternehmens, scheinen mittlerweile nicht mehr durch Diskussionen zu einer Lösung zu kommen. Bei solchen Fragestellungen scheint die Diskussion am Ende!
Das liegt nicht daran, dass man noch nicht die richtigen Experten befragt hat, sondern das liegt in der Fragestellung selbst. Alle diese Fragen beziehen sich nämlich auf die Zukunft und sie erfordern deshalb Kreativität. Solche Probleme können nicht wirklich aus dem bestehenden Bewusstsein – aus den bereits vorhandenen Kenntnissen und Erfahrungen – beantwortet werden. Hier sind neue Ideen und zukünftige Möglichkeiten, und damit eine Transzendenz des vorhandenen Bewusstseins notwendig. Zukunft, Kreativität, Freiheit und Transzendenz lassen sich durch die Diskussion nicht erreichen, denn wie die Grafik zeigt, wirkt die Diskussion nur im Feld der Realität – die genannten Begriffe betreffen aber das Feld der Kreativität. Jetzt ist der Dialog notwendig, nicht als alternative Kommunikations- form, sondern als innere Haltung.
Eine produktive Diskussion ist aber eine wichtige Voraussetzung, eine Grundlage für den Dialog ist. Wenn das untere blaue Dreieck nicht stabil steht, kann Ich das obere Dreieck nicht oben drauf setzen und ausbalancieren. Außerdem wird die Diskussion benötigt, wenn das Neue und Zukünftige durch den Dialog entwickelt worden ist und dann verwirklicht werden soll.89
Ein wesentlicher Begriff im Freiheitsprozess ist der Dialog. Dialog wird oft vorschnell als ein Zwiegespräch oder ein Gespräch zwischen mehr als zwei Personen verstanden Im Freiheitsprozess hat Dialog aber eine viel weitere Bedeutung. Er bedeutet keine besondere Form der Gesprächsführung, sondern die Verbindung mit der geistigen Innenwelt, die Praxis des gemeinsamen kreativen Denkens und eine Haltung der selbstbestimmten Entwicklung.
«Dialog ist keine nette Unter-haltung.
Dialog ist ein Prozess, durch den der Logos
– der schöpferische Geist – hindurch geht.»
— Ich, 2022
Um das zu verstehen, will Ich die Wortherkunft von «Dialog» genauer betrachten. Das Wort Dialog stammt vom griechischen «dia-logos». Wobei «dia» hindurch, hindurchfließen oder hindurchgehen bedeutet; «dia-logos» heißt also soviel wie «hindurchfließen des Logos» oder «wo der Logos hindurch geht». Der Begriff Logos wird oft als Wort oder Rede interpretiert. Aber auch das ist mir zu wenig. Eine weitere Bedeutung von Logos ist nämlich: geistiges Vermögen, menschliche oder göttliche Vernunft, umfassender Sinn und Weltvernunft. Das sind weitreichende Begriffe, die im Grunde auf Dasselbe hindeuten, was Ich im Freiheitsprozess als das Feld der Kreativität beschreibe. «dia-logos» bedeutet also, dass das Feld der Kreativität hindurchscheint oder hindurchfließt.
Aber wo scheint oder fließt das Feld der Kreativität nun hindurch? Dazu will Ich wieder einen Blick auf den Bildbegriff vom Freiheitsprozess werfen. Das Ich-Bewusstsein befindet sich zwischen Realität und Kreativität – es überschneidet sich mit diesen beiden Feldern. Die Grafik zeigt so schon deutlich, wo das Feld der Kreativität hindurchgeht. Zum einen wirkt das Feld der Kreativität durch mein Ich – denn die obere Hälfte des Ich überlagert sich mit dem gelben Feld der Kreativität. Zum anderen fließt das Feld der Kreativität durch die Realität – also durch die gesamte untere Hälfte der Grafik. Das wird deutlich, wenn Ich mir vorstelle, dass sich alle Elemente der Grafik an der mittleren Horizontlinie spiegeln. Die Spiegelung bedeutet, dass Kreativität und Realität aufeinander und miteinander wirken.
Diese Felder sind in Wirklichkeit nicht getrennt, sondern sie sind untrennbar ineinander verwoben. Somit hat hier alles eine Außen- und eine Innenseite – alles ist körperlich und geistig zugleich.
Das wirft auch ein neues Licht auf das Verhältnis von realistischem Denken und kreativem Denken. In den vorangegangenen Kapiteln habe Ich bereits gezeigt, wie die Schleife des realistischen Denkens, durch das Feld der Realität verläuft und den Verstand mit dem unteren Pol der persönlichen Freiheit verbindet – und wie die Schleife des kreativen Denkens, durch das Feld der Kreativität verläuft und damit die Vernunft mit dem oberen Pol der kreativen Freiheit verbindet. Bisher könnte Ich meinen, dass kreatives Denken so etwas wie eine reine geistige Innenschau ist. Zum kreativen Denken müsste Ich also eine Innenperspektive einnehmen – so wie es das blaue Dreieck jetzt zeigt, das mit seiner Spitze auf dem Ich steht und sich nach oben in das Feld der Kreativität öffnet. Eine solche Innenperspektive würde eine tiefe innere Einkehr, eine Klausur oder Meisterschaft der Meditation erfordern. Ich müsste vielleicht übersinnliche Wahrnehmungen oder hellseherische Fähigkeiten einüben oder vielleicht bewusstseinserweiternde Drogen nehmen. Für die meisten Leute – auch für mich – wäre diese Art der reinen geistigen Innenschau aber wohl noch weit entfernt, unpraktisch und wenig alltagstauglich.
Wenn aber das Feld der Kreativität durch das Feld der Realität hindurch scheint, dann kann Ich auch viel praktischer und direkter vorgehen, indem Ich versuche, mir die Kreativität durch die Außenwelt zu eröffnen. Denn das, was von Innen aus dem Feld der Kreativität auf das Ich zukommt, zeigt sich ja gespiegelt im Feld der Realität. Das allgemeine Geistige zeigt sich im speziellen Körperlichen. Diese nach Außen gespiegelte Perspektive zeige Ich durch das aufrecht stehende Dreieck, dass aus dem Feld der Realität auf das Ich im Zentrum zuläuft.
Dialog bedeutet nun, dass Ich mir beide Dreiecke, beide Perspektiven zugleich bewusst mache. Während Ich die gewohnte Außenperspektive einnehme, schalte Ich die Innenperspektive dazu. Während das alltägliche realistische Denken abläuft, läuft mein kreatives Denken als Parallelprozess. Während Ich in einer Diskussion bin, nehme Ich zugleich eine dialogische Haltung ein, um mich mit der geistigen Innenwelt zu verbinden. Dazu kann Ich die Gegenstände und Situationen der Realität zum praktischen Anlass dafür nehmen das Kreative in ihnen zu entdecken.
«Das Äußere ist ein
zum Geheimniszustand erhobnes Innre.»
— Novalis, 1772-1801
Ich nehme also eine bestimmte Haltung oder Einstellung ein. Diese Einstellung ist eine bewusste Aufmerksamkeit dafür, dass und wie die geistige Innenwelt mit der körperlichen Außenwelt in Zusammenhang steht. Ich versuche zu begreifen, wie der Logos, also die Kreativität durch die Realität hindurchfließt. Ich frage mich nach der weiteren Bedeutung alltäglicher Ereignisse in Bezug auf die selbstbestimmte Entwicklung meines Ich.
In vielen alltäglichen Situationen, sozialen Zusammenhängen und besonders in Gesprächen mit anderen Menschen, winkt die Gelegenheit, um kreativ zu denken, etwas Neues zu lernen, eine zukünftige Möglichkeit zu entdecken und eine gute Idee zu haben. Wenn etwas in besonderer Weise meine Aufmerksamkeit erregt und mich herausfordert, wird es zur einmaligen Schicksalsfigur – es wird zum Ausgangspunkt für meinen Freiheitsprozess und für den Freiheitsprozess des Ganzen.
Im Dialog bin Ich – so wie jeder andere Mensch – in der ständigen Gefahr beziehungsweise Chance aufzuwachen, und mich selbst und mein Verhältnis zum Lauf der Dinge zu erkennen.
Um im Dialog zu bleiben, kann Ich mein Ich zum inneren Beobachter machen. Ich setze mein Ich ganz bewusst in das Zentrum meines Bewusstseins, auf die Grenze zwischen Realität und Kreativität. Das Bild zeigt, wie das Ich von hier aus beide Perspektiven einnehmen kann, ohne sich aber mit der einen oder anderen Richtung zu sehr identifizieren zu müssen. Ich kann in dieser Position, mit etwas Distanz über den Dingen stehen. Ich kann eine übergeordnete Perspektive einnehmen, und das was Außen und Innen vorgeht, fragend und forschend beobachten.
Dazu kann Ich mir zum Beispiel folgende Fragen stellen: Was kann Ich aus der Situation lernen? Woran stoße Ich mich besonders? Warum sind genau diese Menschen hier und jetzt zusammengekommen? Welche neuen Ideen, welche zukünftigen Möglichkeiten zeigen sich hier? Welcher Sinn, welche höhere Bedeutung könnte dahinter stecken?
Im Dialog muss Ich also nicht diskutieren, Ich muss die Anderen nicht aufklären, überzeugen, unter-richten, unter-halten oder sie beraten. Es ist nicht wichtig, meine Meinungen und Vorstellungen in andere Personen einzulagern – es geht nicht darum, Argumente auszutauschen oder zu konsumieren. Dialog ist keine Frage des Intelligenzquotienten, sondern vielmehr der menschlichen Redlichkeit, der Bereitschaft, von Erfahrungen zu lernen, und der Offenheit für neue Ideen und zukünftige Möglichkeiten – Dialog ist eine Haltung der Unvoreingenommenheit. [Senge]
Im Dialog geht es um den Freiheitsprozess, um die Transzendenz des Bewusstseins, um die selbstbestimmte Weiterbildung und das «Dazulernen» aller Beteiligten. Dialog ist das ernsthafte Streben nach eigenem freien und kreativen Denken, um Zukunft, Kreativität und Freiheit hervorzubringen.
In diesem Kapitel stelle Ich Ihnen die drei Formen der gemeinsamen Bewusstseinsbildung oder auch Dialogarbeit vor: die Plastik, die Konferenz und die Bildbegriffe. Die Integration dieser drei Arbeitsformen ermöglicht die bewusste Umstülpung der geistigen Innenwelt nach außen. Das Feld der Kreativität kann in der Realität bearbeitet werden. So kann der Freiheitsprozess, ganz praktisch, in alltäglichen Situationen und in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen, entwickelt und verwirklicht werden. Gemeinsame Bewusstseinsbildung ist die wirksame Praxis der Freiheit.
Im Freiheitsprozess bedeutet Dialog, dass der Logos durch die Außenwelt hindurchfließt, dass sich also das Feld der Kreativität sozusagen als der Hintergrund der Realität zeigt. Erkenntnisse und Wirkungen in Bezug auf das geistige Innen kann Ich im Dialog durch das körperliche Außen erreichen. Im Rahmen der gemeinsamen Bewusstseinsbildung stelle Ich bewusst Situationen her, in denen der Dialog mit dem Feld der Kreativität verstärkt wird.
Die Dialogarbeit verbindet dazu die drei Arbeitsformen Plastik, Konferenz und Bildbegriffe. Plastik bedeutet die plastische, körperliche Form, den Raum oder die Zeit, in der sich Menschen zur Zusammenarbeit versammeln. Konferenz ist das Gespräch, das Reden und Zuhören, das laute und gemeinsame Denken, das zur Sprache bringen von Ideen. Bildbegriffe ermöglichen das, was gesprochen und gedacht wird, durch grafische Darstellungen offensichtlich zu machen, es für alle Beteiligten sichtbar zu machen, zu ordnen und festzuhalten. Jede der drei Formen spiegelt dabei eine der drei Ebenen im Feld der Kreativität. Die Plastik spiegelt die intuitive Ebene, die Konferenz die inspirative Ebene und die Grafik die imaginative Ebene.
Durch die Integration der drei Arbeitsformen in der Dialogarbeit, kann Ich das Feld der Kreativität, das geistige Innen, bewusst und gezielt nach Außen umstülpen. So kann Ich innere Absichten und Einsichten durch die gewohnten äußeren Aktionen und Reflexionen bewirken. Ich kann das kreative Denken praktisch im Alltag und in der Realität umsetzen – und Ich kann mit anderen Menschen gemeinsam kreative Freiheit entwickeln und kreativ Denken, Ich kann «ko-kreativ» arbeiten, weil Ich eine gemeinsame äußere Situation, als Spiegel der inneren Tätigkeit der beteiligten Menschen schaffe.
Um diesen ganzen Zusammenhang klarer zu machen, will Ich in diesem Kapitel die drei Formen der Dialogarbeit genauer beschreiben. Ich will auch versuchen, klar zu machen, auf welche Weise jede der drei Formen jeweils eine Ebene der Kreativität in eine Ebene der Realität spiegelt. Dazu werfe Ich wieder den Blick auf das Bild vom Freiheitsprozess – das Ich ja in den vorausgegangenen Kapiteln Schritt für Schritt, bis zu der hier gezeigten Form, bereits beschrieben habe.
In der gemeinsamen Bewusstseinsbildung verändert sich die Qualität der Realität – die untere Hälfte des Bildes bekommt eine neue Eigenschaft. Bisher war die Realität bloß die äußere körperliche Welt, die getrennt von der geistigen Innenwelt war. Im Dialog arbeite Ich jetzt mit der Verwebung und Durchdringung der Realität mit der Kreativität. Die Realität bekommt eine höhere Bedeutung, sie zeigt sich jetzt mysteriös, schicksalhaft, sinnvoll und schöpferisch. Um diese neue Qualität im Vergleich zu alten Qualität zu zeigen, setze Ich in der Abbildung rechts neben dem bekannten Bild ein zweites Bild, in dem Ich die Formen der Dialogarbeit einordne.
Die erste und grundlegende Ebene der Dialogarbeit ist die Plastik. Eine Plastik ist definiert, als ein dreidimensionales, körperhaftes Objekt in der bildenden Kunst. Nun will ja der Freiheitsprozess die kreative Freiheit der Menschen entfalten, damit diese selbstbestimmt ihr Leben und ihre Zukunft gestalten. In diesem Sinne wird die Welt zum plastischen Kunstwerk. In dieser kreativ gestalteten Welt, ist im Grunde jede Situation, jedes Zusammentreffen von Menschen, jeder soziale Zusammenhang eine Plastik – denn hier formt sich etwas plastisches, etwas räumliches, körperliches und modelliertes. Alles was sich im Außen formt, hat einen inneren Sinn. Jede plastische Situation ist eine Schicksalsfigur, deren Bedeutung es im Dialog zu begreifen gilt.
Die Plastik bringt nun das Intuitive zum Ausdruck, denn die Plastik ist ein Spiegel der intuitiven Ebene. Der Inhalt dieser überbewussten Ebene, das komplexe und chaotische, der schwache Abglanz90 von Gedanken und vage Einfälle, können sich in einer «sozialen Plastik» konkret zeigen. Die beteiligten Menschen bringen unterbewusst, durch die leibliche Ebene, das Überbewusste und intuitive, das sinnvolle und schicksalhafte zum Ausdruck.
Zum Beispiel durch ihr Verhalten, die Kleidung, die Mimik oder Gestik; durch die Art und Weise wie man räumlich zueinander in Beziehung steht, ob man sitzt, steht oder geht; durch die äußeren Umstände, die Räumlichkeit, den Ort, die Jahres- oder Tageszeit; durch Störungen, durch einen der zu spät kommt, durch einen Streit oder durch einen der besonders klug oder auch dumm daherredet; und durch vieles, was sonst noch passiert. Die Übung in der gemeinsamen Bewusstseinsbildung durch die Plastik ist es, das Intuitive, was sich in der Plastik zum Ausdruck bringt, zu beobachten, zu erforschen und zu erkennen. Außerdem ist es wichtig zu lernen, die leibliche Ebene, das gewohnheitsmäßige und instinktive, vom durchdringenden Intuitiven zu unterscheiden.
«Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.» — Joseph Beuys
Die Welt ist tatsächlich voller Plastiken, an denen Ich dialogisch lernen und erwach(s)en kann. Diese Möglichkeit habe Ich in vielen ganz normalen Situationen, zum Beispiel, wenn Ich mit Leuten im Zugabteil sitze oder wenn Ich am Hauptbahnhof eine Zeitschrift kaufe. Ich kann aber auch ganz gezielt eine Plastik erzeugen. Eine einfache Möglichkeit dazu, ist, Menschen zu einem gemeinsamen Freiheitsprozess einzuladen – denn wo zwei oder drei im Freiheitsprozess versammelt sind, da sind die guten Ideen und zukünftigen Möglichkeiten, also die kreative Freiheit, mitten unter ihnen.
Damit komme Ich zur zweiten Ebene der Dialogarbeit, der Konferenz. Beim Wort Konferenz hat man vielleicht schnell die Vorstellung von einem schweren Besprechungstisch, an dem Herren mit Krawatten sitzen und die Köpfe oder gar Zigarren rauchen lassen. Das kann so sein, das muss aber nicht so sein, denn mit Konferenz meine Ich hier zunächst jede Art von Gespräch, Beratung und Zusammenkünften – ganz egal wie sich das plastisch zeigt. Die Konferenz ist eine Ebene der Dialogarbeit, die das Inspirative zur Sprache bringt, denn die Konferenz ist ein Spiegel der inspirativen Ebene.
Ich habe das Inspirative bisher so beschrieben, dass gute Ideen und zukünftige Möglichkeiten hier wie ein zarter Hauch, wie etwas leises, geflüstertes, sprachliches im Innen hörbar und fühlbar werden. In der Konferenz kann das leicht ins Außen fließen, wenn der Verstand die Kontrolle über das Gesagte loslässt und Ich anfange laut zu denken. Manchmal entsteht dann eine Art «Flow», ein Redefluss. Wenn in einem solchen Redefluss das kreative Denken beteiligt ist, kann es sein, dass die Idee selbst durch mich spricht.91 Insofern ist es wahrscheinlich, dass im Redefluss ganz neue Erkenntnisse, Einsichten und Weisheiten hervorkommen. Es ist möglich, dass Ich etwas ausspreche, was Ich selbst vorher noch nicht wusste, was mir noch nicht bewusst war. Das praktische daran ist, dass diese Neuigkeit auf gewohnte Weise über die äußeren Sinne wahrnehmbar wird – für mich und für die anderen.
Lautes Denken und Redefluss, heißt dann aber nicht, dass man einfach irgendwas sagen darf. Zu einer Konferenz gehört es, aufmerksam zu sein, auf die eigenen Redeanteile zu achten, keine sinnlosen Monologe zu halten oder irgendwas ohne wirklichen Gehalt zu reden. Neben dem Sprechen ist in der Konferenz auch das Hören und Fühlen wichtig. Es ist wichtig, ein Gefühl für die anwesende Stimmung und ein Gehör für das, was wirklich gesagt wird, zu entwickeln. In der Konferenz, geht es nicht um die Worte selbst, und auch nicht um die persönlichen Vorstellungen, die mit den Worten erinnert werden, sondern es geht um die Begriffe, also die wirkliche Bedeutung hinter den Worten.92 Ich habe die Verantwortung, die Begriffe zu entdecken, selbstbeherrscht zu zu hören, mich mit die anwesenden Ideen einzustimmen und diese selbst zu denken.
Die Bedeutung kommt nämlich erst dadurch in das Bewusstsein der Gesprächspartner, indem das von Außen gehörte Wort mit einem von Innen kommenden Gedanken zusammenfällt – wenn Reflexion und Einsicht beim «Ich» zusammentreffen. Das bedeutet, dass immer dann, wenn zwei Menschen miteinander sprechen, noch jemand drittes anwesend ist – nämlich die neue, gute Idee, die zukünftige Möglichkeit, über die im Moment gesprochen wird. Die Übung in der Dialogarbeit mit der Konferenz ist es, das Inspirative, was sich in der Konferenz zur Sprache bringt, zu beobachten, zu erforschen und zu erkennen. Dazu ist es wichtig zu lernen, die eigene emotionale Ebene, die subjektiven Zuneigungen und Abneigungen von den durchfließenden inspirativen Stimmungen zu unterscheiden. Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass jeder Mensch ganz individuell geprägt ist, weshalb dieselbe durch eigenes Denken begriffene Idee, ganz unterschiedlich zum Ausdruck kommen kann.93 Auf der Suche nach einer gemeinsamen Ideen ist es also wichtig, den anderen wirklich verstehen zu wollen, um die Sache selbst zu verstehen.
Die Konferenz ist wohl die alltäglichste und selbstverständlichste Form der gemeinsamen Bewusstseinsbildung. Die meisten Gespräche mit denkenden, fühlenden und wollenden Menschen bieten mir die Möglichkeit zu weiteren Erkenntnissen und Einsichten zu gelangen – und das in ganz alltäglichen Situationen. Dazu muss Ich nicht besonders genial, fantasievoll oder hellsichtig sein. Es reicht aus, aufmerksam im Dialog zu sein – die Voraussetzung dazu ist, dass ich bereits einen Begriff vom inspirativen Hintergrund des Gesprächs und vom Wesen des Dialogs habe.
Eine Konferenz kann Ich leicht bewusst erzeugen. Ich kann gezielt Menschen zum Gespräch einladen. Damit entsteht dann schon eine Plastik und, sobald man ins Gespräch kommt, eine Konferenz. Dazu sollte aber vorher für alle Beteiligten der Anlass bewusst sein: wir treffen uns zum Freiheitsprozess statt zum Kaffeekränzchen, wir wollen Wachstum statt «Unter-haltung», wir entdecken etwas Neues statt mehr vom Selben zu wiederholen und unsere Absicht ist Aufrichtung statt Ablenkung.
Die dritte Ebene der Dialogarbeit ist der Bildbegriff. Eine Bildbegriff ist eine Bilddarstellung, die Zeichnungen und Schrift enthält. Bildbegriffe sind etwas ganz alltägliches: Hinweisschilder, Verkehrsschilder, Markenzeichen, Symbole auf Schaltern und Tasten, Symbole von Apps auf dem Smartphone oder die sogenannten «Emojis» in Kurznachrichten, kennt jeder. Solche Bilder haben meist eines gemeinsam: sie weisen auf eine bestimmte Bedeutung, einen gedanklichen Inhalt, auf eine bestimmte Idee hin. Auch Bilder mit religiöser oder spiritueller Bedeutung sind allgemein bekannt: zum Beispiel das Ying-Yang-Symbol, die Blume des Lebens oder das Christus-Kreuz, dass in Abwandlung als «rotes Kreuz» ja auch eine bekannte Grafik ist, die Hilfe, Rettung und Heilung bedeutet.
Im Freiheitsprozess verwende Ich nun eine bestimmte Form des Bildbegriffs, wobei das Ganze in einem Kreis dargestellt wird, der dann immer weiter ausdifferenziert wird. Die wichtigsten Elemente dieses Bildbegriffs vom Freiheitsprozess haben Sie in den vorangegangenen Kapiteln bereits kennengelernt. Diese wichtigsten Elemente sind: die Grundform des Kreises; die mittlere Grenze; das schwarze, gelbe und rote Feld; der obere und untere Pol und das Zentrum; die Ebenen innerhalb der Felder; die prozessualen Schleifen und Pfeile, sowie die perspektivischen und hierarchischen Dreiecke. Diese Elemente des Bildbegriffs kann Ich über verschiedenen Medien verwenden: zum Beispiel als Bleistiftzeichnung in meinem Notizbuch, als Tafelbild, als Zeichnung auf einem Flipchart – oder als eine elektrische Präsentationsfolie – und im einfachsten Falle als Vorstellung in meinem Ich-Bewusstsein.
Durch die Kombination dieser Elemente ermöglicht es der Bildbegriff vom Freiheitsprozess, das Imaginative offensichtlich zu machen, denn der Bildbegriff ist ein Spiegel der imaginativen Ebene. Die imaginative Ebene bedeutet, dass Ich es hier mit inneren Bildern, mit Einbildungen zu tun habe. Ideen sind ja zunächst ideale und abstrakte Gedanken, weshalb auch diese inneren Bilder oft ideal und abstrakt sind. Sie zeigen sich deshalb in einfachen geometrischen Formen, in Symmetrien94 und Symbolen95. Die scheinbar banale96 Darstellung, aus wenigen geometrischen Elementen, wirkt imaginativ. Die symbolischen Farben, Kreise, Halbkreise, Schleifen, Dreiecke und Linien sind mehr als bloße Elemente einer Zeichnung. Sie tragen in ihrer Kombination Inhalte aus dem Feld der Kreativität in sich – sie lassen durch ihre reale Erscheinung die Ideen durchleuchten – und so kann mir etwas einleuchten. Durch Betrachtung und Durchdenken dieser symbolischen Darstellung kann Ich so selbst immer wieder neue Bedeutungen und Erkenntnisse hervorbringen. Der Bildbegriff wendet also die inneren Bilder nach außen. Damit macht er Ideen offensichtlich – das heißt, die Idee kommt durch den Bildbegriff in die Realität, sie kommt in eine äußere Form, in Wort und Bild – was dann jeder mit seinen eigenen Augen sehen kann. Durch den Bildbegriff auf zum Beispiel einer Tafel, können wir gemeinsam durch die Tafel in das geistige Feld und die Zukunft schauen.
Der Bildbegriff hat einen Verstandes-Charakter und einen Vernunft-Charakter. Der Verstandes-Charakter heißt, dass die Grafik es ermöglicht, Ideen und Begriffe in eine Ordnung zu bringen, sie zu unterscheiden und abzugrenzen, zu analysieren und zu definieren. Wie in einem Setzkasten können komplexe Begriffe eingeordnet werden. Andererseits hat die Grafik einen Vernunft-Charakter, denn sie ermöglicht die Synthese – sie ermöglicht es, weitreichende Zusammenhänge und innere Qualitäten zu erkennen – durch die enthaltenen symbolischen Formen und vor allem durch seine Symmetrien. Mit Symmetrie sind die vorkommenden Polaritäten, die Spiegelsymmetrien und die Drehsymmetrien gemeint, aber auch die Selbstähnlichkeit. Mit dem Bildbegriff vom Freiheitsprozess lässt sich nämlich nicht nur, wie in diesem Buch ausgeführt, die leibliche, seelische und geistige Struktur des Menschen darstellen, sondern dieses Bild kann verschiedenste Begriffe, sowie die Struktur des sozialen Ganzen, also von Wirtschaft, Unternehmen und Gesellschaft darstellen. Das ist ja auch logisch, weil alle diese Strukturen immer aus der sozialen Verwebung einzelner Menschen entstehen.
Die Arbeit mit dem Bildbegriff bedeutet, das Imaginative, was im Bild offensichtlich wird, genau zu beobachten, zu erforschen und zu erkennen. Dazu ist es wichtig zu lernen, die mentale Ebene, die persönlichen Voreingenommenheiten von den durchscheinenden imaginativen Einbildungen zu unterscheiden. Zur Erweiterung einer Konferenz kann Ich sehr gut die Bildbegriffe anwenden und so dem Dialog noch mehr Kraft geben. Ich kann während eines Gesprächs zum Beispiel eine Grafik als Notiz anfertigen, um die besprochenen Ideen klarer und deutlicher herauszuarbeiten. Wenn Ich mit einem Team in einer Konferenz arbeite, macht es Sinn, den Bildbegriff größer in den Raum zu bringen. Zum einen, damit der Bildbegriff für alle gut sichtbar ist, zum anderen, um ihm eine gewisse Würde zu verleihen – denn der Bildbegriff repräsentiert ja die Ideen der Anwesenden und die anwesenden Ideen. Durch den Bildbegriff erscheint also das wesentliche.
Dazu hat es sich bewährt, Bildbegriffe simultan zur Konferenz, auf einem Flipchart oder einer Tafel zu entwickeln. Eine solche simultane Zeichnung kann dann die Konferenz und das gemeinsame kreative Denken stärken – und auch das realistische Denken wird unterstützt. Außerdem bewirkt der Bildbegriff eine Konzentration, weil wichtige Gedanken offensichtlich vor den Teilnehmern stehen. Eine weitere Wirkung ist die Mediation97, weil durch den Bildbegriff die individuellen Gedanken der verschiedenen Teilnehmer augenfällig und gleichberechtigt im Raum stehen und in einem Bildbegriff zusammengeführt werden können. Zu guter Letzt ist der Bildbegriff eine nützliche Art der Dokumentation und Vervielfältigung, weil der Inhalt der Konferenz, die hervorgebrachten Ideen, festgehalten werden, um dann zum Beispiel durch ein digitales Foto verwahrt oder versendet zu werden.
85 Konvergenz f. ‘Zusammenstreben, Annäherung, Übereinstimmung’, zuerst ‘Neigung, Annäherung zweier Linien’ (18. Jh.), aus nlat. convergentia. (https://www.dwds.de/wb/konvergent )
86 divergent Part.adj. ‘auseinanderstrebend, gegensätzlich’ (18. Jh.); Divergenz f. ‘das Auseinanderstreben, Abweichen, Meinungsverschiedenheit’ (https://www.dwds.de/wb/divergent )
87 Die Diskussion bildet beim Team-Lernen das notwendige Gegengewicht zum Dialog. In einer Diskussion werden unterschiedliche Ansichten dargeboten und verteidigt. Dies kann eine nützliche Analyse der Gesamtsituation ergeben. Beim Dialog ist die Darbietung der unterschiedlichen Ansichten ein Mittel, um zu einer neuen Einsicht zu gelangen. Bei der Diskussion werden Entscheidungen getroffen. Beim Dialog werden komplexe Fragen erforscht. (Senge 1996, S 301)
88 In der Systemtheorie nach Luhmann beschreibt trivial eine Eigenschaft von Systemen. Im Gegensatz zu nicht-trivialen, komplexen Systemen liefern triviale Systeme bei einem bestimmten Input einen determinierten Output. Das heißt sie sind berechenbar und von außen bestimmbar. In der Regel treffen diese Eigenschaften auf Maschinen oder Mechanismen zu.
89 Dialog und Diskussion können sich potentiell ergänzen, aber die meisten Teams verfügen nicht über die Fähigkeit, zwischen den beiden zu unterscheiden und bewusst zwischen beiden hin- und her zu wechseln. (Senge 1996, S 288)
90 Es ist ein grober physischer Abglanz, wie wir heute die Gedanken des andern ja sogar nur auf dem Umweg der Sprache wahrnehmen. Und höchstens, wenn wir uns ein wenig dressieren auf die Gestikulationen und auf das Mienenspiel und auf die Physiognomie des andern, können wir noch einen Nachklang von dem wahrnehmen, wozu wir veranlagt waren. (Rudolf Steiner, GA 170, S. 247f)
91 Die Kunst des Dialogs besteht darin, dass man den Fluss der Bedeutung spürt und die eine Sache erkennt, die im gegebenen Augenblick gesagt werden muss. Wie die Quäker, die ihren Mitgliedern einschärfen, nicht einfach alles heraus zu plappern, was ihnen gerade in den Sinn purzelt, sondern nur jene Gedanken zu äußern, die wirklich zwingend sind und so aufwühlend, dass sie den Sprecher erbeben lassen, sagt der Helfer nur das, was gerade notwendig ist. Das trägt mehr zum Verständnis des Dialogs bei als jede theoretische Erklärung. (Senge 1996, S 300)
92 Vielleicht können wir dennoch etwas tun. Wir können einmal versuchen, unsere egoistischen Spaltungen beiseitezuschieben und unsere Seele als Ohr zu gebrauchen. Mit ihr in die Welt zu lauschen, geradeso wie wir guter Musik lauschen, sodass sich offenbart was im Hintergrund in den Menschen eigentlich lebt. Und wir können versuchen, Antworten zu geben aus unserer persönlichen Anteilnahme gegenüber den Menschen, aus einer warmen Sympathie für sie. (Lievegoed, 1972, S. 25–26)
93 Ein und derselbe Begriff, bzw. eine und dieselbe Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie veranlassen verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen (charakterologische Anlage). (Steiner, 1893, S. 125)
94 spiegelnd, selbstähnlich, fraktal, holographisch
95 einer Bildung zu griech. symbállein (συμβάλλειν) ‘zusammenwerfen, -legen, -fügen’ (https://www.dwds.de/wb/Symbol )
96 banal Adj. ‘geistlos, nichtssagend, alltäglich’ (https://www.dwds.de/wb/banal )
97 aussöhnende Vermittlung (https://www.dwds.de/wb/Mediation )